Steigende ukrainischer Exporte in die EU zeugen davon, dass der Handle gut laufe, so die EU-Kommission. Doch es gäbe auch ein „gewisses Risiko“, dass die Importe die Preise drücken und die lokale Produktion von Geflügel, Eiern und Zucker gefährden könnte.
„Wir sehen keine signifikante negative Entwicklung auf dem EU-Agrarmarkt“, sagte Pierre Bascou, stellvertretender Direktor der Kommission für Landwirtschaft, gegenüber Abgeordneten des Europäischen Parlaments. Die Abgeordneten äußerten in der vergangenen Woche in einer Sitzung des Landwirtschaftsausschusses des EU-Parlaments ihre Besorgnis über den Anstieg der ukrainischen Importe.
Bascou räumte jedoch ein, dass die EU-Kommission in Sektoren wie Geflügel, Eier und Zucker „eine gewisse Anfälligkeit und ein Risiko“ festgestellt habe. „Dies sind Sektoren, die wir sehr genau beobachten“, fügte er hinzu.
Die EU hob die Einfuhrbeschränkungen für die Ukraine im Juni 2022 vorübergehend, aufgrund des russischen Angriffskrieges, auf. Dies führte zu einem Anstieg ukrainischer Waren auf dem EU-Markt, die vor allem in den Grenzländern Ungarn, Polen, Slowakei und Rumänien die Preise drückten.
Während Getreide und Ölsaaten den größten Teil der Importe ausmachen, da die Ukraine einer der größten Getreideexporteure der Welt ist, wiesen die Abgeordneten auch auf andere Agrarprodukte hin.
„Die ukrainischen Geflügelfleischexporte in die EU sind im Vergleich zur Vorkriegszeit um 150 Prozent gestiegen, und bei Eiern […] um über 100 Prozent“, sagte der CDU-Europaabgeordnete Norbert Lins.
Bascou wies darauf hin, dass die Eierproduktion in der EU in den letzten Monaten zurückgegangen sei, was auf „den Anstieg der Produktionskosten und die Auswirkungen der Vogelgrippe“ zurückzuführen sei. Gleichzeitig sei die Nachfrage der Verbraucher gestiegen.
Die EU ist nach wie vor einer der größten Geflügelfleischerzeuger der Welt und Nettoexporteur mit einer Jahresproduktion von rund 13,4 Millionen Tonnen, wie aus EU-Daten hervorgeht.
Der Verband der Geflügelverarbeiter und des Geflügelhandels in der EU (AVEC) warnt jedoch, dass die Wettbewerbsfähigkeit der EU abnehme, und bezeichnet den Anstieg der Importe aus der Ukraine, aber auch aus Brasilien und Thailand als „sehr besorgniserregend“.
Zuckerimporte sind eine heikle Angelegenheit
Auch beim Zucker nehmen die Spannungen, insbesondere in Frankreich, zu. „Fabriken wurden geschlossen“, sagte die französische Europaabgeordnete Anne Sander (EPP).
Die ukrainischen Zuckerexporte in die EU stiegen laut Zahlen der EU zwischen Oktober 2021 und Juli 2021 von 25.000 Tonnen auf 390.000 Tonnen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
Der französische Verband der Zuckerrübenerzeuger (CGB) forderte in einer Präsentation am 28. November „eine klare Antwort der Europäischen Kommission auf die zukünftige Regulierung dieser Zuckereinfuhren.“ Der Verband befürchtet, dass die erhöhten Mengen die Preise drücken und den lokalen Erzeugern schaden könnten.
Bascou wies jedoch darauf hin, dass „die Preise für Zucker mit mehr als 800 Euro pro Tonne auf einem sehr hohen Niveau bleiben.“
Laut EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski hat der durchschnittliche Zuckerpreis in der EU „im Jahr 2023 ein Rekordhoch erreicht“. „Aufgrund einer schweren Dürre im Sommer dürfte die Zuckerproduktion für 2022 und 2023 um fast zwölf Prozent niedriger ausfallen als im Vorjahr“, sagte er am Sonntag (3. Dezember) in einer schriftlichen Antwort an den Europaabgeordneten Peter Jahr.
In diesem Zusammenhang forderte Bascou die Abgeordneten auf, nicht zu vergessen, dass die EU „vor dem Krieg von ukrainischen Importen abhängig war und es auch nach dem Krieg ist.“ Er fügte hinzu, dass Ungarn und Rumänien „Nettoimporteure“ von Zucker seien.
Frontländer geben Einfuhrverbote nicht auf
Die Europäische Kommission bestätigte gegenüber Euractiv, dass die nationalen Einfuhrverbote für ukrainisches Getreide in Ungarn, Polen und der Slowakei, die sie im September einseitig verhängt hatten, noch immer in Kraft seien, und äußerte ihre Sorge.
Der Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis, traf sich am Freitag (01. Dezember) mit dem stellvertretenden slowakischen Premierminister Peter Kmec, um über Wege „zur Deeskalation der Situation“ zu sprechen, so ein Sprecher der Kommission gegenüber Euractiv.
Dombrovskis und Kmec sprachen über die Verbesserung der sogenannten „Solidaritätswege“. Dabei handelt es sich um alternative Landrouten, die die EU für Kyjiw eingerichtet hat, damit es sein Getreide und seine Ölsaaten exportieren kann, da Russland seine Teilnahme am Schwarzmeer-Getreideabkommen mit der Ukraine ausgesetzt hat, das eine sichere Durchfahrt für Frachtschiffe ermöglicht hatte.
[Bearbeitet von Nathalie Weatherald/Kjeld Neubert]


