Bevölkerungszuwachs: Jedes Jahr ein „neues Deutschland“

Die Digitalisierung soll Landwirte dabei unterstützen, ihre Düngemittel effektiver einzusetzen. [Shutterstock]

Die europäische Düngemittelindustrie hat am heutigen Mittwoch ihre Pläne und Aussichten für 2030 veröffentlicht und dabei betont, dass der Düngemitteleinsatz in ganz Europa optimiert und die Produktion verbessert werden muss, um sich an die Kreislaufwirtschaft anzupassen und eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren.

Der Bericht „Feeding Life 2030“, den EURACTIV vorab einsehen konnte und der heute veröffentlicht werden soll, ist das Ergebnis von Konsultationen zwischen mehreren Interessengruppen des Agrar- und Ernährungssektors, von Industrievertretern und Hochschulen bis hin zu NGOs und Landwirten.

Ziel des Berichts ist es, eine langfristige Vision für die Branche bis 2030 festzulegen. Nach Prognosen der Vereinten Nationen wird die Weltbevölkerung von derzeit 7,6 Milliarden Menschen auf voraussichtlich 8,6 Milliarden im Jahr 2030 und auf 9,8 Milliarden 2050 wachsen.

„Das entspricht einer jährlichen Zunahme von rund 80 Millionen Menschen. Mit anderen Worten: Wir müssen einen Weg finden, um jedes Jahr ein zusätzliches Deutschland zu versorgen,“ heißt es im Bericht. Dies sei keine leichte Aufgabe, insbesondere auch, weil expandierende Städte und neue Infrastrukturen immer mehr erstklassiges Ackerland verschlingen.

„Die Welt wird daher effizienter wirtschaften müssen, um genügend Lebensmittel zu produzieren,“ so der Bericht.

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Besserer Dünger-Einsatz dank Digitalisierung

Düngemittel sind zwar einerseits für die Steigerung des Pflanzenwachstums und der Pflanzenernährung unerlässlich, haben andererseits aber auch Umweltauswirkungen, die es zu berücksichtigen gilt.

Die Luftverschmutzung in der Landwirtschaft geschieht hauptsächlich in Form von Ammoniak, das als Gas aus Düngemitteln, die besonders anfällig für Verflüchtigung sind, in die Luft gelangt.

Insgesamt stammen 94 Prozent aller Ammoniakemissionen in der EU aus der Landwirtschaft, wobei der Löwenanteil auf Tierexkremente entfällt. Greenpeace schätzt deren Anteil auf fast 80 Prozent der Gesamtmenge, während die Mineraldüngeranwendung etwa 20 Prozent ausmache.

Ein wichtiger Aspekt für den verbesserten Einsatz von Düngemittel in der EU-Landwirtschaft ist laut Bericht vor allem die Digitalisierung des Agrarsektors.

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Die Autoren stellten im Bericht fest, die neue Generation von Landwirten sei bereits besser informiert und konzentriere sich zunehmend auf mehr Effizienz in der Nährstoffnutzung.

In dem Bericht wird auch unterstrichen, neue Geräte und Instrumente der Präzisionslandwirtschaft (beispielsweise die Nutzung von GPS) seien in dieser Richtung von entscheidender Bedeutung.

Potenzial für saubere Energie

Die zweitgrößte Herausforderung ist die Produktion von Düngemitteln. Nach Ansicht der Autoren muss diesem Punkt in naher Zukunft eine zentrale Rolle bei der Kreislaufwirtschaft und der Dekarbonisierung eingeräumt werden.

Dies gilt besonders für Düngemittel auf Stickstoffbasis – ein energieintensives Produkt, bei dem durch die Umwandlung von Stickstoff und Wasserstoff Ammoniak gewonnen wird, ein Grundbaustein aller Düngemittel.

Wenn der im Prozess genutzte Wasserstoff entsprechend gespeichert werden könnte, ergäbe sich daraus eine großartige Gelegenheit, große Mengen an grüner Energie zu erzeugen, so die Dünger-Industrie. Dadurch könne die Düngerproduktion positive Auswirkungen auf die Umwelt haben.

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EU-Rechtsrahmen benötigt

Die Düngemittelindustrie weist auch darauf hin, dass ein „geeigneter politischer Rahmen“ erforderlich sei, um die Landwirte bei der Optimierung des Düngemitteleinsatzes zu unterstützen. Nur so würde man es der Branche ermöglichen, bei der Produktion von Düngemitteln weiterhin „hervorragende Leistungen“ zu erbringen und gleichzeitig die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.

„In unserer Vision für 2030 wird die europäische Düngemittelindustrie an der Schnittstelle zwischen Ernährung und Energie stehen. Mit einem adäquaten Rechtsrahmen könnte die Düngemittelindustrie eine entscheidende Rolle beim Bestreben der EU spielen, eine nachhaltige landwirtschaftliche Produktion zu sichern, eine starke industrielle Basis zu erhalten und gleichzeitig zu einer dekarbonisierten Wirtschaft überzugehen,“ erklärte Jacob Hansen, Generaldirektor von Fertilisers Europe, gegenüber EURACTIV.com.

Auch die Wetttbewerbsfähigkeit sowie die Bedingungen auf den Märkten müssten bedacht werden, fordert die Industrie weiter: Die Gewährleistung gleicher Wettbewerbsbedingungen, zum Beispiel bei den Energie- und Kohlenstoffkosten müsse „oberste Priorität“ haben.

*Mitarbeit von Gerardo Fortuna

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