EU-Anpassungsstratgie soll „menschliche“ Kosten des Klimawandels reduzieren

Die EU müsse sich auch auf die Auswirkungen des Klimawandels vorbereiten, die nicht (mehr) vermieden werden können - wie vermehrt auftretende Stürme, Überschwemmungen, Dürren und Hitzewellen. Im Bild: Ein durch Überschwemmung zerstörtes Haus im bayerischen Untertürken, am 2. Juni 2016. [PETER KNEFFEL / EPA]

Die EU-Strategie zur Anpassung an den Klimawandel, die am morgigen Mittwoch vorgestellt wird, soll darauf abzielen, sogenannte „menschlichen Kosten“ des Klimawandels sowohl in Europa als auch weltweit zu bekämpfen. Die Strategie könnte damit unter anderem auf Forderungen der Gewerkschaften eingehen, den Schutz für die am meisten gefährdeten Arbeitnehmenden zu verstärken.

Neben Maßnahmen zur Reduzierung der CO2-Emissionen und zur Abschwächung der Erderwärmung muss sich die EU auch auf die Auswirkungen des Klimawandels vorbereiten, die nicht (mehr) vermieden werden können – wie das vermehrte Auftreten von Stürmen, Überschwemmungen, Dürren und Hitzewellen.

Die Hitzewelle von 2003, bei der in Frankreich fast 20.000 Menschen starben, hat beispielsweise bereits zu funktionierenden Frühwarn- und anderen Vorbereitungsmaßnahmen geführt. Diese haben dazu beigetragen, dass die Zahl der Todesopfer bei nachfolgenden Hitzewellen deutlich geringer ausfiel.

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Pünktlich zum virtuellen Climate Adaption Summit hat Germanwatch seinen diesjährigen Klima-Risiko-Index veröffentlicht. Der globale Süden leidet tendenziell stärker unter Wetterextremen als der Norden. Doch auch Deutschland gehörte in den vergangenen 20 Jahren zu den 20 am massivsten betroffenen Ländern weltweit.

Der Klimawandel verursacht mehrere „menschliche Kosten“: Neben Todesopfern zählen dazu vor allem erzwungene Umsiedlungen und der Verlust von Arbeitsplätzen. Dies dürfte sich auch auf die europäische Bevölkerung auswirken: Aktuell und in nächster Zukunft werden in Europa vor allem Berufe, die weitgehend im Freien ausgeführt werden – wie in der Landwirtschaft oder in der Baubranche – am stärksten betroffen sein.

„Ein Bauarbeiter, der im Freien arbeitet, ist immer stärker vom Temperaturanstieg betroffen; das haben wir insbesondere während der Hitzewelle 2019 gesehen,“ erinnert Félix Mailleux vom Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB). „Wir beobachten diesbezüglich viele Probleme. [Arbeiten bei hohen Temperaturen] kann zu Gesundheits- und Sicherheitsrisiken führen, wie Hitzeschläge, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, aber auch Hautkrebs oder Dehydrierung.“

Im Jahr 2030 könnten demnach 2,2 Prozent der weltweiten Gesamtarbeitszeit aufgrund steigender Temperaturen ausfallen. Das entspricht 80 Millionen Vollzeitarbeitsplätzen und 2.400 Milliarden US-Dollar an wirtschaftlichen Verlusten, so Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

Besonderer Schutz

Laut EGB, der im November eine Resolution zu diesem Thema verabschiedet hatte, brauchen gerade diese besonders betroffenen Arbeitnehmenden entsprechenden Schutz, einschließlich einer EU-Richtlinie, die eine Maximal-Temperatur für Arbeit im Freien festlegt.

„Jedes Jahr, jeden Sommer, haben wir rund drei Wochen Hitzewellen oder sogar noch mehr… Das bedeutet, dass es konkrete Auswirkungen auf die Arbeitnehmenden gibt, die draußen arbeiten,“ so Ludovic Voet, der für Klimafragen zuständige Sekretär beim EGB. „Das hat auch Auswirkungen darauf, wie die Arbeit in diesen Sektoren organisiert ist oder sein sollte.“

Zusätzlich zu den direkten Schutzmaßnahmen für Arbeitnehmende fordern die Gewerkschaften, dass die EU-Anpassungsstrategie auf eine „integrative Steuerung und Verwaltung“ sowie die Einbeziehung der Gewerkschaften in nationale Anpassungsstrategien drängen solle.

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Riesige Verluste

In der EU belaufen sich die wirtschaftlichen Verluste durch wetter- und klimabedingte Extremereignisse im Durchschnitt bereits jetzt auf zwölf Milliarden Euro pro Jahr, so die Europäische Kommission in ihrer Blaupause zur Klimaanpassungsstrategie.

Nach Angaben des IPCC (auch bekannt als „Weltklimarat“) könnten die Schäden durch klimabedingte Wetterereignisse bei einer Erderwärmung auf 1,5°C weltweit rund 49 Billionen Euro kosten. Sollten die Durchschnittstemperaturen bald bei 2°C über dem Vorindustrialisierungsniveau liegen, würde dieser Wert auf 63 Billionen Euro ansteigen.

Im Jahr 2018 war die Mehrheit der Naturgefahren, von denen fast 62 Millionen Menschen betroffen waren, mit extremem Wetter und dem Klimawandel verknüpft. Von den 17,2 Millionen Umsiedlungen und Vertreibungen im Zusammenhang mit Katastrophen im Jahr 2018 hatten 16,1 Millionen mit Wetterereignissen zu tun.

„Der Klimawandel vervielfacht auch die Bedrohungen für die internationale Stabilität und Sicherheit und trifft insbesondere diejenigen, die sich in sehr fragilen und gefährdeten Situationen befinden. Anpassungsbemühungen können daher auch als Konfliktpräventions- und Vermittlungsinstrumente dienen und gleichzeitig helfen, Ansatzpunkte für Dialog und Vertrauensbildung zu identifizieren,“ hofft die Kommission in ihrem Entwurf.

Wenn ein Ökosystem zusammenbreche, sei es sogar wahrscheinlich, dass ein Krieg oder ein gescheiterter Staat folgt, warnt Petros Kokkalis, ein konservativer Europaabgeordneter aus Griechenland und Schattenberichterstatter für die Stellungnahme des EU-Parlaments zur Klimaanpassung. Er weist darauf hin, dass sich Gebiete wie der Nahe Osten aktuell schneller aufheizen als der globale Durchschnitt. Ohnehin schon bestehende Konflikte könnten sich dadurch verschärfen oder weiter ausbreiten.

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EU-Parlament fordert klare Ziele und Einbeziehung der Regionen

Die Europäische Kommission hatte die erste Blaupause für ihre Strategie zur Anpassung an den Klimawandel im vergangenen Sommer veröffentlicht, basierend auf der vorherigen Strategie aus dem Jahr 2013. Das Dokument enthält Neuerungen wie die Verbesserung des Wissensstandes, die Stärkung der gemeinsamen Planung und der Vorsorge.

Das Konzept sieht insbesondere vor, die Klimaauswirkungen auf gefährdete Gruppen zu reduzieren, eine bessere Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen anzustreben, Umsiedlungen/Vertreibungen aus Klima-Gründen zu verhindern oder zu minimieren sowie die Widerstandsfähigkeit der EU-Lieferketten zu erhöhen.

Darüber hinaus wird auch ein besseres Überwachungssystem gefordert. Bisher fand sich in der Strategie allerdings noch nichts bezüglich der „verpflichtenden Indikatoren und Ziele“ zur Klimawandel-Anpassung, die das EU-Parlament in einer Resolution im Dezember gefordert hatte.

Nach Ansicht des Parlaments ist die Einführung verbindlicher Ziele wichtig, da die Anpassung ein grenzüberschreitendes Thema ist. „Andernfalls werden verschiedene Länder mit unterschiedlichen Lösungen aufwarten,“ warnt der Grüne Bas Eickhout aus dem Umweltausschuss des Parlaments. „Flüsse überschreiten Grenzen; wie wir mit der Infrastruktur umgehen, hat ebenfalls grenzüberschreitende Auswirkungen,“ erinnert der Niederländer im Gespräch EURACTIV.com.

Jegliche Gesetzgebung müsse daher sinnvoll sein und einen konkreten Einfluss auf die europäische Politik haben, fügte Eickhout hinzu. Er könne sich entsprechende greifbare Initiativen in der Fischerei, der Landwirtschaftspolitik und der Infrastrukturfinanzierung vorstellen.

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In der Resolution forderten die EU-Parlamentsabgeordneten des Weiteren eine höhere Finanzierung auf globaler, EU-, nationaler und regionaler Ebene. Insbesondere solle das 30-Prozent-Ziel für Klimaausgaben im aktuellen EU-Haushalt explizit sowohl für Klimaschutz als auch für Klima-Anpassung genutzt werden.

„Die Anpassungsstrategie wird wahrscheinlich der Dreh- und Angelpunkt aller zukünftigen öffentlichen Ausgaben und Interventionen sein,“ erwartet Kokkalis.

Die Anpassungsstrategie der EU wird ebenso die regionale Ebene einbeziehen müssen, da die Raumplanung ein wichtiger Faktor sein wird, um die Auswirkungen von extremen Wetterereignissen wie Überschwemmungen und Stürmen zu mildern. Die Kommission müsse es daher „wagen“, die EU-Mitgliedsstaaten zu Anpassungsstrategien zu drängen, fordert seinerseits Eickhout.

[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]

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