Carbon Farming „hohe Priorität“ für Bundesregierung, Landwirt:innen fordern mehr Unterstützung

Ein Sprecher des deutschen Landwirtschaftsministeriums beurteilt die Farm-to-Fork-Strategie der EU als "geeigneten Rahmen, um die Kohlenstoffbewirtschaftung zu einem neuen Geschäftsmodell in der Landwirtschaft zu machen". [Shutterstock/FR.Agro]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Carbon Farming: Neuer Trend in Europa?

Obwohl Kohlenstoffbewirtschaftung für die Bundesregierung eine Priorität ist, gibt es aus Sicht von Landwirt:innen nicht genügend finanzielle Unterstützung. Für Umweltverbände haben außerdem einige der geförderten Maßnahmen nur einen begrenzten klimapositiven Effekt.

„Carbon Farming ist eine große Chance für die Klimapolitik und die Landwirtschaft“, sagte der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Bernhard Krüsken, gegenüber EURACTIV Deutschland.

Die Landwirtschaft sei bereit, „ihren Teil“ dazu für ein klimaneutrales Deutschland und Europa beizutragen, fügte er hinzu.

Die Nutzung natürlicher Kohlenstoffsenken in der Land- und Forstwirtschaft sei zwar unverzichtbar, um Netto-Null zu erreichen, sagte Krüsken, aber solche Klimamaßnahmen müssten sich auch finanziell auszahlen.

„Ohne angemessene Entlohnung werden Maßnahmen nicht im benötigten Umfang umgesetzt“, erklärte er.

Für das deutsche Landwirtschaftsministerium hat die Förderung der Kohlenstoffbindung in der Land- und Forstwirtschaft „hohe Priorität“ und ist ein Schlüsselinstrument, um die Klimaziele des Sektors zu erreichen, so eine Sprecherin des Ministeriums gegenüber EURACTIV Deutschland.

Das Klimaschutzgesetz des Landes sieht vor, dass Maßnahmen zur Kohlenstoffbindung in der Land- und Forstwirtschaft bis zum Jahr 2030 eine Gesamtsenke von 25 Millionen Tonnen CO2 bilden sollen. Laut der Sprecherin werden Maßnahmen zur Kohlenstoffbindung daher durch verschiedene politische Instrumente gefördert.

Landwirt:innen sehen Chancen im Carbon Farming, müssen sich aber am Markt orientieren

Interessenvertreter:innen der Landwirtschaft sehen die Umstellung auf eine kohlenstoffarme Landwirtschaft in der EU positiv, betonen aber, dass die Einzelheiten der finanziellen Anreize für Landwirt:innen in der EU noch festgelegt werden müssen.

„Mehr Tempo“ bei nationalen Maßnahmen

Im Rahmen des deutschen Energie- und Klimafonds sind bis 2023 75 Millionen Euro für den Humusaufbau auf Ackerflächen vorgesehen, neben 21 Millionen Euro aus dem Klimaschutzsofortprogramm.

Darüber hinaus sind nach Angaben des Ministeriums „erhebliche Mittel“ für die Umsetzung der nationalen Ackerbaustrategie vorgesehen, die die scheidende Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner im August vorgestellt hat. Ziel der Strategie ist es unter anderem, „den Beitrag des Ackerbaus zum Klimaschutz zu stärken“.

Aus Sicht des DBV wird nicht genug getan. In Deutschland „wurden zwar überambitionierte Zielsetzungen für Kohlenstoffsenken festgeschrieben, die Politik setzt aber keine Rahmenbedingungen bezüglich Zertifizierung und Entlohnung“, so Krüsken. „Wir brauchen hier deutlich mehr Tempo“, fügte er hinzu.

Sobald man sich auf einen „einheitlichen und wissenschaftlich validierten Rahmen“ für die Quantifizierung der Menge an gebundenem Kohlenstoff geeinigt habe, müsse dieser die Grundlage für verschiedene Vergütungsmechanismen bilden, erklärte Krüsken.

Denkbar wäre eine Entlohnung aus dem Energie- und Klimafonds mit Mitteln des CO2-Zertifikatehandels; auch privatwirtschaftliche Entlohnungsmechanismen sind denkbar„, sagte er.

Umweltschützer:innen stehen der Integration der Kohlenstoffwirtschaft in den Emissionshandel jedoch kritisch gegenüber. „Es besteht die Gefahr, dass durch die Generierung von Zertifikaten die Aktivitäten des Sektors zur Emissionsminderung geschmälert werden, weil die Emissionen dann weitgehend kompensiert werden können“, sagte Johann Rathke von der Umweltorganisation WWF gegenüber EURACTIV Deutschland.

Senkeneffekte messen

Dies sei vor allem dann problematisch, wenn die Menge des durch eine Maßnahme gebundenen Kohlenstoffs schwer zu messen sei, fügte er hinzu.

„Wenn man die tatsächliche Wirkung von Maßnahmen der Kohlenstoffwirtschaft vergüten will, braucht man eine große Menge an Daten und Messungen“, sagte Xenia Brandt von der Kleinbauernvereinigung AbL. „Es ist extrem schwierig, diese Daten so genau zu erfassen, wie es notwendig wäre“, fügte sie hinzu.

In der Praxis, so erläuterte sie, sei die finanzielle Unterstützung daher meist darauf ausgerichtet, die Durchführung bestimmter Maßnahmen zu vergüten und nicht deren Auswirkungen.

Auch bei der Frage, auf welche konkreten landwirtschaftlichen Praktiken die Regierung ihre Bemühungen konzentrieren sollte, gehen die Meinungen der Akteur:innen auseinander.

Aus der Sicht von Krüsken müssen die Maßnahmen „möglichst produktionsintegriert umgesetzt werden, um gleichzeitig die Lebensmittelversorgung sicherzustellen und eine Verlagerung der CO2-Emissionen (Carbon Leakage) zu vermeiden“.

Maßnahmen zum Humusaufbau, wie der Anbau von Zwischenfrüchten, können in die aktive Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen integriert werden. Aus Sicht von Umweltschützer:innen sind solche Praktiken jedoch nicht die effektivsten, die für die Kohlenstoffspeicherung in Frage kommen.

„Humus ist sehr fragil und nicht wirklich geeignet, um damit Kohlenstoff über eine längere Zeit zu binden“, so Michael Berger vom WWF. Es sei sehr schwierig ist zu messen, in welchem Umfang Humus tatsächlich eine Kohlenstoffsenke bieten kann, da die Emissionen wieder entweichen können, nachdem sie gebunden wurden, erklärte er.

Stattdessen ist aus Bergers Sicht die Wiedervernässung von Moorflächen die Maßnahme mit dem „größten Potenzial“ für die Kohlenstoffspeicherung.

In Deutschland haben große Moorgebiete im Nordosten und Süden des Landes, die degradiert wurden, das Potenzial, durch Wiedervernässung bedeutende Kohlenstoffsenken zu bilden, erklärte Rathke.

„Farm-to-Fork“-Strategie „geeigneter Rahmen“

Im Oktober haben die Landwirtschafts- und Umweltminister:innen von Bund und Ländern eine gemeinsame Vereinbarung zum Moorschutz und zur Wiedervernässung unterzeichnet, die vorsieht, dass bis 2030 5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente in Mooren gebunden werden sollen.

Viele Landwirt:innen stehen dem jedoch zurückhaltender gegenüber als den Humusaufbau, da wiedervernässte Flächen nur eingeschränkt landwirtschaftlich genutzt werden können.

„Landwirt:innen brauchen langfristige und verlässliche Einkommensperspektiven sowie Möglichkeiten zur weiteren landwirtschaftlichen Nutzung der Flächen“, heißt es in der Stellungnahme des DBV zur Einigung der Minister:innen.

Nach den aktuellen Haushaltsplänen wird das Bundeslandwirtschaftsministerium zwischen 2021 und 2025 rund 330 Millionen Euro für den Moorschutz ausgeben. Mit diesen Mitteln sollen unter anderem Maßnahmen gefördert werden, die es Landwirt:innen ermöglichen, wiedervernässte Flächen weiterhin standortgerecht zu nutzen, so der Sprecher.

Neben den nationalen Maßnahmen unterstützt Deutschland den Kohlenstoffanbau auch im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU.

Der Katalog der so genannten „Öko-Regelungen“ für die Vergütung nachhaltiger landwirtschaftlicher Praktiken im Rahmen der GAP umfasse auch die Förderung der Diversifizierung von Kulturen und des Anbaus von Leguminosen, die die Kohlenstoffspeicherkapazität des Bodens erhöhen, erklärte das Ministerium.

Die Sprecherin fügte hinzu, dass das deutsche Landwirtschaftsministerium die Flaggschiffpolitik der EU für Lebensmittel, die „Farm-to-Fork“-Strategie, als „einen geeigneten Rahmen für die Entwicklung des Carbon Farming zu einem neuen Geschäftsmodell in der Landwirtschaft“ betrachte.

Aus Sicht des DBV sind die Ziele der EU für Kohlenstoffbindung in der Landwirtschaft zu ehrgeizig, so Krüsken. Die Landwirtschaft habe jedoch „große Erwartungen“ an die Strategie zur Kohlenstoffbindung, die von der Kommission im Dezember vorgelegt werden soll, fügte er hinzu.

[Bearbeitet von Alice Taylor]

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