EU sieht Fleisch als Krebsrisiko, will pflanzenbasierte Ernährung unterstützen

Die Politik wird Kampagnen unterstützen, die dazu beitragen, "weniger rotes und verarbeitetes Fleisch und andere Lebensmittel, die mit Krebsrisiken in Verbindung gebracht werden (z. B. alkoholische Getränke)" zu fördern. [SHUTTERSTOCK]

Die EU-Absatzförderpolitik für 2022 wird eine Umstellung auf pflanzliche Ernährung fördern, nachdem rotes und verarbeitetes Fleisch als krebserregend eingestuft wurde. Dieser Schritt wurde vom Viehwirtschaftsektor kritisiert, aber von der Zivilgesellschaft begrüßt, die die Notwendigkeit von mehr Innovation im pflanzlichen Sektor betonte.

Die Absatzförderpolitik finanziert Kampagnen gemäß den Nachhaltigkeitszielen der EU, wie sie in der wichtigsten Lebensmittel- und Landwirtschaftspolitik der EU, der „Farm to Fork“-Strategie (F2F), festgelegt sind. Sie soll Erzeugnisse aus der EU konkurrenzfähiger machen, damit diese sich auf dem globalen Markt durchsetzen und zudem Arbeitsplätze und Wachstum geschaffen werden können.

185,9 Millionen Euro der Politik werden 2022 für die Förderung von EU-Agrar- und Lebensmittelerzeugnissen innerhalb und außerhalb der EU bereitgestellt.

Ähnlich wie im Jahr 2021 wird sich das Arbeitsprogramm für die Absatzförderungspolitik im nächsten Jahr auf Erzeugnisse und landwirtschaftliche Verfahren konzentrieren, die den ökologischen Landbau, Obst und Gemüse, die nachhaltige Landwirtschaft und die Verbesserung des Tierschutzes in der EU unterstützen.

„Die Nachfrage nach diesen Produkten muss steigen, wenn wir wollen, dass sich mehr Erzeuger dem grünen Wandel anschließen“, erklärte Agrarkommissar Janusz Wojciechowski bei der Vorstellung der Pläne.

Im diesjährigen Arbeitsprogramm für die Förderpolitik heißt es außerdem, dass bei der Bewertung der Zuschlagskriterien für eine vorgeschlagene Kampagne besonderes Augenmerk auf die „Förderung des Übergangs zu einer stärker pflanzlich-basierten Ernährung“ gelegt werde.

In einem Anhang des Arbeitsdokuments zur Förderpolitik wird erklärt, dass dies „weniger rotes und verarbeitetes Fleisch und andere Lebensmittel, die mit Krebsrisiken in Verbindung gebracht werden (z. B. alkoholische Getränke)“ bedeute, was als „Rind-, Schweine-, Lamm- und Ziegenfleisch sowie alle verarbeiteten Fleischsorten“ definiert wird.

Frankreich und Österreich fordern EU-Strategie für pflanzliche Proteine

Die Landwirtschaftsminister:innen Frankreichs und Österreichs haben eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, um die Produktion von pflanzlichen Proteinen in der EU zu fördern und „die Selbstversorgung der EU“ zu stärken.

Der Schritt wurde von der EU-Landwirtschaftslobby vorhersehbar kritisiert. In ihrer im April dieses Jahres veröffentlichten Stellungnahme erklärten sie, dass dadurch „ultra-verarbeitete, standardisierte und technisierte vegane Produkte“ gefördert würden, was viele landwirtschaftliche Betriebe gefährden könnte.

„Die versprochene Revolution wird sicherlich nicht die sein, für die geworben wird, und wenn wir dort ankommen, wird es kein Zurück mehr geben. Unsere Bauernhöfe und ihr Know-how werden verschwinden“, warnte der Verband damals.

Umweltschützer:innen, darunter Greenpeace, wehren sich seit langem gegen die Verwendung von EU-Geldern zur Unterstützung des Fleischsektors und begrüßten den Schritt.

„Öffentliche Gelder zur Finanzierung von Werbekampagnen zu verwenden, die darauf abzielen, den Verbrauch europäischer tierischer Produkte zu steigern, geht gegen die Wissenschaft und steht im Widerspruch zum Green Deal“, sagte Marco Contiero, Direktor für Agrarpolitik bei Greenpeace Europe, gegenüber EURACTIV.

Er fügte hinzu, dass die Absatzförderungspolitik des nächsten Jahres solche Kampagnen weiterhin mit nur wenigen Einschränkungen zulasse.

„Dringend“ notwendige Förderung von pflanzlich-basierter Innovation

Andere wiesen indessen schnell darauf hin, dass innovative pflanzliche Proteine entscheidend für das Erreichen der F2F-Ziele sein können.

„Es geht darum, vielfältigere und nachhaltigere Rohstoffe zu produzieren“, sagte Jeroen Knol, Geschäftsführer der European Federation of Food Science and Technology (EFFoST), kürzlich auf einer EURACTIV-Veranstaltung.

Knol wies darauf hin, dass die neuartige Verarbeitung alternativer Proteine dazu beitragen kann, Wasser- und Energieverbrauch zu senken und Abfälle bei der Produktion, dem Vertrieb und dem Verbrauch in der gesamten Wertschöpfungskette zu reduzieren.

Knol betonte die entscheidende Rolle, die die Lebensmittelwissenschaft und -technologie bei der Gewährleistung sicherer, nahrhafter und nachhaltiger Lebensmittel auf dem Markt spielt. Es sei dringend notwendig, Innovationen in diesem Sektor zu fördern, um sein volles Potenzial auszuschöpfen.

„Es sind viele Innovationen erforderlich, um mehr sichere, nachhaltigere und gesündere Lebensmittel herzustellen, die gleichzeitig schmackhaft, vielfältig und für die europäischen Verbraucher zugänglich sind“, betonte er.

Innovation spielt eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, nachhaltige Optionen so erschwinglich und zugänglich zu machen, dass sie zur „Standardwahl“ werden, betonte auch Acacia Smith, Politikmanagerin bei der NGO Good Food Institute Europe, die sich für die Förderung der pflanzlichen und zellulären Landwirtschaft einsetzt.

´“Viele Entwicklungen sind im Gange, aber es gibt noch viel mehr Potenzial“, sagte sie. Das Tempo des Wandels sei „bei weitem nicht schnell genug, um die Umweltvorteile freizusetzen, die durch eine weitreichendere Umstellung auf nachhaltige Proteine möglich sind“.

Die Geschwindigkeit dieses Fortschritts hänge weitgehend davon ab, ob die EU „sich wirklich dazu entschließt, in großem Umfang in nachhaltige Proteine in Open-Access-Forschung zu investieren“, ähnlich wie bei anderen Innovationen im Zusammenhang mit dem Klimawandel, beispielsweise bei erneuerbaren Energien, fügte sie hinzu.

Eine Frage der Ausgewogenheit

Der Europaabgeordnete Herbert Dorfmann erkannte zwar die Probleme, die mit übermäßigem Fleischkonsum verbunden sind, forderte jedoch ein Gleichgewicht in der Diskussion über pflanzlich-basierte Ernährung.

Der Abgeordnete betonte die Notwendigkeit, den „gesamten Aspekt“ der Nachhaltigkeit zu betrachten und wies darauf hin, dass ein großer Teil der landwirtschaftlichen Flächen in Europa Dauergrünland sei, das nur mit Hilfe von Weidetieren nutzbar ist.

„Andernfalls verlieren wir dieses Dauergrünland für die Nahrungsmittelproduktion, oder wir wandeln dieses Grünland um, was in Bezug auf den Klimawandel die schlechteste Wahl wäre“, sagte er.

„Auch hier müssen wir also einen intelligenten Weg finden, denn es ist klar, dass wir in Europa einen sehr hohen Fleischkonsum haben“, so Dorfmann weiter.

Seiner Meinung nach bedeutet die Umstellung auf eine rein pflanzliche Ernährung nicht sofort eine Verbesserung der Nachhaltigkeit der europäischen Nahrungssysteme. „Das ist nicht wahr, denn man muss die gesamte Kette betrachten“, schloss er.

[Bearbeitet von Alice Taylor]

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