Digitalisierung der Landwirtschaft: Mission impossible?

Die digitalisierte Landwirtschaft. In Deutschland vielerorts noch Zukunftsmusik [Shutterstock / Panumas Yanuthai]

Am heutigen Mittwoch (02. Dezember) lädt das Bundeslandwirtschaftsministerium gemeinsam mit EURAGRI zu einer Online-Konferenz zum Thema “Digitale Transformation der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette” ein. Nachholbedarf gibt es im Agrarsektor dabei reichlich, aber was können Politik und Forschung tun, um das Problem effektiv zu bewältigen?

In Deutschland ist die Digitalisierung ein leidiges Thema. Kaum ein Monat vergeht, ohne eine Debatte über den Breitbandausbau, digitale Schulen oder Behörden. Doch seit Beginn der Corona-Pandemie hat es in vielen Bereichen einen echten Schub gegeben. Anträge können vermehrt nun auch Online eingereicht werden, wo man vor kurzem noch lästigen Papierkrieg vorfand. Online-Unterricht an Schulen funktioniert zwar noch nicht einwandfrei, aber er kann mittlerweile weitestgehend stattfinden. Das wäre vor einem Jahr noch nicht so zu erwarten gewesen. Es geht also voran in Sachen Digitalisierung, aber eben längst nicht überall.

In der Landwirtschaft steckt die Digitalisierung häufig noch in den Kinderschuhen. Große Betriebe verfügen im besten Fall über eine umfassende IT, die Fütterungsmengen, Bestellungen oder Logistik digital erfasst. Kleinere familienbetriebene Betriebe sind davon noch weit entfernt. Dabei könnte die Digitalisierung einen Beitrag zum Umweltschutz und zu mehr Nachhaltigkeit in der Agrarwirtschaft bedeuten.

Digitale Landwirtschaft: Es gibt auch Risiken

Für die Landwirte könnten neue Abhängigkeiten von multinationalen Unternehmen entstehen, warnen NGOs.

“Digitalisierung nicht um jeden Preis”

Aus diesem Grund steht die diesjährige Konferenz der Nicht-Regierungs-Organisation EURAGRI (European Agricultural Research Initiative) unter dem Motto der Digitalisierung. Die NGO bietet mit ihren Konferenzen und Workshops eine Plattform für den Austausch zwischen politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Akteuren zur strategischen Bewältigung der Probleme im Bereich der Landwirtschaft. Aufgrund der aktuellen EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands ist das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) Mitorganisator der zweitägigen Konferenz.

Ansatzpunkte für eine digitale Transformation des Agrarsektors gibt es viele, weiß Bettina Heimann, Generalsekretärin von EURAGRI, aber nicht jeder sei sinnvoll, sagt sie im Gespräch mit EURACTIV Deutschland: “Digitalisierung um jeden Preis ist nicht vernünftig. In den Milchviehbetrieben, mit den ganzen Robotern und den Sensoren zur Überwachung des Melkvorgangs ist die Digitalisierung sinnvoll, aber beim Ackerbau nicht unbedingt.”

Die Forschung, glaubt sie, könne jedoch helfen, herauszufinden, wo die Lücken sind, um diese dann zu füllen. Dabei spiele aber auch der Nutzen in Relation zu den Kosten eine Rolle: “Viele von den digitalen Lösungen sind sehr teuer, aber weil sie von verschiedenen Herstellern kommen, sprechen die Systeme unter Umständen nicht miteinander.” In vielen Fällen lohnt sich eine Umstellung auf einen voll digitalisierten Mastbetrieb also finanziell nicht, weil der Nutzen sich im Endeffekt in Grenzen hält.

IT-Lagebericht: Ohne digitale Sicherheit keine Digitalisierung

Durch die Pandemie erlebt Deutschland einen starken Digitalisierungsschub. Doch die IT-Sicherheitslage ist angespannt, sagt der neue Lagebericht des BSI, des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik.

Rechtliche Fragen aufgrund der digitalen Daten

Das nächste Problem bei der Nutzung digitaler Technologien ist die Datenverarbeitung und das Besitztum der Daten. Rechtlich ist noch immer nicht geklärt, wem erhobene Daten gehören: Den Herstellern der Technologien, den Besitzern der Geräte oder den Landwirten, die sie benutzen? Bei diesen Daten geht es unter anderem um Big Data für die Präzisionslandwirtschaft, zum Beispiel Wetterdaten und Informationen zur Boden- und Düngerqualität. Es geht aber auch um Nachhaltigkeit, Umwelt- und Tierschutz, denn große Datenmengen können helfen, Land und Vieh gesund zu halten.

Rainer Spiering, agrarpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, pocht auf eine schnelle Klärung der datenpolitischen Fragen, da man es sonst den großen Agrar-Unternehmen, die bereits in die Digitalisierung investieren, überließe, ihre Marktmacht aufgrund ihrer Daten zu vergrößern: “Eine staatliche Plattform, auf die Betriebe ihre Daten bereitstellen, würde verhindern, dass große Unternehmen diese Daten kontrollieren. Damit hilft man kleinen und mittelständigen Unternehmen, ihre Selbstständigkeit zu bewahren.”

Spiering und seine Fraktion fordern deshalb, dass Landwirten finanzielle Mittel für die digitale Datenerhebung bereitgestellt werden und diese im Gegenzug ihre Daten des Landschafts- und Umweltschutzes zur Verfügung stellen. Spiering betont jedoch, dass es nicht darum gehe, betriebswirtschaftliche Kontrolle über die Landwirte zu gewinnen.

EU-Agrarminister erzielen nach langem Ringen Kompromiss zur Agrarreform

Nach Marathonverhandlungen haben sich die  EU-Mitgliedstaaten auf eine Reform der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) verständigt. 

Digitalisierung ist nicht Teil der GAP

Die Bereitstellung finanzieller Mittel für die Digitalisierung muss allerdings nicht allein Aufgabe einzelner Staaten sein. Auf europäischer Ebene finden gerade die Diskussionen zur zukünftigen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU statt. Die wichtigste Frage dabei: Wie kann nachhaltige Landwirtschaft in Zukunft durch die GAP gefördert werden? Dass Digitalisierung zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz beitragen kann, davon ist das BMEL laut eigenen Angaben überzeugt. Dennoch fehlt das Thema Digitalisierung bislang auf der Agenda bei den GAP-Verhandlungen, trotz deutscher Ratspräsidentschaft.

Für Rainer Spiering von der SPD ist dies ein Rätsel. Er wünscht sich, dass Landwirte künftig in der Lage sind, die durch die Digitalisierung erhobenen Daten auch dafür zu verwenden, die Anträge für die Subventionen durch die GAP zu stellen. Doch dafür müsste die digitale Infrastruktur zunächst einmal aufgebaut werden. EURAGRI-Generalsekretärin Bettina Heimann glaubt nicht, dass die Betriebe ohne öffentliche Förderung die Transformation hin zu einer digitalisierten Landwirtschaft erreichen können: “Die Landwirte stehen ökonomisch sehr stark unter Druck. Wenn man von ihnen erwartet, nachhaltig zu sein, dann muss man sie dafür auch bezahlen.” Allerdings sei Landwirtschaft auch nicht gleich Landwirtschaft, fügt sie hinzu. Weil Betriebe und Voraussetzungen überall unterschiedlich sind, sei eine pauschale Behandlung schwierig.

Bei der heutigen und morgigen Konferenz haben Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Forschung, Industrie und der landwirtschaftlichen Praxis die Möglichkeit die wichtigen Fragen  der Digitalisierung zu diskutieren. Denn dass es richtungsweisende Entscheidungen braucht, da sind sich alle einig. Offen ist jedoch, wie viel von diesem Austausch schlussendlich auch bei den politischen Verhandlungen zur Sprache kommt.

Unterstützer

Measure co-financed by the European Union

Der Inhalt dieses Berichts oder dieser Veröffentlichung gibt ausschließlich die Meinung des Autors/der Autorin wieder, der/die allein für den Inhalt verantwortlich ist. Die Europäische Kommission haftet nicht für die etwaige Verwendung der darin enthaltenen Informationen.

From Twitter

Subscribe to our newsletters

Subscribe