Englische Bauern wollen an den Brexit glauben

Englands Viehhalter sind stark abhängig von EU-Subventionen. Sie glauben aber fest daran, dass sich die britische Regierung nach dem Brexit um sie kümmern wird. [Steenbergs/Flickr]

Landwirte in Nordost-England haben genug von Brüssel. Sie verlassen sich darauf, dass die britische Regierung nach dem Brexit bis 2020 die wegfallenden Subventionen aus EU-Töpfen übernimmt. Aber wie geht es dann weiter? Ein Bericht von EURACTIV-Partner Ouest-France.

Das letzte Mal haben wir Willie Weatherson vor einem Jahr getroffen. Er lehnte am Tresen eines Dorf-Pubs mitten in den felsigen Hügeln Nordostenglands, weit weg vom Big Business in Kent. Jetzt treffen wir ihn wieder, in einem anderen Pub, zwei Meilen weiter. Das Bier und die Kneipendeko sind die gleichen, aber die Atmosphäre hat sich geändert. Wir befinden uns in der Zeit der Brexit-Nachlese. „Jetzt wird’s ernst“, sagt der 60-jährige Weatherson mit einem Grinsen.

„Ich war schlecht informiert“

Der Besitzer von 200 Schafen und 60 Kühen stimmte im Juni 2016 für einen Verbleib Großbritanniens in der EU. Einen Monat vor dem Referendum hatte er noch die „Brüsseler Bürokraten“ verflucht, die „alles für uns entscheiden wollen.“ Doch seine Wahl in der Abstimmung wurde durch die Vorstellung, ohne EU-Subventionen auskommen zu müssen, geleitet. „Ich hatte geglaubt, der Brexit würde ein Desaster werden. Ich war einfach schlecht informiert”, blickt er zurück. „Wenn wir heute noch einmal abstimmen würden, wäre ich auf jeden Fall für einen Ausstieg. Ich weiß jetzt, dass das tatsächlich möglich ist…”

Junckers Berater: "Der Brexit kann kein Erfolg werden"

Die Brexit-Verhandlungen können laut dem Kabinettschef von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker pragmatisch angegangen werden. Ein Erfolg würden sie nicht.

Überzeugt wurde Weatherson von Theresa Mays Versprechen, die EU-Subventionen an britische Landwirte bis 2020 – stolze 4 Milliarden Euro – würden von der britischen Regierung übernommen. Aber wie geht es dann weiter? “Sie wird nicht genug Zeit haben, bis dahin ein GAP-ähnliches System aufzubauen. Sie wird uns einfach weiter helfen müssen.”

“Ich hab’s dir schon immer gesagt,” wirft Tresennachbar Angus Murray ein. Er und seine beiden Söhne, allesamt Bauern, stimmten für den Brexit. Der Anteil der EU-Gelder am Einkommen ihres Familienhofs mit 1000 Schafen und 100 Kühen: 30 Prozent.

Britische Schafe für französischen Wein

Diese Zahl scheint den erfahrenen Landwirt aber nicht zu verunsichern. Er ist sich sicher, dass die Konservativen von Theresa May die Wahl am 8. Juni gewinnen werden. “Dann ist die Regierung in einer starken Position, um mit Brüssel zu verhandeln und neue Handelsabkommen zu unterschreiben.“

72 Prozent der britischen Landwirtschaftsprodukte werden in die EU exportiert, und 40 Prozent der im Königreich verkauften Lebensmittel stammen aus dem Rest der EU. “Keine Panik,” meint Brexit-Fan Murray. “Ihr werdet weiter unsere Schafe essen und wir werden weiter euren Wein trinken.“

Allerdings scheint seine Analyse der Situation außer Acht zu lassen, dass die gesamte Landwirtschaft lediglich 0,7 Prozent der britischen Wirtschaft ausmacht. Im Vergleich dazu steht die Londoner Finanzwirtschaft für 10 Prozent.

Auch Stuart Furlong, ein 55-jähriger Landwirt aus der Region mit 150 Schafen, 100 Kühen und einigen Pferden, glaubt: “Dieses Land weiß, wie man Handel treibt. Wir schaffen das“. Seine Frau, die als Pflegekraft arbeitet, habe gegen den Brexit gestimmt. „Sie hatte Bammel“, so Furlong. Ganz anders die 23 Jahre alte Tochter, die auch Landwirtin ist. Auch Furlong habe zweimal darüber nachgedacht, wie er abstimmen soll, gibt er zu. Aber: „Ich hatte genug davon, mit anzusehen, wie Brüssel die gleichen Steuern auf Olivenöl aus Griechenland, Rindfleisch aus Frankreich und Tulpen aus Holland erhebt. Ich hatte keine Lust mehr, für die Krisen anderer Leute zu zahlen.“

Die Schwäche des britischen Pfunds letztes Jahr bestätigte ihn in seinem Optimismus. „Das Fleisch, das ich exportiere, bringt jetzt mehr Geld als vorher.“ Er hat auf einem seiner Felder einen Schießstand aufgebaut, um sein Geschäft zu diversifizieren. Sein Einkommen besteht jetzt nur noch zu 15 Prozent aus EU-Subventionen.

Das ist tatsächlich wenig im Vergleich zu den 65 Prozent von Bill Salmon, der seinen Hof ein paar Meilen weiter hat. Seine 250 Schafe und 60 Kühe haben seit Jahren keinen Gewinn abgeworfen. „Ohne das Gehalt meiner Frau könnten wir nicht überleben“, erzählt er. Für ihn ist der Brexit „ein Fehler. Es interessiert niemanden, ob ich dichtmachen muss. Aber wer kümmert sich dann um das Land? Die Schützer dieses Gebiets hier sind die Schafe. Die EU subventioniert uns doch hauptsächlich, damit wir uns um dieses unfruchtbare Land kümmern.“

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“Verdammte Europäische Gesetze”

Auf den Feldern des Moralee-Familienhofes – 500 Schafe und 90 Kühe – gibt es immer etwas zu tun. „Ich habe nicht viel Zeit zum Plaudern“, ruft der 20-jährige Jack Moralee, während er die Herde auf die Weide treibt. Genau wie sein Vater John hat er für den EU-Austritt gestimmt. „Wenn wir endlich diese verdammten Gesundheits- und Umweltregeln los wären, könnten wir auch wieder auf eigenen Füßen stehen”, so John. Nach kurzer Pause fügt er hastig hinzu: „wir wären natürlich noch immer so streng in diesen Dingen wie vorher, aber wir könnten sie auf unsere eigene Art machen.“

Es werde einige Zeit dauern, aber seine Familie wird diese Ziele erreichen, ist John sich sicher. Wird es den britischen Bauern insgesamt außerhalb der EU denn besser gehen? „Hätte ich reich werden wollen, hätte ich niemals diesen Hof von meinem Vater übernommen“, sagt John beim Einsteigen in sein altes, verbeultes Auto. „Ich habe nie davon geträumt, einen Range Rover zu fahren.“

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