Der Green Deal macht sich in der Pflanzenschutzindustrie bemerkbar

Géraldine Kutas, Generaldirektorin der neu gegründeten Organisation CropLife Europe. [CropLife Europe]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Der Green Deal und die Landwirtschaft: Von Worten und Taten

Der verstärkte Fokus auf Nachhaltigkeit im Agrar- und Lebensmittelsektor hat unter anderem dazu geführt, dass sich der führende EU-Pflanzenschutzmittelverband umbenannt und sein Arbeitsgebiet erweitert hat. Man wolle nun einen ganzheitlicheren Ansatz beim Pflanzenschutz verfolgen.

Im Gespräch mit EURACTIV.com sagte Géraldine Kutas, Generaldirektorin der neu gegründeten Organisation CropLife Europe (früher bekannt als European Crop Protection Agency, ECPA), der Schritt sei Teil der Bemühungen in der Branche, besser für den Green Deal gerüstet zu sein.

„Obwohl wir schon eine Weile so denken, hat der Green Deal diesen Wandel beschleunigt und die Notwendigkeit eines ganzheitlicheren, horizontalen Ansatzes deutlich gemacht,“ so Kutas.

Sie betonte weiter, man wolle „alle Tools und Lösungen unter ein Dach bringen“, um auf die sich schnell ändernden Anforderungen und die sich weiterentwickelnden politischen Rahmenbedingungen zu reagieren.

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Aber während die Kommission sowohl in ihrer Biodiversitäts- als auch in ihrer Farm-to-Fork-Strategie eine klare Richtung vorgegeben hat, bleiben bei der Industrie offenbar Fragen offen, wie diese Ambitionen umgesetzt werden sollen.

„Wir glauben, dass die nachhaltige Produktion von ausreichend Nahrungsmitteln nicht erreicht werden kann, indem man einfach die Verfügbarkeit von Lösungen für Landwirte reduziert. Stattdessen müssen wir die Entwicklung neuer, besserer Lösungen und verbesserter landwirtschaftlicher Praktiken beschleunigen, die mehr Technologie nutzen, um unsere Lebensmittel mit weniger Ressourceneinsatz zu produzieren,“ forderte Kutas.

„Man kann die Landwirte nicht einfach ohne Hilfsmittel dastehen lassen – es muss einen Ersatz [für bisherige Techniken und Pestizide] geben,“ betonte sie.

CropLife Europe wolle sich nun für eine bessere Nutzung der derzeit verfügbaren Pestizide einsetzen, ebenso wie für die verstärkte Anwendung digitaler und Präzisionslandwirtschaft, sowie für Biotechnologie und Biopestizide, die alternative Lösungen bieten.

„Wir sind uns völlig bewusst, dass es kurz vor 12 ist,“ so Kutas. Die Transformation der Pestizid-Branche müsse dringend vorangetrieben werden. Dies werde jedoch nicht über Nacht geschehen: Die durchschnittliche Zeit, um ein neues Produkt auf den Markt zu bringen, betrage elf Jahre.

Kutas betonte daher die Notwendigkeit, den EU-Zulassungsprozess von Pflanzenschutzmitteln mit geringerem Risikoprofil, wie etwa Biopestiziden, zu beschleunigen.

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Die EU: Kein Ort für Innovationen?

Der Wandel in der Branche müsse auf fundierter Wissenschaft fußen, betonte Kutas. Sie sehe jedoch eine „problematisch statische Situation“ in Bezug auf gewisse wissenschaftliche Entwicklungen, etwa bei neuen Techniken in der Pflanzenzüchtung.

Sie plädiere insgesamt für behutsames Vorgehen – ließ es sich jedoch zeitgleich nicht nehmen, zu loben, dass das Vereinigte Königreich nach dem Brexit neuen Technologien scheinbar offener gegenübersteht: England hatte kürzlich eine Konsultation zum Thema Gen-Editierung gestartet.

In der Industrie hoffe man nun, dass die EU dem Beispiel der Nachbarn auf der anderen Seite des Ärmelkanals folgen und die Gentechnologie „annehmen“ werde, so Kutas. „Wir hoffen, dass die EU die Genom-Editierungstechnologie begrüßt. Alles andere würde nur zeigen, dass Innovation in Europa nicht wirklich viel bedeutet und dass die EU einfach kein Ort für Innovationen ist.“

Dies würde ein falsches Signal an die Industrie senden und dafür sorgen, dass Neuerungen im Bereich Pflanzenschutz in anderen, Nicht-EU-Märkten vorangetrieben werden. „Die Tatsache, dass diese Art von Innovation in der EU nicht willkommen ist, ist wirklich schade. Denn die EU könnte durch die Biotechnologie einige Vorteile für die Nachhaltigkeit der Landwirtschaft und den Schutz der Umwelt erzielen,“ behauptete Kutas.

Abschließend fügte sie hinzu, sie hoffe, dass die Akzeptanz der Biotechnologie in der Gesundheitsbranche – zum Beispiel bei der Herstellung von Impfstoffen – bald auf den EU-Agrarsektor überschwappen könnte.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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