Die Privatwirtschaft als Schlüssel für die Bioökonomie

Aus Sicht einiger Experten sollten große Technologieunternehmen in Ansätze zur Unterstützung der Landwirte einbezogen werden. [Shutterstock]

This article is part of our special report Die Bioökonomie in der GAP nach 2020.

Der Privatsektor wird eine Schlüsselrolle bei der Förderung der Bioökonomie im Agrar- und Ernährungssektor spielen, so hochrangige Experten gegenüber EURACTIV.com. Man müsse dabei jedoch genauestens die Risiken abwägen, wenn dem Nahrungsmittelproduktionssystem biologische Ressourcen entzogen werden.

Der Bio-Privatsektor trägt 4,2 Prozent zum europäischen BIP bei. Die Branche erwirtschaftet einen Mehrwert von 621 Milliarden Euro, bei einen Jahresumsatz von rund zwei Billionen Euro. Im Jahr 2015 beschäftigte sie 18 Millionen Menschen, von denen mehr als zwei Drittel in der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie tätig waren.

Die Arbeitsproduktivitätsgewinne in der Land- und Forstwirtschaft sowie in der Fischerei blieben jedoch im Zeitraum 2008-2015 mit 20.000 Euro pro Beschäftigten unter dem Branchendurchschnitt in anderen Sektoren (34.000 Euro pro Beschäftigtem).

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Wenn es um (ökologische) Nachhaltigkeit gehe, würden die Bürger, aber auch die Regierungen, vor allem an Energie, Autos oder Gebäude denken, so Gerda Verburg, Assistentin des Generalsekretärs der Vereinten Nationen und Koordinatorin der UN Scaling up Nutrition (SUN) Bewegung.

Sie betont aber: „Sie sollten der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft mehr Aufmerksamkeit schenken, denn letztendlich sollten diese Sektoren unseren Planeten gesund halten, um die Weltbevölkerung zu ernähren.“

Aus Verburgs Sicht bietet das Konzept der Bioökonomie – obwohl es noch in den Kinderschuhen steckt – eine Chance, eine echte „Kreislaufwirtschaft“ zu entwickeln. Dies gelte insbesondere für den Zuchtbereich, wo das Problem der Treibhausgasemissionen durch Tiere gelöst werden müsse.

Die Privatwirtschaft ins Spiel bringen

Verburg sagt auch, große Technologieunternehmen und der Privatsektor im Allgemeinen sollten in alle denkbaren Lösungen zur Unterstützung der Landwirte einbezogen werden.

Tatsächlich bietet die Bioökonomie den Landwirten, Förstern und Fischern eine zusätzliche Einkommensquelle; sie könnte aber auch ein profitables Geschäft für private Unternehmen sein, die Dienstleistungen und Produkte auf den Markt bringen.

„Es ist mir relativ egal, wenn Unternehmen Gewinne aus dem Transfer von einer nicht-nachhaltigen Produktion zu einer nachhaltigen Produktion machen,“ betont Verburg. Sie sorge sich viel mehr über Unternehmen, die weiterhin die Landwirte dazu drängen, ihre Produkte zu kaufen.

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Ihr zufolge sollte die Tatsache, dass einige Unternehmen ihre Gewinne auf Kosten von Mensch und Umwelt maximieren, Anlass zur Sorge geben – und nicht die Tatsache, dass sie einen „innovativen Ansatz zur Unterstützung der Landwirte und zur gleichzeitigen Entwicklung der biologischen Vielfalt nutzen“ könnten.

„Ist doch schön für sie, wenn sie damit Geld verdienen, solange sie Teil der Lösung sind. Und seien wir ehrlich: Ein Unternehmen, das keine Gewinne macht, wird auch den Sprung in die Zukunft nicht schaffen,“ so Verburg.

Der Privatsektor sei der Hauptakteur bei allen neuen landwirtschaftlichen Trends, glaubt auch Davit Kirvalidze, Georgiens Kandidat für die FAO-Generaldirektion und ehemaliger Landwirtschaftsminister seines Landes. Von EURACTIV auf das Thema „Bioökonomie“ angesprochen, antwortet er: „Stärken Sie den Privatsektor; und der Privatsektor wird wissen, wie man es macht.“

Seiner Ansicht nach habe die Privatwirtschaft „stets den Fortschritt vorangetrieben“. Die Rolle der Regierungen solle sich hingegen darauf beschränken, den Unternehmen das geeignete rechtliche und institutionelle Umfeld zu bieten.

Risiken

Per Pinstrup-Andersen, ein dänischer Ökonom und emeritierter Professor der Cornell University, betont hingegen: „Wir müssen viel besser verstehen, wie wir mit all den biologischen Ressourcen umgehen, die im Rahmen der Bioökonomie genutzt werden.“

So könnten insbesondere Risiken bei der Nutzung natürlicher Ressourcen für andere Zwecke als die Ernährung entstehen. Dies sei bereits bei Biokraftstoffen der Fall gewesen. Solche Kraftstoffe seien der „falsche Weg“, um das Problem der Energiesicherheit zu lösen, so Pinstrup-Andersen.

Er erklärt weiter, dass bestimmte Nebenprodukte wie beispielsweise Tiermist im Nahrungsmittelkreislauf gehalten werden sollten. Aus ihnen könnte Bio-Düngemittel hergestellt werden, anstatt sie für die Energieerzeugung zu verwenden.

„Wir müssen sehr vorsichtig sein. Wir müssen wissen, was wir tun, damit wir nicht einfach natürliche Ressourcen von der Nahrungsmittelproduktion abziehen. Denn das könnte einige sehr negative Folgen haben,“ schließt Pinstrup-Andersen.

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Auch Kommissionsvizepräsident Jyrki Katainen sagte bei der Vorstellung der Strategie damals: „Ich würde mir wirklich wünschen, dass Gülle als Ausgangsstoff für Düngemittel verwendet wird. Das ist Teil der Philosophie der Kreislaufwirtschaft.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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