EU-Lebensmittelindustrie fordert mehr Zuckerimporte aus Ukraine, nicht weniger

"Der Ausschuss der europäischen Zuckerverwender ist schockiert über die Forderung nach einem Einfuhrstopp für Zucker aus der Ukraine", heißt es in einer Erklärung des Zuckerverbandes CIUS. [SHUTTERSTOCK/DedMityay]

Die EU brauche „mehr und nicht weniger“ Zucker aus Kyjiw, so zuckerverarbeitende Lebensmittelhersteller wie Coca-Cola, Barilla und Lactalis. Ihre Aussage steht damit im direkten Widerspruch zu den Forderungen der Zuckerrübenerzeuger in der EU.

Momentan ringt die Europäische Kommission um einen Kompromiss zur Ausweitung ihrer Handelserleichterungen auf die Ukraine.

Die Meinungen gehen hier stark auseinander und insbesondere die Landwirtschaft wehrt sich zunehmend gegen die Erleichterungen. So blockieren momentan rumänische Landwirte die Grenzen aus Protest gegen die wachsenden ukrainischen Agrarimporte.

Bei der Industrie sieht es hingegen anders aus.

„Der Ausschuss der europäischen Zuckerverwender ist schockiert über die Forderung nach einem Einfuhrstopp für Zucker aus der Ukraine“, heißt es in einer Erklärung des Zuckerverbandes CIUS. Damit reagierte er auf die Forderung der Landwirte nach einer Begrenzung des Zustroms von Rohstoffen aus der Ukraine.

Die Kommission erwägt, die Liberalisierung der Importe aus Kyjiw, die am 5. Juni 2024 ausläuft, um ein weiteres Jahr zu verlängern, heißt es aus EU-Kreisen. Euractiv geht davon aus, dass die Diskussionen noch andauern, da die Meinungen zwischen Handels- und Agrarabteilungen auseinandergehen. Das Ziel ist jedoch, in Kürze einen Vorschlag zu verabschieden.

„Die EU hat ein strukturelles Zuckerdefizit“, heißt es in der CIUS-Erklärung weiter. Die Industrie brauche „mehr Zucker aus der Ukraine (sowie aus Europa und anderen nachhaltigen Quellen), nicht weniger.“ Zudem sei „die Gewissheit, dass die Ukraine langfristig als Lieferquelle offen bleibt“ notwendig, „da alternative Quellen sehr begrenzt sind.“

Laut den Agrarmarktdaten der Kommission sind die Zuckerimporte aus der Ukraine von 40.172 Tonnen im Zeitraum 2021/22 auf 406.777 Tonnen im Zeitraum 2022/23 angestiegen.

Dies veranlasste die europäischen Rübenanbauer, sich mit den Bauernverbänden COPA und COGECA sowie anderen Lebensmittelherstellern zusammenzutun und Agrarkommissar Janusz Wojciechowski um Beschränkungen für den Zustrom von Agrarerzeugnissen aus der Ukraine zu bitten.

Die europäischen Hersteller von Backwaren, Schokolade, Süßwaren, Süßgetränken, Obstkonserven und Konfitüren weisen jedoch darauf hin, dass der Anstieg der Importe notwendig sei, um das EU-Zuckerdefizit zu verringern. Damit solle die EU-Lebensmittelindustrie Kapazitäten und Sicherheit erlangen, um hochwertige Exporte steigern zu können und so zum Wirtschaftswachstum der EU beizutragen.

Laut der jüngsten Momentaufnahme des EU-Marktes durch die Kommission wird die globale Zuckerbilanz 2023/24 voraussichtlich das vierte Jahr in Folge ein Defizit aufweisen. Dies ist auf eine geringere Produktion in den Haupterzeugerländern Indien und Thailand zurückzuführen, die hauptsächlich durch ungünstige Wetterbedingungen aufgrund von El Niño zustande kam.

Die Kontroverse um die Zuckerlieferkette findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem die Kommission um eine ausgewogene Lösung für den Zustrom ukrainischer Lebensmittel und Waren auf den EU-Markt ringt. Dieser Zustrom drückt die Löhne der Landwirte in den Nachbarländern Ungarn, Polen, Slowakei, Bulgarien und Rumänien nach unten.

Am Montag (15. November) traf Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis mit polnischen Ministern zusammen und versprach, die Sorgen der polnischen Landwirte in Bezug auf die ukrainischen Agrar- und Lebensmittelimporte zu berücksichtigen.

Die polnischen Landwirte hatten Anfang des Jahres ihre Blockaden an der Grenze zur Ukraine erst wieder aufgenommen und dann ausgesetzt. Im Gegensatz zu ihnen schlossen sich die rumänischen Landwirte mit den Lkw-Fahrern zusammen und übernahmen die Initiative bei den Grenzprotesten.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic/Kjeld Neubert]

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