EU-Kommissarin: Es gibt keine einfache Lösung für das Lebensmittelpreis-Problem

Es wird keine Lösung zum Thema Lebensmittelpreise geben, solange die EU die Versorgungsketten nicht transparenter gestaltet und Bauern sich organisieren. [Eduards Osis/Flickr]

Dieser Artikel ist Teil des special reports EU-Landwirte unter Druck

Es wird keine einfache und zeitnahe Lösung zum Thema Lebensmittelpreise geben, solange die EU die Versorgungsketten nicht transparenter gestaltet und Bauern sich organisieren, um eine bessere Verhandlungsposition zu erlangen.

Das sagte Angélique Delahaye, EU-Parlamentarierin der Europäischen Volkspartei (EVP), während eines von EURACTIV.com organisierten Treffens, auf dem Stakeholder ihre Visionen für eine Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) nach 2020 diskutierten. Ziel sei es, so die einhellige Meinung, das Einkommen der Bauern und zeitgleich faire Preise für die Verbraucher zu sichern.

Ungleichheit in der Versorgungskette

Delahaye nahm Bezug auf ihren eigenen Initiativbericht vom letzten Jahr, in der sie vier essentielle Punkte für die zukünftige GAP vorschlug: eine bessere Position der Bauern innerhalb der Versorgungskette, Maßnahmen gegen unlautere Handelspraktiken, Reform der europäischen Wettbewerbsregelungen und Unterstützung für eine verbesserte Koordination der Bauern.

„Ich bin selber Landwirtin und kenne die Bedingungen. Ich bin überzeugt, dass die Bauern unter ihrer schwachen Verhandlungsposition in der Versorgungskette leiden. Ihnen muss mehr Schutz gewährt werden und sie müssen höhere Erträge mit ihren Produkten erzielen können“, forderte Delahaye.

Weniger Zwischenhändler, mehr Einkommen für Kleinbauern

Der Wegfall von Zwischenhändlern hilft vor allem Kleinbauern und dem Verbraucher.

Laut Pekka Pesonen, Generalsekretär des Verbandes der Europäischen Landwirte und landwirtschaftlichen Genossenschaften (Copa und Cogeca), sind Bauern immer größeren Risiken ausgesetzt; von Wetterphänomenen über den Klimawandel und instabile Märkte bis hin zu geopolitischen Entwicklungen. Landwirte müssten daher mit mehr Preisinstabilitäten auf der einen und niedrigeren Einkommen auf der anderen Seite fertig werden.

Daher sei eine starke GAP mit EU-weit bindenden Regeln vonnöten – allerdings müsse die derzeitige Struktur beibehalten werden, sagte Pesonen. Er forderte eine Vereinfachung der GAP, da „ihre Komplexität Innovationen und Effizienz behindert“.

Darüber hinaus gäbe es weiterhin ein „klares Macht-Ungleichgewicht in der Versorgungskette, das immer wieder zu unfairen Handelsbedingungen gegen die schwächsten Glieder der Kette – nämlich die Landwirte – führt“, so der Vorsitzende von Copa und Cogeca. Sein Fazit: „Solange unethische und unfaire Handelspraktiken zu wirtschaftlichem Erfolg führen, haben wir keine faire, transparente und effiziente Lebensmittel-Versorgungskette.“

Lebensmittelqualität: Europas Stärke

Christel Delberghe von der Einzelhändlerorganisation EuroCommerce drückte ihr Verständnis für die Situation der Landwirte aus. Allerdings habe der Einzelhandel Maßnahmen wie finanzielle Unterstützung und Werbeaktivitäten ergriffen, um die Bauern in der Krise zu unterstützen.

Insgesamt würden Einzelhändler jedoch nur wenige Produkte direkt von den Landwirten kaufen. Dadurch spiegelten die Endpreise auch kaum wider, was die Erzeuger tatsächlich verdienen, erklärte Delberghe. Als Beispiel nannte sie Milch: nur etwa 15% der produzierten Milch endet in den Regalen der Einzelhändler. „Die Preise für Milch in den Supermärkten anzuheben würde daher nur wenig Einfluss auf den Preis haben, der den Landwirten tatsächlich gezahlt wird“.

Die Vertreterin von EuroCommerce wies auch darauf hin, dass immer mehr Verbraucher bereit sind, mehr Geld für Lebensmittel zu zahlen, die biologisch, lokal und/oder anderweitig hochqualitativ produziert werden. Generell sei die Lebensmittelqualität eine der Stärken Europas. Im Endeffekt „wollen Einzelhändler, dass die Landwirtschaft langfristig überlebensfähig ist“. Deswegen seien sie auch bereit, einen „konstruktiven Dialog“ zu führen – „kurzfristige, populistische Maßnahmen“ würden keine nachhaltige Lösung bieten, so Delberghe.

Pestizid-Rückstände in praktisch allen EU-Lebensmitteln

Über 97% der europäischen Lebensmittel weisen Rückstände von Pflanzenschutzmitteln auf. Ein Bericht von EURACTIV-Partner Journal de l’Environnement.

Kommission: keine einfache Lösung

In Bezug auf die Preise merkte Tasos Haniotis, Leiter der Abteilung Wirtschaftsanalyse der DG Landwirtschaft der Kommission, an, dass sich die Funktionsweisen des Marktes in Theorie und Praxis unterscheiden: „Es gibt Marktverzerrungen. Preiserhöhungen werden immer auf die Verbraucher abgewälzt. Wenn die Preise aber fallen, werden die niedrigeren Kosten nicht an die Konsumenten weitergegeben.”

Dafür gebe es keine einfache Lösung – „zumindest nicht, bevor wir die bestehenden Probleme bezüglich Transparenz und Organisation der Landwirte lösen”.

Damit Nahrungsmittelsicherheit für uns auch in Zukunft eine Selbstverständlichkeit bleibt, müssen die Gesetzgeber drei Spannungsfelder in Synergien umwandeln, erklärt Haniotis: Wirtschaft vs. Umwelt, Subsidiaritätsprinzip vs. Vereinfachung und Wachstum vs. Jobs.

Es gibt keine unkritischen Verbraucher

Das Bild des unkritischen Konsumenten ist falsch, behauptet Genevieve Savigny, Mitglied der Organisation European Coordination Via Campesina: „Wir tendieren dazu, zu glauben, Menschen mit niedrigem Einkommen seien in Bezug auf Ernährung ungebildet. Das ist nicht wahr. […] Sie wissen, was gut für sie ist – sie können es sich aber nicht leisten.“

Savigny erklärte, die GAP habe nicht die Aufgabe, Exporte zu fördern, sondern Nahrungsmittelsicherheit zu garantieren. Es gebe nun attraktive neue Wege, die Verbraucher direkter mit Lebensmitteln zu versorgen, beispielsweise die solidarische Landwirtschaft.

Studie zur Agrarpolitik: GAP braucht weitere Reformen

An die 55 Milliarden Euro bringen europäische Bürger jährlich an Steuergeldern auf, die in Agrarsubventionen fließen. Zufrieden mit der Verwendung sind sie nach einer aktuellen Studie nicht.

Dieses Prinzip verfolgen viele der in Via Campesina organisierten Kleinbauern, erläutert Savigny. „Im Endeffekt erzielen die Landwirte höhere Einkommen und haben einen besseren Lebensstandard, aber es macht auch viel Arbeit.“ Alles in allem sei es eine positive Erfahrung für Landwirte, direkt an die Konsumenten zu verkaufen. Und die sind bereit, höhere Preise für hochqualitative, lokale und frische Produkte zu bezahlen – gerade, wenn sie die Erzeuger kennen.

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