Deutschland fürchtet das neue Waldsterben

Wälder machen etwa 40 Prozent der Fläche der EU aus. [Günther Albers/ Shutterstock]

Vierzig Jahre nach dem großen Waldsterben sorgt sich Deutschland wieder um seinen Baumbestand. Denn Hitze und Käferplagen haben ganze Waldregionen ruiniert. Im September soll ein Waldgipfel Erste-Hilfe-Maßnahmen einleiten und den deutschen Wald für den Klimawandel wappnen.

Gebrodelt hat sie seit Jahren, doch nun nimmt die Debatte um den Zustand des deutschen Waldes wieder an Fahrt auf. „Der deutsche Wald ist systemrelevant und gehört ins Kanzleramt“, meint der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrates und schickte vergangene Woche einen Brief an Kanzlerin Merkel. Die Lobby der Forstwirte warnt vor dem Massensterben von Bäumen und fordert sofortige Maßnahmen.

Dass eine „eine katastrophale Situation nationalen Ausmaßes“ erreicht sei, befanden in einer gemeinsamen Erklärung gestern auch die Forst- und Agrarmminister von Bund und Ländern, die sich auf Einladung des Sächsischen Staatsministers Thomas Schmidt in Moritzburg einfanden. Jetzt sollen dringend Erste-Hilfe-Maßnahmen ergriffen werden. Mindestens 800 Millionen Euro verlangen die Länder für die Jahre 2020-2024. Schon im September soll es einen „nationalen Waldgipfel“ geben, bei dem kurzfristige Hilfsprogramme zur Wiederaufforstung ins Leben gerufen werden sollen.

Landwirtschaftsministerin Klöckner wirkt ebenfalls alarmiert. Die Lage sei „dramatisch“, seit vergangenem Jahr sind in Deutschland bereits 110.000 Hektar Wald abgestorben. Das entspricht etwa der halben Fläche des Saarlandes oder über 150.000 Fußballfeldern. Schuld daran ist der einsetzende Klimawandel. Denn Hitze und Trockenheit, Waldbrände und Stürme setzen den Bäumen zu. Dazu kommen bedrohlich wachsende Populationen von Borkenkäfern, die ganze Waldabschnitte vernichten.

Der deutsche Wald schrumpft

Seit vergangenem Jahr wurden 110.000 Hektar Wald in Deutschland zerstört. Forstleute schlagen Alarm und fordern einen nationalen Krisengipfel. EURACTIVs Medienpartner Der Tagesspiegel berichtet.

Daher gilt es, die Wälder an die neuen Wetterbedingungen anzupassen. „Der Klimawandel macht es besonders nötig, auf widerstandsfähige Wälder zu setzen“, sagte gestern der Staatssekretär des Umweltministeriums, Jochen Flasbarth, gegenüber dem Tagesspiegel. Es müssten Mischwälder gepflanzt werden, denn „anfällige Fichtenwälder durch anfällige Fichtenwälder zu ersetzen, löst das Problem nicht.“

Derzeit werden weite Teile der mitteleuropäischen Wälder von Nadelwäldern dominiert, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts gepflanzt wurden, um die von Raubbau gezeichneten Landstriche wieder aufzuforsten. Ihr Vorteil: Nadelbäume wachsen schnell. Doch Monokulturen sind weniger robust und nicht optimal für die Artenvielfalt. Daher sollten Laubbäume wieder speziell gefördert werden, meinen Experten. Auch weil zu hohe Wildtierbestände in einigen Regionen zu viele junge Laubbäume kahl fressen.

Die Gestaltung der Wälder ist eine nationale Angelegenheit, eine europäische Forstpolitik gibt es nicht. Weil das Thema allerdings eng mit Agrar- und Umweltpolitik verzahnt ist, existiert seit 2013 eine europäische Waldstrategie, in Rahmen derer die Staaten ihre Maßnahmen koordinieren. Im Rahmen derer hat die Kommission erst vor wenigen Tagen, am 23. Juli, Maßnahmen zur Schonung der Wälder vorgelegt. Sie zielen vor allem darauf ab, Produkte aus „entwaldungsfreien Lieferketten“ zu fördern und mit Drittstaaten zusammenzuarbeiten, um großflächige Abholzungen zu verhindern. Denn laut Kommission gingen zwischen 1990 und 2016 eine Fläche von 1,3 Millionen Quadratkilometern Wald verloren. Wieder im Fußballvergleich: Das entspricht rund 800 Fußballfeldern pro Stunde.

Bäume pflanzen allein reicht nicht

Der erforderliche „Umbau“ des deutschen Waldes wird kosten. Der BUND fordert von der Regierung einen Förderbetrag von mindestens einer Milliarde Euro sowie ein Hilfsprogramm für private Waldbesitzer über weitere 500 Millionen Euro. Außerdem könne ein Risikofonds für die Forstwirtschaft eingerichtet werden, gespeist aus der geplanten CO2-Abgabe, so der Vorschlag der Umweltschützer.

Deutscher Wald im Ausnahmezustand

Kaum Regen, hohe Temperaturen und lange Dürren. Durch das trockene Wetter sterben ganze Wälder in Deutschland ab. Die Förster führen einen Kampf, den sie nicht gewinnen können. EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle berichtet.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt drängt dagegen darauf, man müsse das Ziel der Bundesregierung umsetzen, fünf Prozent der deutschen Fläche für Naturwälder zu reservieren. Jene Flächen unterliegen nicht der Kontrolle von Förstern du können wild wachsen. Laut einer Studie des Bundesamtes für Naturschutz vom vergangenen Jahr liegt deren Anteil allerdings nur bei drei Prozent. Das 2020-Ziel dürfte demnach nicht erreicht werden. „Wenn wir etwas langsamer sind als geplant, kann ich damit leben, denn die Tendenz stimmt und die Akzeptanz für dieses Ziel wächst“, sagt Staatssekretät Flasbarth. Ohnehin dürfe man nicht zu viel Hoffnung auf die Wiederaufforstung alleine setzen, um nationale Klimaziele zu erreichen. „Wer glaubt, dass Bäume pflanzen würde uns aus der Verantwortung entlassen, schnell mit dem Verbrennen von Kohle, Öl und Gas aufzuhören, der irrt sich.“

Auch international macht man sich diese Woche Gedanken zum Wald: In Genf tagt heute der Weltklimarat IPCC über die Auswirkungen von Waldrodung, Pflanzenplantagen und Weidenutzung auf die Umwelt. Am 8. August veröffentlicht der Ausschuss einen Sonderbericht zum Thema „Klimawandel und Land“.

Holz aus deutschen Wäldern als klimaneutraler Brennstoff?

Die Bundesrepublik ist das wald- und holzreichste Land in der EU. Geht es nach den Plänen der EU-Kommission, sollen deutsche Wälder zukünftig viel stärker als Energieträger genutzt werden.

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