EU-Rechnungshof glaubt an das Potenzial der digitalisierten Landwirtschaft

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Nach zunächst herrschender Skepsis scheint die sogenannte Präzisionslandwirtschaft sowohl bei Landwirten als auch bei Gesetzgebern immer mehr an Akzeptanz zu gewinnen. Auch der EU-Rechnungshof hat nun den erwarteten Mehrwert der Informationen, die von digitalen Tools in der Landwirtschaft bereitgestellt werden können, hervorgehoben.

„Wir werden technologischer in der Landwirtschaft,“ so ein hoher Beamter des Europäischen Rechnungshofs (ERH) gegenüber EURACTIV.com.

„Satelliten, das Land Parcel Identification System (LPIS), andere raumbezogene Hilfsmittel und zunehmend auch [das EU-Satellitensystem] Copernicus bieten den Landwirten und uns eine ganze Menge Informationen in der Landwirtschaft. Und ich denke, wir können das nutzen,“ fährt er fort.

Ein vollständig integriertes satellitengestütztes System, das beispielsweise Erdbeobachtungsdaten von Copernicus sowie leistungsstarke Galileo-Signale kombiniert, könne auch die Kontrollen des ERH und anderer Prüfstellen verringern und erleichtern.

Digitale Landwirtschaft: Es gibt auch Risiken

Für die Landwirte könnten neue Abhängigkeiten von multinationalen Unternehmen entstehen, warnen NGOs.

Insbesondere können alle landwirtschaftlichen Areale in den Mitgliedstaaten mit LPIS kontrolliert werden, einem IT-System, das bereits im Rahmen der bisherigen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) eingerichtet wurde, auf der Grundlage von Luft- oder Satellitenaufnahmen beruht und auf diese Weise die Berechtigungen für flächenbezogene EU-Subventionen überprüfen soll.

Laut dem hochrangigen Beamten des Rechnungshofs wäre der ERH mit diesen Instrumenten in der Lage, einen Betrieb zu überprüfen, ohne ihn dafür tatsächlich besuchen zu müssen – und könnte somit auch finanzielle Ressourcen einsparen.

Die Wirtschaftsprüfer hätten derartige digitale Instrumente bereits in ihrem letzten Bericht über die Ordnungsmäßigkeit der Verteilung von EU-Geldern umfassend eingesetzt, um so festzustellen, ob und wo die öffentlichen Mittel der EU fehlerhaft oder fälschlicherweise ausgegeben wurden.

Neue Herausforderungen

Digitale Instrumente dürften wohl hilfreich dabei sein, die Wirksamkeit der öffentlichen Ausgaben im Rahmen der neuen GAP zu überwachen – insbesondere, da die reformierte Agrarpolitik deutlich höhere Ambitionen und Leistungsfähigkeit vorweisen soll.

„Wir sprechen uns sehr für dieses Ziel aus. Aber wenn man dorthin gelangen will, muss man auch die richtigen Faktoren messen,“ mahnt der ERH-Beamte.

So könnten nicht alle neuen GAP-Ziele mit Satelliten gemessen werden: „Beim Einsatz von Pestiziden ist das zum Beispiel nicht möglich. Daher ergeben sich bereits Fragen, wie man Faktoren misst, die nicht von Satelliten kontrolliert werden können.“

Der ERH-Beamte deutet auch auf die mögliche Ablehnung digitaler Tools hin, die die Kontrollpraktiken verbessern sollen. „Ich verstehe, dass die meisten Bauern nicht gerne vom Himmel aus beobachtet werden wollen,“ räumt er ein.

"Die Bedeutung der digitalen Landwirtschaft ist vielen Politikern nicht klar"

Die wichtige Verbindung zwischen digitalisierter Landwirtschaft und nachhaltiger Lebensmittelproduktion ist in den Köpfen der meisten Politiker noch nicht angekommen, sagt Bruno Tremblay von Bayer im Interview.

Einige Mitgliedstaaten würden aber auch damit beginnen, Satelliteninformationen proaktiv zu nutzen. So könnten einige nationale Behörden die Landwirte bei der Planung der genauen Anpflanzzeiten und anderer landwirtschaftlicher Fragen unterstützen. Beispielsweise könnten Informations-E-Mails auf Grundlage der Daten, die mit Satelliten gesammelt worden sind, zugesendet werden.

In diesem Zusammenhang sei auch die Tatsache, dass satellitengestützte Systeme der EU (wie Galileo und Copernicus) speziell für die zivile Nutzung entwickelt wurden – im Gegensatz zu russischen und US-amerikanischen Systemen, die ursprünglich für militärische Zwecke konzipiert sind – hilfreich. Öffentlichen Verwaltungen und möglicherweise sogar innovativen Unternehmen könnten daher viele Möglichkeiten eröffnet werden, in Zukunft ein möglichst breites Spektrum an Dienstleistungen für die Landwirte anzubieten.

Druck auf neuen Kommissar Wojciechowski

Obwohl der designierte Agrarkommissar Janusz Wojciechowski von 2016 bis kürzlich EU-Rechnungsprüfer war, versäumte er es bei seiner ersten (erfolglosen) Anhörung vor dem Landwirtschaftsausschuss des Europäischen Parlaments, die Präzisionslandwirtschaft zu erwähnen.

Aus Sicht einiger Experten „bezahlte“ Wojciechowski für seine ausbleibenden Innovationsvorschläge für die Landwirtschaft. Tatsächlich war dies von den Europaabgeordneten heftig kritisiert worden, und Wojciechowski musste sich einer zweiten Anhörung stellen.

Wojciechowski-Anhörung: "Ich bin offen für Diskussionen"

Vorschläge zur Wiedereröffnung der von der Europäischen Kommission vorgeschlagenen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) könnten gerade ausreichen, um den designierten polnischen Kommissar nach einer insgesamt schlechten Leistung vor dem Europäischen Parlament zu retten.

Bevor das EU-Parlament dem polnischen Kandidaten eine zweite Chance einräumte, sollte dieser einige Fragen schriftlich beantworten, von denen eine sich auch auf seine Einstellung zu potenziellen Innovationen im Agrarsektor bezog.

Dabei betonte Wojciechowski, die Digitalisierung der Landwirtschaft bringe durch das Internet der Dinge und die Präzisionslandwirtschaft enormes Potenzial mit sich. Dadurch könne die Nachhaltigkeit des Sektors und der gesamten Wertschöpfungskette, von der Produktion bis zum Konsum, erheblich gefördert werden.

Er wies jedoch auch darauf hin, dass das bereits vorhandene Wissen nicht ausreichend genutzt werde. „Die Landwirte müssen sich die neuen Technologien, neue Geschäftsmodelle und neue Formen der Zusammenarbeit zu eigen machen,“ forderte er.

In seiner zweiten Anhörung sagte Wojciechowski dann auch, die Landwirtschaft brauche Innovationen „wie GPS in Traktoren, digitale Technologien auf dem Land und sogenannte Smart Villages“. So könnten auch wieder vermehrt junge Menschen für den Agrarsektor begeistert werden.

Sexy Landwirtschaft?

Ähnlich äußerte sich der konservative EU-Abgeordnete Franc Bogovič (EVP) kürzlich auf einer EURACTIV-Veranstaltung, wo er erläuterte, wie die neuen Technologien für Junglandwirte leichter zugänglich sowie erschwinglicher gemacht werden können.

„Wir sprechen viel über Effizienz, Nachhaltigkeit und darüber, wie man junge Menschen dazu bringt, in landwirtschaftlichen Betrieben zu bleiben. Durch Präzisionslandwirtschaft kann diese Arbeit erleichtert werden,“ sagte er.

Bogovič zeigte sich überzeugt, mit technologischen Neuerungen könne man die Landwirtschaft „sexy und ausgefallen gestalten“.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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