EU-Landwirte besorgt über Rückkehr des „großen bösen“ Wolfs

"Wir können es uns nicht leisten, untätig zu bleiben - die Viehhaltung wird in großen Teilen Europas einfach nicht mehr tragfähig sein", warnte der niederländische Europaabgeordnete Bert-Jan Ruissen. [SHUTTERSTOCK]

Die europäische Wolfspopulation hat erneut für Spannungen mit den Landwirt:innen der EU gesorgt. Zum Leidwesen des Naturschutzes fordern EU-Parlamentarier:innen, den hohen Schutzstatus der Wölfe in der EU zu überdenken.

Der Wolf genießt derzeit einen strengen rechtlichen Schutzstatus im Rahmen der EU-Habitat-Richtlinie, die die gefährdetsten und wertvollsten Arten Europas in der gesamten Union schützen soll.

Dies bedeutet, dass alle Formen des absichtlichen Fangens oder Tötens von Wölfen in freier Wildbahn verboten sind.

Die zunehmenden Konflikte zwischen Landwirt:innen und Wölfen bedeuteten jedoch, dass „jetzt ein Stadium erreicht ist, in dem eine Überarbeitung der Habitat-Richtlinie notwendig wird“, so Norbert Lins, der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses des Europäischen Parlaments.

Laut dem von Lins vorgelegten Entwurf eines Entschließungsantrags zum Schutz von Nutztieren und Wölfen sollte den Mitgliedstaaten die „notwendige Flexibilität eingeräumt werden, um konkrete Maßnahmen“ zur wirksamen Lösung von Konflikten in der Koexistenz zu ermöglichen.

Der Entschließungsantrag wurde im Landwirtschaftsausschuss des Europäischen Parlaments (AGRI) am 10. Januar weitgehend positiv aufgenommen. Der Ausschuss wird nun am 28. Februar über die geänderte Entschließung abstimmen, gefolgt von einer Plenarabstimmung in Straßburg in der Woche vom 7. März.

Auch in Deutschland ist der Wolf weitreichend geschützt, auf nationaler Ebene unter anderem durch das Bundesnaturschutzgesetz.

Demnach darf ein Wolf nur unter besonderen Umständen getötet werden, beispielsweise wenn er das Leben von Menschen gefährdet oder trotz Schutzmaßnahmen Nutztiere tötet und damit ernste wirtschaftliche Schäden verursacht.

Auch die neue Bundesregierung will sich dem Thema annehmen. Ziel der Ampelparteien ist es laut Koalitionsvertrag, „das Zusammenleben von Weidetieren, Mensch und Wolf so gut zu gestalten, dass trotz noch steigender Wolfspopulation möglichst wenige Konflikte auftreten.“

Geplante Maßnahmen dafür sind ein „institutionalisierter Dialog“, überarbeitete Monitoringstandards und ein regional differenziertes Bestandsmanagement.

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Özdemir hat keine Erfahrung in diesem Bereich vorzuweisen. Aber als langjähriger Parteichef der Grünen sagt er, er habe gelernt, „Brücken zu bauen“, und als ehemaliger Europaabgeordneter ist ihm die europäische Politik nicht fremd.

„Die Landwirtschaft ist [von den Wölfen] besonders betroffen, und wir sehen die zunehmenden Angriffe auf domestizierte Tiere mit großer Sorge“, sagte Ulrike Müller von der Renew Fraktion im EU-Parlament.

Europaabgeordneter Herbert Dorfmann betonte, es dürfe „kein Tabu sein, über die Notwendigkeit des Managements dieser Populationen zu diskutieren“.

Der holländische Europaabgeordnete Bert-Jan Ruissen, ein überzeugter Befürworter der Entschließung des Parlaments, verwies auf die Auswirkungen der Wölfe in seinem Heimatland. Es sei in den letzten Jahren immer häufiger zu Konfrontationen zwischen Wölfen und Nutztieren gekommen.

„Wir können es uns nicht leisten, untätig zu bleiben“, sagte er und warnte, dass die Viehhaltung in weiten Teilen Europas „einfach nicht mehr tragfähig“ sein werde.

Trotz Bemühungen von Landwirt:innen und Behörden mache der strenge Schutzstatus von Großraubtieren die Maßnahmen unwirksam, warnte auch der EU-Landwirtschaftsverband COPA-COGECA in einer Erklärung. Gleichzeitig seien die bisher ergriffenen Schritte zur Schaffung einer harmonischen Koexistenz zwischen Menschen und wilden Raubtieren unzureichend.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Abgeordneten des Europäischen Parlaments solche Maßnahmen fordern.

Auf eine parlamentarischen Anfrage aus dem Jahr 2018 zu diesem Thema hin hielt die Kommission jedoch an ihrer Überzeugung fest, dass die Koexistenz mit großen Raubtieren der richtige Weg sei.

Auch in einer Aktualisierung ihrer Leitlinien zum Artenschutz, die im Oktober 2021 veröffentlicht wurde, betonte die Kommission, dass der Wolf ein „integraler Bestandteil“ der biologischen Vielfalt Europas sei und eine wichtige ökologische Rolle spiele.

Dieser Ansatz wird vom niederländischen Ökologen und Wolfsexperten Glenn Lelieveld unterstützt, der betonte, dass eine Herabsetzung des Status der Wölfe mehr Probleme schaffen könnte, als sie zu lösen.

„Man löst [das Problem] nicht, indem man einzelne Wölfe erschießt“, sagte er gegenüber EURACTIV. Dies begrenze nicht unbedingt den von den Tieren verursachten Schaden.

Wenn beispielsweise die Elterntiere getötet werden, seien die Jungtiere oft ohne richtige Anleitung. Ihnen werde nicht beigebracht, wie man richtig jagt, was das Risiko erhöhe, dass sie es auf Schafe als „niedrig hängende Früchte“ abgesehen haben, erklärte er.

Auch die wirtschaftliche Rechtfertigung ist laut Lelieveld nicht stichhaltig. Er wies darauf hin, dass Wölfe nur 0,2 Prozent der Entschädigungszahlungen für den Verlust von Ernten oder Vieh ausmachen.

Auch für Landwirt:innen bestehe ein gewisses Risiko, wenn der Schutzstatus der Wölfe herabgesetzt wird, warnte Lelieveld.

„Landwirt:innen bräuchten immer noch eine Genehmigung, um Wölfe zu schießen, und die Strafe ist sehr hoch, wenn man das falsche Tier schießt“, sagte er. Es drohe eine Gefängnisstrafe von sechs Jahren.

Stattdessen plädiert Lelieveld für eine bewährte Strategie zum Schutz der Schafe, bei der eine Kombination aus Elektrozäunen und Herdenschutzhunden zum Einsatz kommt. Dazu müsse es eine konzertierte Aktion zur Aufklärung der Öffentlichkeit und der Landwirt:innen geben, an der es seiner Meinung nach noch mangelt.

„Anstatt den Wolf für sein natürliches Verhalten zu tadeln, sollte man darüber nachdenken, wie wir selbst handeln und Verantwortung übernehmen können“, sagte er.

Widerspenstige Wölfe dürften nicht „auf dem Altar der Ökonomie geopfert“ werden, betonte Joanna Swabe, Senior Director of Public Affairs bei Humane Society International Europe. Jede Entscheidung über eine Änderung ihres Schutzstatus müsse wissenschaftlich und nicht politisch begründet sein.

Wildtier-Populationen seit den 1970er-Jahren um 68 Prozent geschrumpft

Die Art und Weise, wie die Menschheit Nahrungsmittel, Energie und Waren produziert, zerstört die Lebensräume tausender wild lebender Tierarten und führt zu einem Einbruch der Populationsgrößen, so der WWF.

Mangel an politischem Willen

Auf Nachfrage von EURACTIV bestätigte ein EU-Beamter, dass es möglich sei, Maßnahmen zum Schutz von Nutztieren vor Wölfen im Rahmen der neuen nationalen Strategiepläne der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) zu finanzieren (siehe Hintergrund unten).

Es sei jedoch Sache der einzelnen Mitgliedstaaten, dies in ihre Strategiepläne aufzunehmen.

Lelieveld wies darauf hin, dass einige Länder, darunter Frankreich, sich dafür entschieden hätten, während die niederländische Regierung dies nicht getan habe.

MdEP Ruissen bestätigte die fehlende Bestimmung über Wölfe und sagte gegenüber EURACTIV, die EU und die Mitgliedstaaten sollten eine 100-prozentige Entschädigung für alle Kosten anbieten, die im Rahmen des Schutzes von Nutztieren entstehen. Aber das allein wird das Problem nicht lösen.

„Wölfe kennen Wege, um Hindernisse zu umgehen, und es ist unmöglich, hohe Zäune in der gesamten ländlichen Umgebung aufzustellen“, warnte er.

Die ständige Vertretung der Niederlande erklärte indes, in ihrem nationalen Strategieplan werde keine Unterstützung angeboten, da dies in die Zuständigkeit der Provinzen falle. Die Niederlande arbeite derzeit aber an einer Aktualisierung ihres Wolfsplans, die für den Sommer 2022 erwartet wird.

In Deutschland können Landwirt:innen bereits Fördermittel für eine Teilfinanzierung von präventiven Schutzmaßnahmen gegen Wölfe erhalten, die von den Umwelt- und Landwirtschaftsministerien der Landesregierungen ausgezahlt werden. Welche Maßnahmen in welchem Umfang finanziert werden, unterscheidet sich dabei von Bundesland zu Bundesland.

Was den nationalen Strategieplan betrifft, so hat Deutschland die Frist für die Einreichung an die Europäische Kommission Ende 2021 verpasst und arbeitet nach Angaben des Agrarministeriums noch der Ausarbeitung. Ob oder inwiefern die Wölfe in dem Plan aufgegriffen werden, wird sich also noch zeigen.

Deutschland und 8 weitere Länder verpassen Frist für nationalen GAP-Plan

Ein Drittel der EU-Länder hat die offizielle Frist für die Einreichung ihrer nationalen Strategiepläne für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) verpasst, darunter auch Deutschland und Belgien, wie eine Quelle der Kommission bestätigte.

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna]

Nationale Strategiepläne (NSP) sind eine der wichtigsten Neuheiten der reformierten Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU, die von 2023 bis 2027 laufen wird.

In diesen Plänen erläutern die EU-Länder, wie sie die neun EU-weiten Ziele der reformierten GAP erreichen und gleichzeitig auf die Bedürfnisse der Landwirt:innen und der ländlichen Gemeinden eingehen wollen.

Mit anderen Worten: Während die Europäische Kommission die allgemeine Richtung der künftigen GAP vorgeben wird, liegt das "Wie" diesmal bei den nationalen Verwaltungen.

Die Mitgliedstaaten hatten bis Ende 2021 Zeit, der Kommission ihre nationalen Pläne zur Genehmigung vorzulegen, ein Verfahren, das derzeit noch im Gange ist.

Weitere Informationen über die GAP-Reform finden Sie in der Berichterstattung von EURACTIV.

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