Deutsche Landwirte im Kampf gegen den Netzausbau

Die Landwirte fordnern mehr Geld für die Verlegung von Erdkabeln und Stromtrassen durch ihr Land. Diese sind allerdings für den Ausbau grüner Energien unerlässlich. [Quelle: DBV]

Der Bundestag berät sich zu einem Gesetz, das den Netzausbau beschleunigen und damit die Energiewende voranbringen soll. Doch das trifft auf den Wiederstand der deutschen Landwirte. Die haben dem Bundestag nun eine Resolution übergeben. Sie fordern höhere Entschädigungszahlungen vom Bund.

Während im Berliner Bundestag der Ausschuss für Wirtschaft und Energie zusammensaß, versammelte sich am Mittwoch eine Delegation von Landwirten, um vor dem Gebäude ihre Plakate hochzuhalten. „Landwirte fordern Generationengerechtigkeit“ stand auf einigen. Der Protest galt dem geplanten Gesetz zur Beschleunigung des Netzausbaus, für den Bundeswirtschaftsminister Altmaier (CDU) im Dezember einen Entwurf vorgelegt hatte. Angesichts von Kohle- und Atomausstieg drängt die Zeit, das Netz für erneuerbare Energien auszubauen. Nur so kann der grüne Strom schnell von Nord nach Süd transportiert werden.

Landwirte befürchten jahrzehntelange Folgeschäden im Boden

Doch das Bauprojekt trifft auf zahlreiche Widerstände in der Zivilbevölkerung. Auch die Landwirte gehen seit Längerem auf die Barrikaden. Sie befürchten massiven Eingriffe in ihre Anbauflächen und fühlen sich von der Politik ungehört: „Die Hauptbetroffenen wurden zur Expertenanhörung nicht eingeladen. Im gesamten Verfahren ist die Landwirtschaft nicht vertreten, das stört nur“, beklagt Holger Hennies.

Der Landwirt betreibt zusammen mit vier Kollegen ungefähr 600 Hektar Anbaufläche im niedersächsischen Uetze. Er ist in seiner Funktion als Vizepräsidente des Niedersächsischen Landvolkes nach Berlin gereist, um dort einigen Bundestagsabgeordneten eine Resolution gegen den Gesetzesentwurf vorzulegen. Dass die Landwirte nicht zur Anhörung im Ausschuss eingeladen waren, sei Sache der Fraktionen, erklärt der Ausschussvorsitzende Klaus Ernst (Die Linke) auf den Vorwurf der Landwirte. „Anders als bei Konsultationen etwa in der Raumplanung gibt es keinen allgemeinen Anspruch von Betroffenen, gehört zu werden.“

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Das Problem mit den Stromleitungen, erklärt Hennies, ist deren Auswirkung auf den Ackerboden, denn die Verlegung der Erdkabel zerstöre die Bodenstruktur. Eine Erdkabelverbindung besteht aus acht Kabeln, die in einigen Metern Abstand tief in den Boden gesetzt werden. Die dafür nötige Fläche beträgt mindestens 50 Meter, so Hennies. „Das Problem ist, dass der Boden danach so schnell nicht reparierbar ist, der hat ein langes Gedächtnis. Folgeschäden können noch Jahrzehnte später eintreten. Wir haben bei Messungen an den betroffenen Stellen teilweise 30 Prozent Ertragsausfälle festgestellt“. Unkalkulierbar sei auch das Problem der Wärme durch die Kabel. Sie würden den so wichtigen Tiefenfrost verhindern, den der Boden braucht, um sich zu regenerieren. Außerdem dürfen auf den Stromtrassen bestimmte Pflanzen wie Spargel nur mit Genehmigung gepflanzt werden.

Netzbetreiben kaufen Land auf

Überlandleitungen seien weniger problematisch, meint Hennies, wenn sie auch ein finanzielles Risiko darstellen, zum Beispiel wenn sie einen Schaden erleiden. Allerdings versuchen zahlreiche Bürgerinitiativen in ganz Deutschland, solche großen Stromtrassen in ihrer Region zu verhindern, stattdessen fordern sie die nicht sichtbaren Erdkabel. Unter den Landwirte sieht man das genau anders herum: „Ein Strommast auf dem Feld ist ärgerlich. Ein Erdkabel ist dagegen ein richtiger Eingriff“, erklärt Hennies. Ein weiteres Problem des Netzausbaus: Die Betreiber müssen beim Ausbau der Trassen Kompensation leisten und andersnorts Flächen anlegen. „Bei uns in Niedersachsen werden bereits große Flächen für die Südlink-Verbindung ausgekauft. Das treibt den Bodenpreis nach oben“, so der Vizepräsidenten des Niedersächsischen Landvolkes.

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Angesichts der Einschränkungen des Netzausbaus fordern die Landwirte daher höhere und vor allem wiederkehrende Entschädigungszahlungen. Bisher werden Landbesitzer nur durch eine einmalige Summe entschädigt. „Mein Vater hat vor vierzig Jahren um die 4.000 DM für den Strommasten bekommen, der auf seinem Land errichtet wurde. Aber was können meine Kinder dafür, wenn sie die Bodenschäden noch in dreißig Jahren haben, nur weil ich einmal der Trassen zugestimmt habe?“, sagt Hennies. Der Deutsche Bauernverband fordert nun „Generationengerechtigkeit“ und eine entsprechende Änderung des Gesetzesvorschlages, der auch weiterhin keine regelmäßigen Zahlungen vorsieht. Ungefähr eine Milliarde Euro, so rechnen die Landwirte, müsste der Bund dann in landesweite Entschädigungszahlungen investieren.

Ob sich die einflussreiche Lobby der Landwirte im Fall des Netzausbaus durchsetzen wird, wird sich zeigen. Noch laufen die Ausschussarbeiten um Netzausbau-Gesetz in Bundestag und Bundesrat. Doch eines ist klar: Um die Energiewende im geplanten Zeitraum zu schaffen, wird sich der Netzausbau erheblich beschleunigen müssen.

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