Direktsaat: Alte Technik plus neue Technologie gegen aktuelle Herausforderungen

Vorreiter wie Trey Hill wollen "eine Mischung aus traditioneller Praxis mit Innovation und Kreativität schaffen, um neue Lösungen aufzudecken, die die Branche vorwärts bringen." [SHUTTERSTOCK]

This article is part of our special report Innovation in der Landwirtschaft: Die EU am Scheideweg.

Gesunde Böden stehen ganz oben auf der politischen Agenda der EU-Kommission. EURACTIV.com sprach mit dem Landwirt Trey Hill aus den USA, dessen innovativer Ansatz in der Landwirtschaft das Potenzial der Direktsaat erforscht – eine Praxis, die seiner Ansicht nach zu den Nachhaltigkeitszielen der EU beitragen kann, auch wenn einige sie als „technologisch rückständig“ abtun.

Gesunde Böden stehen im Mittelpunkt des neuen Green Deal der EU und der Ziele der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung. Beide zielen darauf ab, den Verlust der Biodiversität zu bekämpfen, den Klimawandel zu stoppen und eine nachhaltige Landnutzung zu unterstützen.

Bodendegradation ist jedoch „im Kontext des EU-Territoriums weit verbreitet und weitreichend“, so ein kürzlich veröffentlichter Bericht des Mission Board für Bodengesundheit und Ernährung der EU-Kommission.

Im Bericht kommt das Board zu dem Schluss, dass 25 bis 30 Prozent der EU-Böden derzeit „entweder organischen Kohlenstoff verlieren, erodieren oder verdichtet sind oder eine Kombination davon aufweisen“, während insgesamt 60-70 Prozent der EU-Böden als „ungesund“ eingestuft wurden. Dies komme vor allem auf landwirtschaftlich genutzten Flächen vor.

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Eine Möglichkeit, wie die Landwirte an der Lösung dieser Probleme arbeiten, ist die sogenannte Direktsaat. Unter Direktsaat versteht man den Anbau von Feldfrüchten ohne vorherige Bodenbearbeitung, also die herkömmliche Art und Weise, den Boden zu pflügen und so für den Anbau vorzubereiten. Direktsaat gilt als eine Schlüsselkomponente der „konservierenden Landwirtschaft“.

Mit Bodenbearbeitung wie Pflügen werden unerwünschte Pflanzen abgetötet und eine leichtere Pflanzung ermöglicht. Diese konventionelle Bodenbearbeitung ist jedoch kostspielig und zeitaufwendig und kann die Qualität des Bodens mindern, was wiederum zu Bodenverdichtung und Erosion führt.

Während Direktsaat zwar auch in der EU praktiziert wird, wird sie hier deutlich zurückhaltender angenommen als anderswo: Obwohl einige Bauernorganisationen oder -verbände diese Praxis bereits mit einigem Erfolg eingeführt haben, wird sie derzeit nicht in großem Maßstab angewandt, teilten EU-Quellen EURACTIV.com mit.

Dabei hat sich die Direktsaat in Verbindung mit anderen „konservierenden“ landwirtschaftlichen Praktiken als ein kostengünstiger Weg erwiesen, die Bodenerosion erfolgreich zu bekämpfen und die Effizienz des Wasser- und Düngemitteleinsatzes in der EU zu verbessern.

Direktsaat in der Praxis

Nach Aussage von Trey Hill, einem Landwirt aus den USA, der Mais, Weizen und Sojabohnen produziert, erlaubt ihm sein Direktsaatsystem, „Geld, Treibstoff und Arbeitskosten zu sparen“ – und gleichzeitig die Erträge aufrechtzuerhalten.

Hill ist führend in der Innovation von Deckkulturen. Dabei werden Pflanzen, die den Boden bedecken und bereichern sollen, direkt neben Nutzpflanzen angebaut. Außerdem ist er Initiator zahlreicher Programme und Vereinigungen zur Förderung der Bodengesundheit und einer bodenschonenden Landwirtschaft.

Er erklärt gegenüber EURACTIV.com, er setze sich dafür ein, „eine Mischung aus traditioneller Praxis mit Innovation und Kreativität zu schaffen, um neue Lösungen aufzudecken, die die Branche vorwärts bringen“, und betont, dass Direktsaatsysteme ein enormes Potenzial für den Schutz der Böden, die Verbesserung der Biodiversität, die Verringerung des Chemikalieneinsatzes sowie des Wasserabflusses und der Sequestrierung von CO2 bergen.

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Hill behauptet außerdem, sein innovatives System sei widerstandsfähiger gegen unerwartete Schocks: „In einem guten Jahr kann ich nicht sagen, dass meine Erträge viel höher sind als die meiner Nachbarn, sie könnten sogar etwas niedriger sein“, räumt er ein, fügt aber hinzu, dass dieser Ertragsunterschied in der Regel weniger beträgt, als er zuvor für die Bestellung seiner Felder ausgegeben hätte. „Aber man beginnt wirklich, den Unterschied in den Systemen zu sehen, wenn die Bedingungen schlecht sind. Wenn es eine Dürre gibt, kann man beobachten, dass Flächen mit Direktsaat produktiver sind als konventionelle Betriebe in der Umgebung. Die Temperatur des Bodens ist kühler, das System ist wassersparend. Und Bestäuber bevorzugen die kühleren Bedingungen.“

Angesichts des Klimawandels werde diese offensichtlich immer wichtiger.

Auf dem Weg in den Mainstream

Traditionell als “ Randgruppenbewegung “ betrachtet, werde die Praxis der Direktsaat nun auch zunehmend als eine Mainstream-Praxis anerkannt, die „machbar, effektiv und wirtschaftlich vorteilhaft“ sein könne, so Hill.

Er gibt aber zu, dass noch mehr Forschung erforderlich sei, um die wirklich besten Direktsaat-Methoden zu bestimmen. „Im Moment testen die Landwirte viel aus. Aber was wir brauchen, sind quantifizierbare Zahlen und wissenschaftliche Forschung, um diese Techniken wirklich voranzutreiben,“ so der Farmer.

Deswegen kooperiere er mit mehreren universitären Forschungsprojekten.

Keine Frage der Größe

Direktsaat wird oft mit kleineren Betrieben in Verbindung gebracht, aber Hill – der 5.000 Hektar bewirtschaftet – betont, dass es nicht um Größe geht, sondern um Management und die intelligente Anwendung von unterstützenden Werkzeugen und Technologien.

„Entscheidend ist, dass man an das, was man tut, glaubt und davon überzeugt ist, und dass man aus Beobachtungen lernt,“ sagt er und fügt hinzu, dass Technologien für die Präzisionslandwirtschaft wie Ertragsüberwachung und Satellitenbilder der Schlüssel zum Erfolg seines Betriebs seien.

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Die Kombination aus alten Ideen und neuen Technologien

Des Weiteren wird Direktsaat oftmals mit technologischem Rückstand in Verbindung gebracht. Hill betont hingegen, es sei wichtig, „alle Technologien einzusetzen, die den Landwirten helfen können, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und gleichzeitig Teil der Lösung zu sein“.

Für ihn sei es das Ziel, das Beste aus modernen genomischen, chemischen und technologischen Innovationen herauszuholen und diese mit konservierenden Landwirtschaftsmethoden zu kombinieren, um ein Hybridsystem für die „beste aller Welten“ zu schaffen.

Der Anbau von Deckfrüchten werde in seiner Region durch Subventionen stark gefördert, was seiner Meinung nach für viele neue Direktsaat-Landwirte eine wichtige Motivation darstellt. So werde in den ersten Jahren der Umstellung ein gewisses Sicherheitsnetz geboten. „Immer mehr meiner Nachbarn versuchen, dank einer Kombination aus starken Subventionsprogrammen und dem Willen, anderen Beispielen zu folgen, Deckfrüchte in ihre Betriebe zu integrieren“, erzählt er.

Letztendlich gehe es aber darum, diese Art der Landwirtschaft auch dann zu erhalten, wenn die Start-Subventionen auslaufen.

Hill ist überzeugt: „Wenn Landwirte in der Lage sind, Gewinne aus der Sequestrierung von Kohlenstoff zu erzielen, und wenn die Verbraucher darin ebenfalls einen Wert sehen, dann wird dies die Verbreitung von Direktsaat-Techniken fördern. Und das wäre im Interesse aller.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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