Deutschlands neuer Plan: Ist Bioökonomie die Zukunft?

Gummistiefel aus Mais? Die Bioökonomie soll es möglich machen. [RTimages/ Shutterstock]

This article is part of our special report Die „neun Ziele“ der GAP und die Bioökonomie.

Dieser Artikel können Sie auch auf Italienisch, Spanisch und Portugiesisch lesen.

Vor zwei Wochen hat das Bundeskabinett eine neue Bioökonomiestrategie verabschiedet. Kritiker bemängeln: Das Dokument gehe kaum auf eine Reform der Landwirtschaft ein, sondern setze vor allem auf Technologie und Optimierung.

Deutschlands Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat einen Traum. „Reifen aus Löwenzahn, Autotüren aus Hanffasern oder Gummistiefel aus Mais“ sollen eines Tages im weiten Umlauf sein. Klöckner beschreibt mit diesen Worten die neue deutsche Bioökonomiestrategie, welche das Bundeskabinett vorvergangene Woche, am 15. Januar beschlossen hat. Die Strategie ist die dritte ihrer Art und aktualisiert somit die Vorgängerversionen von 2010 und 2013.

Die Logik der Initiative klingt bestechend einfach: Die Wirtschaft soll zunehmend auf erneuerbare Rohstoffe umgestellt, also unabhängig von Kohle, Öl und Gas werden. Während wir viele fossile Rohstoffe importieren müssen, wachsen die erneuerbaren bei uns um die Ecke: Auf unseren Wiesen, Äckern und in den Wäldern, so Klöckner. Die breit angelegte Strategie, die ihr Haus zusammen mit dem Forschungsministerium erstellt hat, beruht auf zwei Säulen. Zum einen setzt man stark auf Biotechnologie und Forschung. Gleichzeitig sollen der Industrie mehr biogene Rohstoffe bereitgestellt werden. Einige der Grundmaterialien bioökonomischer Produkte sind zum Beispiel Pflanzen, Mikroorganismen, Algen oder etwa Pilze.

Bioökonomie: Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit als Prinzip

Den Begriff Bioökonomie kannte vor 20 Jahren kein Mensch. Heute orientieren sich viele Staaten an einer stärkeren Nutzung der Ressourcen. Mitbegründer Christian Patermann erklärt EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle das Forschungsprinzip.

Deutschland ist mit seiner Bioökonomiestrategie kein Einzellfall, rund 60 Länder auf der Welt haben solche Strategien entwickeln und sich darin vorgenommen, ihre Wirtschaft auf Nachhaltigkeit und geschlossene Kreisläufe umzustellen. Für Forschungsministerin Anja Karliczek liegen darin ganz klar auch wirtschaftliche Chancen, denn eine nachhaltige Wirtschaft sichere Deutschland „langfristig eine Spitzenposition auf den Märkten der Zukunft.“

Strategie geht nicht auf GAP ein

Soweit sei die Strategie sehr vorausschauend, loben Experten. Dennoch gibt es Kritik an dem Papier mit den wohlklingenden Plänen. Ausgerechnet der Naturschutzbund (Nabu) bemängelt in einer ausführlichen Bewertung der Strategie, der Fokus liege zu stark auf der Biologie und es mangele an sozialen Aspekten: „Eine nachhaltige Entwicklung erfordert jedoch ebenso kulturelle, ökonomische und institutionelle Änderungen, die nicht ohne Widerstände und Konflikten verlaufen werden“, warnen die Umweltschützer.

Institutionelle Änderungen – damit ist auch die Gemeinsame Agrarpolitik der EU gemeint – tauchen in der Strategie schlichtweg nicht auf, kritisiert die Umweltschutzorganisation. In der Bioökonomiestrategie der EU, welche die Kommission im Oktober 2018 vorgestellt hatte, ist die Verbesserung der Lebensbedingungen von Farmern und Fischern als klares Ziel genannt, das auch als eines der neun Ziele der GAP gelistet wird.

Französische Abgeordnete beklagen fortschrittlose GAP-Reform

Frankreich beginnt in der Frage der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU, die keine Fortschritte verzeichnet, obwohl sich ihr Format ab 2021 ändern soll, einiges Aufsehen zu erregen.

Doch weder die GAP, noch ihre anderen Ziele wie eine Umstrukturierung der Lebensmittelketten, der Erhalt von Landschaften oder die Sicherung von gesunden Lebensmitteln werden in der deutschen Bioökonomiestrategie erwähnt. Stattdessen, kritisiert der Nabu, setze man mit einer digital optimierten Intensivierungsstrategie viel zu sehr auf Technik und die Optimierung einzelner Pflanzen.

Bioökonomie vs. Lebensmittelproduktion?

Die Opposition argumentiert genau das Gegenteil. Der neuen Strategie fehle es nicht nur an definierten und evaluierbaren Zielen, findet die technikaffine FDP, sondern es mangele mit Blick auf die Landwirtschaft an „einem positiven Bekenntnis zu den Chancen der Gentechnik.“ Um die Chancen der Bioökonomie für Deutschland nutzen zu können, müsse das 20 Jahre alte deutsche Gentechnikgesetz reformiert und an neue Züchtungsmethoden angepasst werden, schreibt der technologiepolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Mario Brandenburg. Seine Partei hat dazu einen entsprechenden Antrag in den Deutschen Bundestag eingebracht.

Wie weit trägt die Bioökonomie also zu einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion bei und wo hemmt sie diese auch? Schließlich bedeutet der großflächige Anbau regenerativer Stoffe für die Wirtschaft gleichzeitig weniger Platz für die Lebensmittelproduktion auf dem Feld. Um solche Grenzen und Zielkonflikte der Bioökonomie zu diskutieren, soll der bereits bestehende Bioökonomierat der Bundesregierung unter der neuen Strategie erweitert werden. Vertreter aus Industrie und Gesellschaft sollen darin unter anderem darüber diskutieren, wie eine bioökomische Ausrichtung die Lebensmittelsicherheit garantieren kann.

Bakterien gegen Industrieabgase?

Könnten Bakterien in Zukunft helfen, Treibhausgase zu verwerten, statt sie in die Atmosphäre zu blasen? Ein europäisches Forscherteam arbeitet daran, den Stoffwechsel von Darmbakterien so umzupolen, dass sie sich von CO2 ernähren.

Dieses Dilemma lasse sich nicht allein durch neue Technologien lösen, wie es die Bundesregierung suggeriere, meint Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. Die Bundesregierung müsse allen Beteiligten reinen Wein einschenken: „Die Transformation der Wirtschaft wird nur gelingen, wenn wir weniger verbrauchen.“

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.