EU-Agenturen verschieben Glyphosat-Gutachten auf Mitte 2023

Laut einer gemeinsamen Presseerklärung der EFSA und ECHA sei die Verzögerung auf eine "beispiellose Anzahl von Kommentaren" zu einem im Sommer letzten Jahres veröffentlichten Entwurf des Bewertungsberichts zurückzuführen. [SHUTTERSTOCK]

Aufgrund einer beispiellosen Flut von Rückmeldungen durch Interessengruppen haben die zuständigen EU-Behörden angekündigt, ihre Risikobewertung zu Glyphosat erst Mitte 2023 abschließen zu können, obwohl die derzeitige Zulassung des Herbizids Ende dieses Jahres ausläuft.

Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) und die Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bewerten derzeit die potenziellen Gesundheits- und Umweltrisiken im Zusammenhang mit der umstrittenen Substanz Glyphosat.

Da die aktuelle EU-Zulassung für Glyphosat als Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln im Dezember ausläuft, sollte die Bewertung der Agenturen eigentlich noch rechtzeitig erfolgen, um vor Ende des Jahres die Entscheidung für oder gegen eine Verlängerung der Zulassung zu treffen.

Die EFSA und die ECHA gaben jedoch am Dienstag bekannt, dass sie den Zeitplan für die Bewertung neu festgelegt haben und den Prozess erst im Juli 2023 abschließen werden.

Da die Bewertung somit ein halbes Jahr nach Ablauf der aktuellen Zulassung erfolgen würde, wird erwartet, dass die Kommission nun eine vorübergehende Verlängerung der Zulassung vorschlagen wird, um die Verzögerung zu überbrücken.

Dies würde vermutlich unter der Bedingung geschehen, dass die beiden Agenturen in der Zwischenzeit keine dringenden Beweise für ein ernsthaftes Risiko durch Glyphosat feststellen.

In einer Erklärung sagte die EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides, sie sei „zutiefst besorgt darüber, dass sich die Bewertung von Glyphosat verzögert.“

Laut einer gemeinsamen Presseerklärung der EFSA und ECHA ist der Grund für die Verzögerung eine „beispiellose Anzahl von Kommentaren“, die zu einem im Sommer letzten Jahres veröffentlichten Entwurf des Bewertungsberichts eingegangen sind.

„Beispielloses“ Interesse

Dieser Berichtsentwurf war von vier Mitgliedstaaten – Frankreich, Ungarn, den Niederlanden und Schweden – verfasst worden, die die sogenannte Bewertungsgruppe für Glyphosat bilden. Die EFSA und die ECHA hatten dann im Rahmen einer öffentlichen Konsultation um Anmerkungen zu dem Papier gebeten.

Während die Vielzahl an Rückmeldungen von Interessengruppen „das große Interesse an dem Thema verdeutlicht“, belaufen sich die Kommentare und zusätzlichen Informationen, die von Expert:innen und Interessengruppen eingereicht wurden, auf „ein Dossier von etwa 3.000 Seiten“, erklärten die Agenturen.

Glyphosat-Zulassung: Interessengruppen streiten über wissenschaftliche Grundlage

Derzeit erwägt die EU eine Erneuerung der Zulassung für das umstrittene Herbizid Glyphosat. Die Industrie verteidigt das Bewertungsverfahren, während Umweltschützer anprangern, dass es nicht auf einer „soliden wissenschaftlichen Grundlage“ beruht.

Das bedeutet, dass die vier Mitgliedsstaaten zusätzliche Zeit benötigen, um die Kommentare zu prüfen und ihren Bewertungsentwurf mit den neuen Informationen zu aktualisieren.

Laut dem überarbeiteten Zeitplan der Agenturen soll dieser überarbeitete Bericht bis Ende September vorgelegt werden. Die EFSA wird dann im November und Dezember ein Peer-Review-Verfahren einleiten, das aus einer umfassenden Reihe von Konsultationen mit der Bewertungsgruppe sowie nationalen Expert:innen besteht, bevor sie Mitte 2023 ihre Schlussfolgerungen vorlegen will.

Während Kyriakides das „große Interesse an dem Bewertungsprozess“ und die „wirklich beispiellose Anzahl“ von Beiträgen der Interessengruppen anerkannte, betonte sie, sie habe die Agenturen gebeten, „ihr Möglichstes zu tun, um ihre Arbeit so schnell wie möglich abzuschließen.“

Uneinigkeit über wissenschaftliche Erkenntnisse

Die große Menge an Informationen und Kommentaren, die während der öffentlichen Konsultationen eingereicht wurden, spiegelt wider, wie umstritten das Thema ist: Die Interessengruppen sind nicht nur politisch polarisiert, sondern auch in Bezug auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die zur Bewertung der potenziellen Risiken des Einsatzes von Glyphosat im Pflanzenschutz vorgelegt wurden.

Während die EU-Agenturen in einer früheren Bewertung beispielsweise zu dem Schluss gekommen waren, dass es „keine Beweise“ für einen Zusammenhang zwischen der Verwendung von Glyphosat und einem erhöhten Krebsrisiko bei Menschen gebe, haben Aktivist:innen den Bewertungsprozess dafür kritisiert, dass er sich zu stark auf von der Industrie in Auftrag gegebene Studien stützte und langfristige Gesundheits- und Umweltrisiken außer Acht ließe.

Unterdessen waren die Interessenvertreter:innen auch geteilter Meinung, was die Verzögerung der Bewertung und eine mögliche vorübergehende Verlängerung der Zulassung angeht.

In einer Erklärung erklärte die Glyphosate Renewal Group – die Gruppe der Agrochemieunternehmen, die gemeinsam die erneute Zulassung des Wirkstoffs beantragen -, dass sie sich bewusst sei, „dass solche Verfahrensverzögerungen zusammen mit einer Verlängerung des aktuellen Zulassungszeitraums zu den üblichen Praktiken des EU-Regulierungsprozesses gehören“.

Sie bezeichnete den neuen Zeitplan auch als „Ausdruck eines sehr transparenten Verfahrens, das allen interessierten Parteien die Möglichkeit bietet, sich an dem Prozess zu beteiligen.“

Aktivist:innen forderten hingegen, den Prozess zu beschleunigen.

„Es gibt heute genügend Beweise in der wissenschaftlichen Literatur, die auf die Toxizität von Glyphosat sowohl für die Gesundheit der Menschen als auch für die Umwelt hinweisen“, erklärte Martin Dermine, Policy Officer beim Pesticide Action Network Europe, gegenüber EURACTIV.

Er forderte die EFSA auf, „noch vor Ende des Jahres eine Erklärung zu den nicht von der Industrie stammenden Erkenntnissen abzugeben, damit die Europäische Kommission und die Mitgliedstaaten die Idee einer Verlängerung der Zulassung fallen lassen“.

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