EU-Landwirtschaftskommissar will gegen intensive Schweinehaltung vorgehen

Laut EU-Landwirtschaftskommissar Janusz Wojciechowski wird sich der Green Deal mit der Frage der intensiven Schweinehaltung in einigen EU-Mitgliedsstaaten befassen müssen. [BOURGEOIS/EP]

Janusz Wojciechowski, der Landwirtschaftskommissar der EU, will hart gegen die Umweltauswirkungen der intensiven Tierhaltung vorgehen. Abgesehen von der Unterstützung durch Tierschutzgruppen stießen seine Forderungen bisher jedoch auf gemischte Reaktionen.

In Frankreich, Italien und Polen werden weniger als 80 Schweine pro 100 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche gehalten – eine Zahl, die in Belgien, Dänemark und den Niederlanden auf 452, 473 und 690 ansteigt, schrieb der polnische Kommissar auf Twitter.

„Als Teil des Green Deal wird es notwendig sein, das Problem der intensiven Schweinehaltung in einigen EU-Ländern anzugehen, da die Landwirtschaft nachhaltig sein muss“, fügte Wojciechowski in Kommentaren hinzu, die wie eine Rüge für die nördlichen EU-Länder klangen.

Der polnische Kommissar setzte seinen Vergleich in einem nachfolgenden Tweet fort. Er zitierte Zahlen aus der Rinderzucht und sagte, dass die Anzahl der Kühe pro 100 Hektar landwirtschaftlicher Fläche in Polen, Italien, Dänemark und Frankreich durchschnittlich 43, 47, 59 und 67 beträgt.

Doch in Belgien und den Niederlanden liege die Zahl über 170, so der Kommissar.

Gemischte Reaktionen im Parlament

Wojciechowskis Kommentare wurden in seinem Heimatland gut aufgenommen. Die polnische sozialdemokratische Europaabgeordnete Sylwia Spurek sagte, die neue Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) müsse zu einem Hebel werden, um die Ziele des Europäischen Grünen Deals zu erreichen, nicht zu einer Last.

„Die heutige Landwirtschaft muss der Vergangenheit angehören“, sagte sie gegenüber EURACTIV. „Die Umweltkosten, die mit Zuchttieren für den menschlichen Verzehr verbunden sind, sind sehr hoch, und wenn wir eine ehrgeizige Politik zur Bekämpfung des Klimawandels anstreben, dürfen wir die Augen vor der industriellen Tierhaltung nicht verschließen“, so Spurek.

Aber für Jérémy Decerle, einen neu gewählten Abgeordneten, der auch Charolais-Rinder in Frankreich züchtet, hätte der Kommissar vorsichtiger sein müssen, wie er die Zahlen präsentiert. Diese, so sagte er, können leicht falsch interpretiert werden und zu unnötigen Spannungen mit den Landwirten führen.

„Das Thema verdient mehr Erklärung und eine Gelegenheit, diese Zahlen offen mit den Akteuren des Sektors zu diskutieren“, betonte er. Die europäischen Landwirte werden sich weiterhin verstärkt um den Tierschutz bemühen, wie sie es bereits in der Vergangenheit getan haben, meint Decerle.

Wojciechowskis Bemerkungen zur Tierhaltung lösten bei Copa-Cogeca, der EU-Landwirtschaftsorganisation, Kritik aus.

„Die landwirtschaftliche Produktion ist komplex und spiegelt viele verschiedene lokale, nationale und historische Aspekte wider. Sie lässt sich nicht in ein paar Tweets zusammenfassen oder beurteilen“, sagte Copa-Cogeca-Generalsekretär Pekka Pesonen.

Tierisch schlechte Noten

Eine Studie hat untersucht, wie nachhaltig die weltgrößten Mast betriebe und Molkereien arbeiten. Die Ergebnisse sind erschreckend.

Er wies auch darauf hin, dass alle Produktionssektoren und -methoden einen positiven Einfluss auf die Umwelt und die Gesellschaft ausüben können. Die Vielfalt der europäischen Landwirtschaft spiegele die Vielfalt der EU wider, „die unserer Meinung nach ihre Stärke ist“, ergänzte Pesonen.

Im Gegensatz dazu wurden Wojciechowskis Kommentare von Tierschutzgruppen gut aufgenommen. Die EU sollte das Leiden der Tiere minimieren und sie schützen, sagte Olga Kikou, Leiterin des EU-Büros bei der NGO Compassion in World Farming.

Schweinen, sagte sie, wird noch immer routinemäßig der Schwanz kupiert, was gegen die EU-Schweinehaltung verstößt. Die EU-Mitgliedsstaaten haben es oft versäumt, diese Regel durchzusetzen, obwohl die Verstümmelungen für die Tiere durchaus schmerzhaft sind, fügte sie hinzu.

Roxane Feller, Generalsekretärin von AnimalhealthEurope, einer Gruppe, die die europäische Tierarzneimittelindustrie vertritt, verteidigte die Praktiken der intensiven Tierproduktion. Sie erklärte, dass die Landwirte bereits hohe Standards anwenden, wenn es um Tiergesundheit und Tierschutz geht.

Ihrer Meinung nach haben Innovationen, die auf große Intensivhaltungsbetriebe angewandt werden, es den Landwirten ermöglicht, Lebensmittel mit höherer Effizienz zu liefern, ohne die Gesundheit und das Wohlergehen der Tiere zu gefährden.

„Wir müssen von der falschen Vorstellung wegkommen, dass eine moderne Landwirtschaft in großem Maßstab keinen positiven Beitrag zu einem nachhaltigen Europa leisten wird“, meint sie.

Neue Bürgerinitiative fordert Stopp der industriellen Käfighaltung

Eine neue Europäische Bürgerinitiative für den Tierschutz soll auf den Weg gebracht werden. Vergangene Initiativen hatten bei der Kommission allerdings sehr mäßige Erfolge.

Eine Angelegenheit, die ihm am Herzen liegt

Quellen der Kommission, die von EURACTIV kontaktiert wurden, sagten, dass die von Wojciechowsi zitierten Zahlen aus dem Statistischen Jahrbuch 2018 des polnischen Landwirtschaftsministeriums und des polnischen nationalen Statistikamtes stammten.

Beide Tweets, die auf Wojciechowsi’s persönlichem Twitter-Account veröffentlicht wurden, sind als seine persönliche Meinung zu einer Angelegenheit zu betrachten, die ihm besonders am Herzen liegt.

Bevor er der Kommission beitrat, war Wojciechowski Vorsitzender der Arbeitsgruppe für Tierschutz im Europäischen Parlament. Außerdem war er bereits beim Europäischen Rechnungshof (ERH) für einen Bericht über den Tierschutz in der Tierhaltung verantwortlich.

Kommissionsquellen stellten ferner klar, dass die EU-Exekutive sicherstellen wird, dass die nationalen Strategiepläne für die Landwirtschaft anhand solider Klima- und Umweltkriterien bewertet werden. Diese werden die Anwendung nachhaltiger Praktiken wie Präzisionslandwirtschaft, ökologische Landwirtschaft, Agrarökologie, Agroforstwirtschaft sowie strengere Tierschutznormen fördern.

Einige Mitgliedsstaaten haben intensivere landwirtschaftliche Systeme als andere, mit unterschiedlichen Auswirkungen auf den Klimawandel und die Umwelt, so die Beamten.

„Wir müssen das im Auge behalten und die Bedürftigsten unterstützen“, fügte die Quelle hinzu.

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[Bearbeitet von Frédéric Simon und Britta Weppner. Natasha Foote hat zu dem Artikel beigetragen]

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