EuGH entscheidet über „Skalpell der Gentechniker“

Das "Genome Editing" kann bei Pflanzen Resistenzen gegen Krankheiten oder Trockenheit ausbilden. In den USA wird die Technik bereits angewandt. [Foto: Shutterstock]

Diesen Mittwoch fällt der EuGH sein Urteil über das gezielte Beschneiden von Pflanzengenen. Die Frage ist dabei: sollen die daraus produzierten Lebensmittel als genmanipuliert klassifiziert werden oder nicht?

Es geht um die Zukunft des Siegels „Ohne Gentechnik“, es geht um die Lebensmittelsicherheit, es geht um die Frage, wie sehr der Mensch in die Evolution eingreifen darf. Am Mittwoch entscheidet der Europäische Gerichtshof darüber, ob das „Skalpell der Gentechniker“ reguliert werden sollte – genauso wie auch ältere Methoden zur Veränderung des Erbguts von Pflanzen und Tieren. Die neue Methode mit dem Namen Crispr/Cas9 ist unter Experten schwer umstritten.

Konkret handelt es sich um eine Art Schere, mit der Biologen Teile der DNA eines Organismus löschen und ersetzen können. Die Methode gilt als relativ zielgenau und könnte die Züchtung von Pflanzen und Tieren mit bestimmten erwünschten Eigenschaften deutlich beschleunigen. Gegner warnen allerdings davor, dass die 2012 entwickelte Methode noch nicht ausreichend erforscht sei.
Aus diesem Grund reichten Umweltschützer Klage ein und fordern, dass Crispr von der Europäischen Union als Gentechnik eingestuft wird. Dann müssten Produkte, die mittels dieses Verfahrens hergestellt werden, einer umfangreichen Risikobewertung unterzogen werden, bevor sie für den Verkauf zugelassen werden. Bislang fallen Crispr und ähnliche Techniken nicht unter
die EU-Richtlinie für gentechnisch veränderte Organismen – die Methode wurde erst nach Erlass des Gesetzes entwickelt.

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Befürworter des sogenannten Genome Editing heben hervor, dass das Verfahren viel zielgenauer sei als etwa klassische Züchtung oder ältere gentechnische Verfahren. So seien die Züchtungen mit Hilfe von Crispr nicht mehr vom Zufall abhängig wie früher. Außerdem könnten Mutanten produziert werden, die ohne fremde DNA auskommen und auch auf natürliche Weise hätten entstehen können. Das macht den Nachweis von Genome Editing im Erbgut in vielen Fällen unmöglich.

In der Praxis könnte Genome Editing etwa bei Pflanzen Resistenzen gegen Krankheiten oder Trockenheit bewirken. So könnte Weizen beispielsweise gegen Mehltau resistent werden. Eine entsprechende Sorte wird in den USA bereits getestet. Die dortigen Behörden haben bestätigt, dass die Weizensorte nicht unter die dortigen Gentechnik-Vorschriften fällt. US-Forscher haben außerdem bei Speisepilzen die Genabschnitte ausgeschaltet, die für die Bräunung nach dem Anschneiden verantwortlich sind. Diese Pilze fallen ebenfalls nicht unter die US-Vorschriften.

Zwar werden sie noch nicht verkauft, doch warnt der langjährige Greenpeace-Mitarbeiter und heutige Direktor des Instituts Testbiotech Christoph Then vor den Crispr-Pilzen. „Es gab keine Untersuchung der US-Behörden zu den Auswirkungen der gentechnischen Veränderungen auf den
Stoffwechsel der Pilze“, sagt er. „Wir können nicht einfach den Gentechnik-Herstellern vertrauen, dass die Produkte unbedenklich sind.“ Das müsse unabhängig untersucht werden, fordert Then. Es gebe Forschungsergebnisse, die zeigten, dass Crispr gar nicht so zielgenau funktioniert wie Befürworter sagen.

Seit der breiteren Anwendung von Crispr haben sich zwei Fronten gebildet: Auf der einen Seite Gentechnik-Gegner, Biolandwirte und Handelsunternehmen. Sie argumentieren mit der Wahlfreiheit der Verbraucher, die auf Gentechnik verzichten wollen. Die Handelsketten fürchten, dass ihr „Ohne Gentechnik“-Siegel nichts mehr wert ist, falls Crispr und Co. nicht gemäß Gentechnik-Richtlinie gekennzeichnet werden müssen und somit theoretisch überall eingesetzt werden könnten. Mit dem Siegel verdienen sie nämlich Milliarden.

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Auf der anderen Seite stehen die Forscher und Konzerne, die mit den neuen Methoden arbeiten. Sie fürchten, dass bei einer Einstufung als Gentechnik keine Mittel mehr für die Forschung fließen und Europa bei dieser Zukunftstechnologie zurückfällt. Außerdem sind die Methoden vergleichsweise billig, weshalb auch kleine Labors und Züchter damit arbeiten könnten. Sie könnten die aufwendigen Zulassungsverfahren gemäß der Richtlinie nicht
stemmen, so die Argumentation.

Deshalb fordern die Befürworter, dass es auf das Ergebnis ankommen soll, nicht auf die Methode. Wenn also eine Pflanze mittels Crispr mutiert, komme es darauf an, ob das auch auf natürliche Weise hätte passieren können. Falls ja, soll sie nicht unter die Gentechnik-Richtlinie fallen. Es ist die Sichtweise, zu der auch die Gutachter des EuGH tendieren.

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