EFSA: Glyphosat-Debatte hat philosophische Dimensionen angenommen

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Monsantos Kassenschlager RoundUp steht wegen seines Glyphosatanteils im Zentrum der öffentlichen Debatte. [Mike Mozart/Flickr]

Zu Recht wird über das Gefahrenpotenzial von Pestiziden debattiert, betont Bernhard Url, Leiter der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), im Interview mit EURACTIV Brüssel. Doch auch Politiker müssten Entscheidungen treffen.

Ernährungssicherheit rückt immer weiter ins Zentrum der europäischen Debatte. Innerhalb der Bevölkerung regt sich zunehmend Widerstand gegen Pestizide und GVOs (genetisch veränderte Organismen).

Glyphosat, Wirkstoff des Monsanto-Unkrautvernichters RoundUp, ist laut Url das beste Beispiel dafür, wie eine Debatte über krebserregende Eigenschaften und Gesundheitsrisiken über die Wissenschaft hinaus zu einer gesellschaftlichen Diskussion mit weitreichenden Auswirkungen geworden ist. „Bei Glyphosat kommen viele verschiedene Aspekte zusammen“, so der EFSA-Chef im Gespräch mit EURACTIV.

So mancher nutze die Debatte um ganz grundlegende Einwände gegen die intensive Landwirtschaft in Europa einzulegen. „Das ist legitim, hat allerdings nichts mit Sicherheit zu tun. Es geht um die Art, wie wir landwirtschaftliche Erzeugnisse herstellen“, so Url. „Die Entscheidung ist hochpolitisch und kann nur von Risk-Managern getroffen werden.“

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Wie schädlich ist Monsantos Unkraut-Killer RoundUp wirklich? Dieser Frage widmete sich eine aktuelle Studie von Scientific Reports – mit besorgniserregenden Ergebnissen. EURACTIV Brüssel berichtet.

Wenn Wissenschaft auf Wirtschaft, Ethik und Religion trifft

„[Es gibt] viele legitime Wertaussagen, die mit Glyphosat in Verbindung stehen“, erklärt der Österreicher – zum Beispiel bei der Frage, wie die europäische Landwirtschaft aussehen sollte, welche Mengen an Pestiziden man nutzen sollte und wie man die biologische Vielfalt wahren kann. Wenn man zu dieser Debatte noch den US-Konzern Monsanto und GVOs hinzufügt, ergibt sich ein explosives Gemisch. „All diese Elemente kamen auf einmal zusammen“. Die eigentlich wissenschaftliche Debatte über die Giftigkeit der Substanz habe somit nahezu philosophische Dimensionen angenommen, unterstreicht er. „Das ist ein Bereich, in dem Politiker Entscheidungen treffen müssen.“

„Wenn Wissenschaft auf Werte, Moralvorstellungen, Glauben, Religion und wirtschaftliche Interessen stößt, wird das Ganze wirklich kompliziert. Lebensmittel werden meiner Meinung nach zu Stellvertretern für eine eigentlich viel umfassendere Debatte über die Globalisierung, große Konzerne, multinationale Unternehmen und vielleicht sogar die Ungleichheit“, warnt Url. Hier komme es häufig zu Missverständnissen über die Rolle der Wissenschaft.

Als die allgemeine Öffentlichkeit die EFSA aufforderte, Stellung zur Glyphosatzulassung zu beziehen, beschränkte sich die Behörde mit Sitz in Parma darauf, wissenschaftliche Schlüsse zu ziehen. Die politische Diskussion überließ sie den gewählten Vertretern, die demokratisch legitimiert seien, solche Entscheidungen zu treffen.

„Das war das große Argument: Die Menschen sehen es [Glyphosat] als womöglich oder wahrscheinlich krebserregend an und meinen sofort, eine solche Substanz gehöre verboten. Die Karzinogenität, wenn sie überhaupt existiert, wäre so niedrig, dass man pro Tag so viel wie 20.000 Leute essen müsste, um das schädliche Level zu erreichen. Das halte ich für sehr unwahrscheinlich“, meint Url. „Das Sicherheitsargument sowie die Aussage, dass Glyphosat krebserregend ist und deshalb verboten gehört, sind nicht relevant.“

Unabhängige Wissenschaft?

Der studierte Tierarzt bestätigt, dass sich die Öffentlichkeit zunehmend für die Rolle der Wissenschaft in der Politik interessiere – insbesondere beim Thema Ernährung. Besonders gut zu erkennen sei dies bei den Debatten über Lebensmittelsicherheit und GVOs.

Umwelt-NGOs zweifeln an der Unabhängigkeit von Risikoevaluierungen, die der EFSA vorgelegt werden. Sie verweisen auf die Tatsache, dass Biotech-Unternehmen ein persönliches Interesse daran hätten, Nachweise für die GVO-Sicherheit zu erbringen.

Die EFSA musste 2013 ihre eigenen internationalen Vorschriften für Interessenkonflikte verschärfen. Damals war ans Licht gekommen, dass eines ihrer führenden Vorstandsmitglieder seine Verbindungen zu einer agrochemischen Lobby-Gruppe verheimlicht hatte.

EU-Vorschriften seien jedoch manchmal widersprüchlich, kritisiert Url. So setzt das Forschungsprogramm Horizon 2020 voraus, dass Wissenschaftler mit der Industrie zusammenarbeiten. Nur so erhalten sie EU-Fördermittel.

„Die Menschen sind also verwirrt. Einerseits drängen wir sie, mit der Industrie zu kooperieren. Andererseits können sie nur dann ihre Glaubwürdigkeit bewahren, wenn sie vorgeben, nie zuvor in ihrem Leben mit der Industrie gesprochen zu haben – ein riesiger Widerspruch.“ Url zufolge sollte man sich auf einen „politischen Konsens“ darüber einigen, inwiefern es für Wissenschaftler akzeptabel ist, mit der Industrie zusammenzuarbeiten.

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