Britisches Gesetz zu Gen-Editierung zurückgezogen, aber nicht komplett vom Tisch

Der Änderungsantrag, der am Dienstag nach einer langen Debatte im House of Lords zurückgezogen wurde, hatte in den vergangenen Wochen große Debatten ausgelöst. [SHUTTERSTOCK]

Ein im neuen britischen Landwirtschaftsgesetz eingebrachter Änderungsantrag, der den Zugang zu neuer Gentechnik ermöglichen sollte, wurde zurückgezogen. Die Regierung hat sich verpflichtet, eine öffentliche Konsultation zu diesem Thema durchzuführen. In Westminster deutete man allerdings an, dass die Technologie wohl weiterhin unterstützt werden könnte.

Der Änderungsantrag, der am Dienstag nach einer langen Debatte im House of Lords zurückgezogen wurde, hatte in den vergangenen Wochen große Debatten ausgelöst, sowohl über Umweltbedenken als auch über mögliche Auswirkungen auf die künftigen Agrar- und Lebensmittelhandelsbeziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU.

Trotz der Rücknahme des Gesetzentwurfs ist die letztendlich Entscheidung noch nicht klar. Rein technisch ist nicht ausgeschlossen, dass ein ähnlicher oder angepasster Änderungsantrag zu einem späteren Zeitpunkt wieder eingebracht werden kann.

Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass die Regierung des Vereinigten Königreichs zwar nicht bereit ist, ihre Unterstützung für eine solche Änderung jetzt anzubieten, bevor die öffentliche Konsultation abgeschlossen ist, dass sie aber im Allgemeinen die Bearbeitung von Genen befürwortet, so Quellen gegenüber EURACTIV.com.

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Eine Sprecherin des britischen DEFRA [Department for Environment, Food and Rural Affairs] bestätigte gegenüber EURACTIV.com, dass die Regierung eine öffentliche Konsultation durchführen wird, bevor sie Änderungen am derzeitigen Ansatz vornimmt. Sie sagte auch, dass die bestehenden GVO-Verordnungen durch das EU-Rücknahmegesetz in Kraft bleiben werden, lehnte es aber ab, weiter darauf einzugehen, was genau diese Konsultation nach sich ziehen wird.

Die Sprecherin betonte jedoch, dass „Organismen, die durch moderne Mutagenese-Techniken (wie z.B. Gen-Editierung) hergestellt werden, nicht der Regulierung zu genetischer Veränderung unterliegen sollten, wenn die Veränderungen ihrer DNA auf natürliche Weise oder durch traditionelle Zuchtmethoden stattgefunden haben könnten“.

„Die Regierung erkennt die Möglichkeiten an, die Präzisionszüchtungstechniken für Landwirte und die Umwelt mit sich bringen könnten, und setzt sich weiterhin für eine wissenschaftsbasierte Politik und die Regulierung von Präzisionszüchtungstechniken wie der Genbearbeitung ein,“ schloss die Sprecherin.

Dieser Standpunkt stimmt auch mit dem der britischen National Farmers Union überein, die sich kürzlich für diese Technologie ausgesprochen hatte.

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Derweil wurde die Rücknahme des Änderungsantrags von Umweltgruppen begrüßt, die heftig gegen den Antrag gekämpft hatten. Dieser könnte, so ihre Warnung, Tor und Tür für eine breite Palette gentechnischer Techniken öffnen.

Die Kampagnengruppe „Beyond GM“ twitterte, dies sei „ein gutes Ergebnis“, warnte aber, dass „die Regierung immer noch der Deregulierung verpflichtet ist und wir einen demokratischeren und integrativeren Prozess fordern müssen“.

Eine andere britische Organisation, GM Freeze, fügte hinzu, man werde „darauf drängen, dass die Konsultation eine sinnvolle und eingehende Auseinandersetzung mit der öffentlichen Meinung und der aktuellen Wissenschaft darstellt“.

Im Gegensatz dazu wurde der Änderungsantrag von einigen Mitgliedern des House of Lords, beispielsweise Lord Krebs, nachdrücklich verteidigt, der das angebliche Potenzial der Technologie betonte, die britische Landwirtschaft „grüner, produktiver und nachhaltiger“ zu machen.

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Baroness Hayman sagte, sie hoffe, dass „alle zukünftigen Diskussionen über GVOs viel nuancierter sein werden, dass man dann versuchen wird, eine gemeinsame Basis zu finden und dass man sich auf die Ergebnisse konzentrieren wird, die wir zu erreichen versuchen – anstatt auf sehr spaltende Haltungen.“

Baronness Young of Old Scone äußerte sich besorgt darüber, dass eine überstürzte Deregulierung der Genbearbeitung, um das Vereinigte Königreich möglichst rasch an die USA anzugleichen, das Risiko birgt, „nicht in der Lage zu sein, weiterhin Geschäfte mit unseren wichtigsten bestehenden EU-Märkten zu machen“. Sie fügte hinzu, dass es klug wäre, die EU-Studie über Gen-Editierung abzuwarten, die im kommenden April veröffentlicht werden soll.

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Beat Späth, Direktor für landwirtschaftliche Biotechnologie bei EuropaBio, einer einflussreichen Gruppe der Biotech-Industrie, sagte bereits zuvor gegenüber EURACTIV.com, er hoffe, dass der Änderungantrag eine Gelegenheit für „eine Modernisierung des jahrzehntelangen Ansatzes im Hinblick auf bahnbrechende neue Wissenschaft“ biete.

Dies, fügte er hinzu, sei sowohl im Vereinigten Königreich als auch in der EU überfällig.

Er glaubt daher: „Mit diesem Schritt würde das Vereinigte Königreich ein starkes Signal an seine führenden öffentlichen Wissenschaftseinrichtungen senden, die sich mit Biotechnologie und Genomeditierung befassen.“

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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