Deutscher Wald im Ausnahmezustand

Anhaltende Dürre und Schädlingsbefall hinterlassen in deutschen Wäldern ihre Spuren. [EPA-EFE/SASCHA STEINBACH]

Kaum Regen, hohe Temperaturen und lange Dürren. Durch das trockene Wetter sterben ganze Wälder in Deutschland ab. Die Förster führen einen Kampf, den sie nicht gewinnen können. EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle berichtet.

Vor ein paar Monaten standen hier noch Bäume. Dicht an dicht reihten sich die Fichten aneinander. Heute ragen nur noch einzelne einsame Bäume in den Himmel. Der Rest ist verschwunden. Abgeholzt, um den Wald zu schützen.

Stephan Braun ist Förster im Stadtwald der 17.000-Einwohner-Stadt Sinzig im Norden des westdeutschen Bundeslandes Rheinland-Pfalz. Seit 32 Jahren kümmert er sich um 900 Hektar Wald. Fast genauso lange führt er einen Kampf, der immer aussichtsloser scheint. „Vor 30 Jahren hatten wir hier noch 17 Prozent Fichten“, erklärt Braun. Heute seien es nur noch sieben. Das habe viele Gründe. „Aber das größte Problem ist der Borkenkäfer.“ Winzige Tiere mit enormer Zerstörungskraft.

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Kleiner Käfer, großer Schaden

Vorbei an abgesägten Baumstümpfen und losen Ästen nähert sich Braun einem Baum am Rand des abgeholzten Gebiets. Er nimmt seine Brille aus der Tasche, denn die Spuren des Borkenkäfers sind nicht leicht zu entdecken. Nach ein paar Sekunden zeigt er auf die Rinde. Kleine Löcher, nur Millimeter groß, zeigen, wo der Käfer sich in den Baum gebohrt hat. „Wenn er einmal drin ist, bohrt er Gänge in das Holz und legt darin Larven ab“, erklärt Braun. Wenn Tausende der Tierchen gleichzeitig angreifen, zerstören sie den Baum von innen heraus. „Es dauert dann manchmal nur wenige Wochen bis er abstirbt.“ Die Nadeln fallen ab, die Baumkrone wird dünner und die Rinde löst sich.

„Wir kämpfen schon seit 20 Jahren dagegen“, erinnert sich der Förster als er zurück zu seinem Auto läuft. „Aber damals waren die Probleme noch kleinflächiger.“ Denn eigentlich wehrt sich ein Baum selbst gegen die Parasiten. Wasser und Harz unter der Rinde sorgen normalerweise dafür, dass die Käfer sich nicht festsetzen können. Wenn der Baum aber grundsätzlich zu wenig Wasser bekommt, wird das schwierig.

„Die letzten zwei Jahre waren für uns besondere Verhältnisse“, erinnert sich Braun. Letztes Jahr habe es von Juli bis Oktober praktisch nicht geregnet. „Eine Fichte überlebt etwa vier bis sechs Wochen ohne Niederschlag.“ Danach ist sie besonders anfällig für Borkenkäfer. „Der Klimawandel macht uns Forstleuten vielleicht mehr Sorgen als vielen anderen.“ Sollten Dürreperioden zur Normalität werden, wird auch der Borkenkäfer mehr Zerstörung anrichten.

Ein weitreichendes Problem

Auch heute ist ein heißer und trockener Tag. Von oben brennt die Sonne auf den Wald. Die schattenspendenden Bäume sind nicht mehr da. Zwei Hektar musste Stephan Braun seit Dezember fällen lassen. Und es wird immer mehr. In den vergangenen 20 Jahren seien zehn Prozent, also 90 Hektar, des Waldes vom Borkenkäfer zerstört worden. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres sollen es bereits zehn Hektar sein. Ein Problem, das Förster und Waldbesitzer in ganz Deutschland und Mitteleuropa trifft. 114.000 Hektar Wald müssten in Deutschland neu aufgeforstet werden, meldet die Bundesregierung. Ein Drittel davon wegen des Borkenkäfers, der Rest wegen Sturmschäden.

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Waldbrände haben in Europa in der ersten Jahreshälfte 2019 bereits mehr Landfläche verwüstet als im gesamten Jahr 2018.

Im ersten Halbjahr 2019 verzeichnet Stephan Braun rund 5000 Kubikmeter sogenanntes Schadholz aus dem Stadtwald Sinzig. Um die Ausbreitung des Borkenkäfers zu verhindern, müssten noch gesunde Bäume nach dem ersten Käferbefall direkt abgeholzt werden. „Es gibt die Kapazitäten dafür aber gar nicht“, sagt Braun mit desillusioniertem Blick. In ganz Deutschland würde der Abtransport des beschädigten Holzes 2,1 Milliarden Euro Kosten. Geld, das viele Waldbesitzer nicht haben.

„Es schmerzt“

Förster Braun steigt in sein Auto und fährt weiter. Wenige hundert Meter von der kahlen Waldfläche entfernt sieht es wieder nach Wald aus. Dichte Baumkronen, wenig Licht kommt auf dem Boden an. Doch ein genauer Blick zeigt, dass der Borkenkäfer auch hier schon gewütet hat. Die Nadeln der Fichten haben sich rot gefärbt. Bald werden sie wohl abfallen, meint Braun. „Die werden den Winter nicht mehr erleben“, sagt er mit resignierter Stimme.

Immer mehr Holz müsste aus dem Wald geschafft werden. Das ist nicht nur aufwändig, sondern auch unwirtschaftlich. Der europäische Holzmarkt werde gerade von zerstörtem Holz überschwemmt, erklärt Braun. Die Einnahmen für einen Kubikmeter Holz hätten sich dadurch innerhalb von zwei Jahren mehr als halbiert. Danach müssten an den abgeholzten Stellen neue Bäume gepflanzt werden. Das koste rund fünf- bis zehntausend Euro pro Hektar. „Waldbesitzer bleiben auf diesen Kosten sitzen“, kritisiert Braun. Städte wie Sinzig könnten das überstehen. Doch Privatpersonen oder Familien, die Waldstücke besitzen, mache das Probleme: „Das kann schon existenzbedrohend sein.“

Stephan Braun hält kurz inne. „Das ist aber auch eine emotionale Sache“, sagt er dann. Als er den Wald vor 32 Jahren übernahm, hätten viele der sterbenden Bäume gerade erst angefangen zu wachsen. Es sei schwer zu sehen, dass „all die Arbeit, die man reingesteckt hat, zunichte gemacht wird“. Braun sei in der guten Position, dass er als Beamter auch sein Geld von der Stadt bekommt, wenn der Wald weniger Ertrag bringt. „Aber es schmerzt trotzdem.“

Neue Wälder für die Welt

Stephan Braun versucht, nicht zu wehmütig zu sein. Das Ganze hätte auch etwas Positives: „Wir werden jetzt in der Aufforstung versuchen, den Wald stabiler zu machen.“ Das heißt: mehr Baumarten, mehr Mischwald. Doch neue Bäume können nicht nur Wälder klimasicherer machen, sondern auch den Klimawandel konkret bekämpfen. Deutschlands Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat ein Aufforstungsprogramm in Höhe von einer halben Milliarde Euro angekündigt. Der Wald sei eine Lunge und ein entscheidender Klimaschützer, so die Ministerin.

Der Weg aus der Klimakrise führt in den Wald

Der Deutsche Forstwirtschaftsrat fordert eine wirksame Klimaschutzpolitik und die angemessene Beachtung der Potentiale einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung für den Klimaschutz in entsprechenden Gesetzen, schreibt Georg Schirmbeck, Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrates, am Tages des Waldes.

Eine Studie der ETH Zürich zeigt, dass mit einer konsequenten Aufforstung weltweit zwei Drittel des menschengemachten CO2 in der Luft aufgenommen werden könnte. Die mögliche Fläche zur Aufforstung in der Welt beträgt 900 Millionen Hektar. Mehr als die Hälfte dieser Waldfläche könnte allein in sechs Ländern entstehen.

Aufforstung – eine Idee, die auch Stephan Braun für sinnvoll hält. Dennoch sieht er ein entscheidendes Problem: „Man müsste mir erst einmal sagen, wo diese neuen Wälder stehen sollen.“ Siedlungen und Landwirtschaft würden viel Platz brauchen. Da wäre nicht mehr viel für neue Wälder übrig. Auch im Umfeld von Sinzig gebe es keinen Platz für neue Flächen. Zuerst müssten daher die beschädigten Gebiete wieder aufgebaut werden.

Notstand für den Wald

Zurück in Stephan Brauns Büro in Sinzig. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Ordner und Unterlagen. Zwischen den Papieren scheint die Reichweite des Waldproblems fast unterzugehen. Doch Braun betont: „Ich würde unterschreiben, dass wir wegen fehlender Kapazitäten einen Klimanotstand im Wald haben.“ Damit unterstützt er einen neuen Vorstoß des Bunds deutscher Forstleute (BDF). An das trockene Klima müsse man sich vielleicht gewöhnen, daran könne auch die Politik nichts ändern: „Die Politik ist zum Glück noch nicht dafür zuständig, dass es regnet.“ Stattdessen müsse die Aufforstung mittelfristig gefördert werden.

„Im Moment kämpfen wir an allen Fronten“, sagt der Förster. „Aber es läuft noch nicht in unsere Richtung.“ Hinter Stephan Braun hängt eine Karte des Sinziger Waldes wie ein Mahnmal an der Wand. Darauf hat er in orange und rot markiert, wo er Bäume mit Käferbefall gefunden hat. Die orangefarbenen Markierungen zeigen die Funde der letzten sechs Monate. Daneben sind fast genauso viele rote Markierungen. Sie wirken wie ein Alarmsignal. Auch sie zeigen, wo Braun befallene Bäume gefunden hat – allerdings nur in den vergangenen zwei Tagen.

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