Neue EU-Bauernpräsidentin: Bei negativen Auswirkungen, muss die Farm to Fork-Strategie überarbeitet werden

Die neue Präsidentin der größten landwirtschaftlichen Interessensvertretung in Brüssel, Copa, ist nun die Französin Christiane Lambert. [VALAT/EPA-EFE]

Die neue Lebensmittelpolitik der Europäischen Kommission sollte überprüft werden, wenn eine künftige Folgenabschätzung zeigt, dass sie sich negativ auf die Landwirte auswirken wird, sagte die neu gewählte Vorsitzende des Bauernverbandes COPA, Christiane Lambert, gegenüber EURACTIV.com.

Als Viehzüchterin mit mehr als 19 Jahren Erfahrung war Lambert von klein auf eine starke Verfechterin der Landwirtschaft.

Sie wurde 2017 als erste Frau an die Spitze des französischen Bauernverbandes FNSEA gewählt und in der vergangenen Woche (18. September) auch zur Präsidentin des COPA ernannt.

In einem Exklusivinterview nach ihrer Wahl betonte sie die Notwendigkeit, die Landwirtschaft an Umweltzielen auszurichten, und unterstützte die grundlegenden Ziele der „Farm to Fork“-Strategie (F2F) der EU, warnte aber vor den von ihr als „dogmatisch“ bezeichneten Objektive der Strategie.

Ihrer Meinung nach sei es notwendig, die in der Strategie festgelegten Zahlen mit der Kapazität des Marktes in Zusammenhang zu stellen. „Wenn es in der Strategie zum Beispiel heißt, dass 25 Prozent der [gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche für] ökologische Landwirtschaft genutzt werden sollen: Werden die europäischen Bürgerinnen und Bürger wirklich 25 Prozent ökologische Produkte verzehren“, hinterfragte sie.

Lambert bemängelte auch das Fehlen einer ersten Folgenabschätzung im Rahmen der Vorstellung der Strategie.

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Die kroatische Führung hatte alles gegeben: Nach elfstündigen Verhandlungen gab es eine Einigung mit dem EU-Parlament über die Übergangsregelungen für die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) – noch innerhalb der kroatischen Ratspräsidentschaft, die gestern endete.

„Ohne eine Folgenabschätzung kann keine Entscheidung getroffen werden. Und wenn negative Aspekte aufkommen, müssen sie in der Strategie überprüft werden“, fügte sie hinzu.

Eine ähnliche Bemerkung machte auch EU-Landwirtschaftskommissar Janusz Wojciechowski, der sich die Option offen hält, die ehrgeizigen F2F-Ziele zu einem späteren Zeitpunkt zu revidieren, wenn die Ernährungssicherheit bedroht ist.

„Wenn sich herausstellen sollte, dass die Erreichung der in dieser Strategie festgelegten Ziele sowohl die Lebensmittelsicherheit als auch die Wettbewerbsfähigkeit unserer Landwirtschaft bedroht, dann müssten diese Ziele revidiert werden“, sagte er im Juli vor dem französischen Senat.

Für Lambert müssen die Landwirtinnen und Landwirte als Schlüsselakteure bei einer möglichen Überarbeitung der Strategie betrachtet werden, um sicherzustellen, dass es realistische und erreichbare Ziele gibt, die mit Europas Lebensmittelexport und Lieferkette vereinbar sind.

Sie sprach auch über die Notwendigkeit, dem zunehmenden „Agribashing“ – pauschale Angriffe auf den Berufsstand der Bauern – entgegenzuwirken, das in der gesamten EU zu beobachten ist. Man müsse direkt mit der Gesellschaft in einen zivilen Dialog mit den Medien, sozialen Netzwerken und Think Tanks treten, um die Landwirte als Hüter der Umwelt und nicht als Feinde zu positionieren, so die Französin.

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Nachdem die neue Lebensmittelpolitik der EU (F2F) im Frühjahr auf den Weg gebracht wurde, dürfte und muss sich die EU-Politik nun wieder der lange aufgeschobenen Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik zuwenden.

„Die Landwirte sind keine Feinde der Umwelt – im Gegenteil, sie sind diejenigen, die zu ihrem Schutz beitragen“, betonte sie und erklärte, sie habe es sich zur Aufgabe gemacht, sich für alles einzusetzen, was die Landwirtschaft der EU beschert, einschließlich Nahrungsmittelsicherheit, Gesundheit, Beschäftigung und Vitalität der ländlichen Gebiete.

Die neu gewählte Präsidentin von Copa verteidigte zudem das wichtigste Agrarsubventionsprogramm der EU, die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP), vor Kritik, insbesondere von Umwelt-NGOs.

„Da die Ernährungssicherheit allmählich als etwas sehr Wertvolles empfunden wird, muss nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass wir dies der GAP zu verdanken haben, die es uns ermöglicht hat, in Quantität und Qualität zu produzieren“, betonte Lambert.

Sie drückte ferner ihre Enttäuschung darüber aus, dass die Landwirtschaft in der ersten Rede von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zur Lage der Nation (SOTEU) in der vergangenen Woche nicht zur Sprache kam. Als Präsidentin der Copa-Cogeca sei eines ihrer Hauptziele, eine „Lage der Agrarunion“ zu schaffen.

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GAP, GAP und GAP – die deutsche Ratspräsidentschaft wird eine klare Überschrift tragen. Trotzdem möchte Agrarministerin Klöckner ein paar eigene Akzente setzen. Das sollen vor allem ein europaweites Tierwohl- und ein Nahrungsmittel-Label sein.

Laut Lambert häufen sich sowohl ökologische als auch sozioökonomische Unsicherheiten im Landwirtschaftssektor. Aufgrund dieser erhöhten Unvorhersehbarkeit seien die Landwirtinnen und Landwirte beunruhigt, so Lambert.

Um den vom Handel ausgehenden Unsicherheiten zu begegnen, müsse die Landwirtschaft in den Mittelpunkt der Debatten über internationale Handelsabkommen gerückt werden, stellte Lambert klar.

Auch eine „offene strategische Autonomie“ befürwortet die Französin: „Lebensmittel sind strategisch. Es gibt Produkte, die wir brauchen, wie etwa exotische Produkte, Kaffee oder Soja, aber wir brauchen auf der anderen Seite auch Handelsbeziehungen, die offen und gleichberechtigt sind“.

Sie warnte jedoch davor, dass die Öffnung der Grenzen die EU in Konkurrenz zu Ländern setzen könnte, die nicht die gleichen Produktionsregeln haben.

„Wir haben den Eindruck, ein Schwergewicht und ein Federgewicht in einen Boxring zu schicken. Wir konkurrieren, aber wir wissen schon von Anfang an, dass wir verlieren werden“, warnte sie. Die EU sollte keine Produkte aus Ländern einführen, in denen es keine gemeinsamen Standards gibt, bekräftigte Lambert.

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[Bearbeitet von Benjamin Fox und Britta Weppner]

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