Deutschlands Agrarbranche – Föderalismus hemmt den Fortschritt

Die Digitalisierung der Landwirtschaft soll Europa am Weltmarkt wettbewerbsfähig machen. [Foto: Shutterstock]

Die EU-Kommission will mit der neuen GAP, Innovation in der Digitalisierung der Landwirtschaft zu fördern. Deutsche Unternehmen hoffen auf Milliardengeschäfte, doch eine komplizierte Verwaltung und die mangelnde Infrastruktur stehen im Weg.

„Ein Mähdrescher ist heute ein fahrendes Labor. Über GPS lässt er sich auf zwei Zentimeter genau steuern, nebenbei erhebt es eine Vielzahl an Daten über Pflanzen und Boden.“ So erklärt Wolfram Eberhardt, Leiter der Unternehmenskommunikation beim großen deutschen Landtechnikhersteller Claas, das Voranschreiten der Digitalisierung in seiner Branche. Die Landwirtschaft durchläuft einen tiefen Wandel. Längst haben Roboter-gesteuerte Melkanlagen oder Drohnen, die Pflanzen und eventuellen Schädlingsbefall aus der Luft überprüfen, auf dem Landwirtschafts-Markt Fuß gefasst.

Große Hoffnungen liegen auf der Digitalisierung. Sie soll helfen, Europas Stellung im zunehmend globalen Agrarmarkt zu halten, ihn nachhaltiger zu machen und den steigenden Bedarf an Lebensmitteln zu decken. Während die Verhandlungen zur gemeinsamen, europäischen Agrarpolitik (GAP) noch laufen, hat die Europäische Kommission diesen Monat eine Erklärung zur smarten und nachhaltigen digitalen Zukunft der GAP veröffentlicht, in der sie die Mitgliedstaaten drängt, „dringend“ mehr Maßnahmen in Sachen Digitalisierung zu ergreifen.

Wer kontrolliert den Markt?

Für die Landtechnikbranche geht es um Milliarden-Beträge. Ihr werden Wachstumsraten von bis zu zwölf Prozent nachgesagt. Allein in Deutschland, eine der führenden Kräfte im europäischen Markt, generierten 183 Unternehmen im Jahr 2017 über sieben Milliarden Euro Umsatz, so das Wirtschaftsprüfungsunternehmen EY. Davon entfallen inzwischen knapp ein Drittel auf Elektronik, Software und Sensortechnik, schätzt der Verein Deutscher Ingenieure.

„Vorrangig geht es gar nicht mehr darum, Maschinen zu optimieren und ihre Antriebsleistung zu erhöhen. Bei Claas suchen wir vielmehr nach Möglichkeiten, um Prozesse intelligent zu vernetzen“, sagt Eberhardt.

Zum einen sollen Maschinen in Zukunft verstärkt untereinander kommunizieren. Zum anderen geht es um die Vernetzung von Prozessen, zum Beispiel mithilfe einer Farm-Management Software. So sollen sämtliche Prozesse und Geräte, von der Melkmaschine zum Traktor hin zur Buchhaltung oder der Erfassung der Düngerausbringung gesammelt werden. „Das erspart dem Landwirt einen erheblichen Teil der Dokumentationsarbeit“ meint Eberhard.

Junglandwirte fordern "starkes" GAP-Budget für den Generationswechsel

Die EU-Mitgliedstaaten müssen sich mit dem Generationswechsel im europäischen Landwirtschaftssektor befassen – „ob es ihnen gefällt oder nicht“, fordern junge Landwirte.

Kritiker verfolgen diesen Trend mit Skepsis. Die Erhebung großer Datenmengen könnten es Konzernen wie Claas erlauben, eine unangreifbare Marktstellung aufzubauen, warnen sie. So könnten die Hersteller von Landmaschinen die gesamte Wertschöpfungskette inklusive Saat-, Pestizid- und Düngermarkt kontrollieren, wenn sie massenhaft Daten aus der Arbeit der Landwirte ziehen.

Diese Kritik sei nicht angebracht, meint Eberhard. „Wir erheben diese Daten nur in der Masse. Sobald es um die individuellen Daten eines Landwirtes geht, braucht es seine explizite Zustimmung.“

Netzausbau blockiert den Fortschritt

Davon, dass die Digitalisierung nun auf jeder deutschen Farm Einzug hält, kann aber noch keine Rede sein. Das zeigt eine Befragung des Digitalverbands Bitkom aus dem Jahr 2016. Nur zwölf Prozent der Landwirte gaben an, ein Farm-Management System zu besitzen. Gleichzeitig nutze bereits über die Hälfte aller Landwirte digitale Lösungen, so die Studie. Hubertus Paetow, Präsident der DLG und selber Landwirt in Mecklenburg-Vorpommern, sieht das skeptisch: „Da sind auch Automatisierungssysteme, zum Beispiel für Lenkungen mit eingerechnet. Wirklich innovative, digitale Lösungen benutzen bisher die wenigsten Landwirte.“

Und es hakt noch an anderer Stelle: „Ohne die entsprechende Infrastruktur können die Landwirte neue Technologien nicht in dem Maße einsetzen, wie sie gerne würden“, sagte Dr. Josef Efken vom Thünen-Institut vor wenigen Monaten auf einer Veranstaltung von EURACTIV. „Das hemmt letztendlich die Wettbewerbsfähigkeit unserer Landwirtschaft“.

An Geld mangelt es nicht, an Ideen schon

Neben der Infrastruktur gilt es, strukturelle Hürden zu überwinden. Agrarpolitik ist in Deutschland Ländersache, so müssen zum Beispiel Anträge auf Fördergelder in jedem Ministerium unterschiedlich eingereicht werden. „Unsere Entwickler müssen im Prinzip beim Farm-Management für jedes Bundesland eine eigene Lösung entwickeln. Die Vereinheitlichung des Datenverkehrs ist absolut notwendig, meint Wolfram Eberhard.

Das sieht auch Paetow von der DLG so. Der deutsche Föderalismus steht einer Position Deutschlands als internationaler Marktführer in Sachen Agrartechnik im Weg. Außerdem müsse der Verwaltungsaufwand der GAP „auf ein erträgliches Maß“ reduziert werden, so Paetow.

Dafür könnte sich Wolfram Eberhard eine europäische Lösung vorstellen, bei der alle Mitgliedstaaten Zugang zur selben Plattform hätten. Ein derartiges Projekt ist bisher im aktuellen GAP-Entwurf nicht vorgesehen. Im Gegenteil: Das System soll offener werden und den Mitgliedsstaaten mehr Freiräume bei der Entwicklung ihnen nationalen Agrar-Strategien einräumen. Es liegt also an ihnen zu entscheiden, wofür sie das um 10 Milliarden Euro aufgestockte Budget für die Agrarforschung aus Brüssel verwenden wollen.

Im deutschen Landwirtschaftsministerium zeigt man sich ambitioniert, der digitalen Zukunft den Weg zu ebnen. 60 Millionen Euro sollen in dem kommenden drei Jahren in sogenannte „Experimentierfelder“ fließen, die die praxisbezogene Anwendung der neuen, digitalen Techniken auf dem Acker erproben sollen. Hubertus Paetow begrüßt diese Initiative. Bisher habe der Fokus immer viel zu sehr auf Grundlagenforschung gelegen. „Ausnahmsweise mangelt es einmal nicht an Geld. Dafür brauchen wir unbedingt mehr kluge Köpfen, die gute, strukturierte Ideen haben, um diese finanziellen Mittel einzusetzen.“

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