Brexit- und Klimawandel? Winzer nicht besorgt bezüglich britisch-französischer Weinbeziehungen

Die französischen Winzer hatten sich auf den Brexit gut vorbereitet - indem sie die Liefermengen erhöhten, um größere Lagerbestände auf den Inseln aufzubauen. [Cergios/Shutterstock]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Der Brexit, die Landwirtschaft und die Lebensmittelstandards

Französischer Wein bleibt beliebt: Frankreich ist der führende Versorger für Weinkonsumenten im Vereinigten Königreich. Diese Spitzenposition scheint trotz der Herausforderungen, die der Brexit und der Klimawandel für die französische Weinindustrie mit sich bringen, vorerst unangefochten zu sein.

Im Jahr 2020 gaben britische Importeure insgesamt 733 Millionen Pfund (844 Millionen Euro) für Wein aus Frankreich aus. Das Nachbarland ist damit der führende Lieferant des Vereinigten Königreichs, noch vor Italien, Neuseeland, Australien und Spanien.

Während im vergangenen Jahr aufgrund der Pandemie und der damit verbundenen Einschränkungen ein leichter Rückgang der Exporte über den Ärmelkanal beobachtet werden konnte, scheinen die zusätzlichen administrativen Hürden durch den Brexit bisher keine allzu großen Auswirkungen auf die Weinlieferungen zu haben.

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Man könne zwar feststellen, „dass für französische Marktteilnehmer, die ihren Wein noch nie in ein Drittland verschickt haben, der zusätzliche Verwaltungsaufwand spürbar ist“, so Nicolas Ozanam, Generaldelegierter des französischen Verbands der Wein- und Spirituosenexporteure (FEVS), gegenüber EURACTIV Frankreich. Auch die Kosten für die neuen Verfahren würden vor allem kleine und mittelständische Unternehmen belasten. Doch die „überwiegende Mehrheit“ der Unternehmen, die französischen Wein ins Vereinigte Königreich exportieren, würden auch in andere Drittländer liefern und seien daher an die Bürokratie gewöhnt, so Ozanam. Die Kosten der neuen Verfahren blieben im Verhältnis zum Wert der gesamten exportierten Weinmenge „marginal“.

Wein hamstern

Die französischen Winzerinnen und Winzer hatten sich auf den Brexit gut vorbereitet – indem sie die Liefermengen erhöhten, um größere Lagerbestände auf den Inseln aufzubauen. „Wir waren privilegiert, weil unser Produkt langlebig ist: Wir können Wein problemlos einige Monate lang lagern. Das hat es uns ermöglicht, die Ausstiegsauswirkungen abzufedern,“ erklärt Ozanam.

„Wir haben vor dem Brexit einen deutlichen Anstieg der Champagnerkäufe beobachtet,“ bestätigt auch Vincent Léglantier, Winzer und Generalsekretär des Verbands ANEV. Mit Blick auf die neuen Bedingungen unter den Post-Brexit-Abkommen „gab es eindeutig den Wunsch der Briten, die Keller mit französischen Weinen aufzustocken“.

Konkurrenz

Die Position Frankreichs als Großbritanniens Top-Lieferant ist jedoch nicht in Stein gemeißelt. Der britische Konsum von Weinen aus der Neuen Welt nimmt seit Jahren zu. Es sei inzwischen ein „echter Wettbewerb“, der laut Léglantier schon vor dem Brexit zu beobachten war, „wenn auch in geringerem Ausmaß“.

Wenn das Vereinigte Königreich nun günstigere Handelsabkommen mit weinproduzierenden Ländern wie Australien, Südafrika oder Chile aushandeln sollte, könnte dies zum Nachteil der europäischen und insbesondere der französischen Winzer werden.

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Doch während dieses Risiko real erscheint, „gibt es eine wirkliche Tradition des Konsums französischer Weine in Großbritannien“, beschwichtigt Léglantier.

„Das Vereinigte Königreich ist schon seit langer Zeit ein wichtiger Kundenmarkt für Frankreich,“ sagt auch Ozanam. Man gehe nicht davon aus, dass der Brexit das Geschäft „wesentlich“ verändern werde.

Klimawandel

Gleiches gelte auch für den Klimawandel. Zwar begünstigen die steigenden Durchschnittstemperaturen die Weinproduktion auf den britischen Inseln: Dort hat man in der Tat begonnen, Schaumweine zu produzieren, die dem klassischen Champagner ähneln. Das Produktionsvolumen hat sich in den letzten Jahren vervielfacht und erreichte 2018 einen Höhepunkt. „Die britische Weinindustrie boomt,“ jubelte damals das britische Magazin Trafalgar und titelte „Achtung, Franzosen: Die britische Weinproduktion steigt“.

Darüber hinaus haben Wetterextreme wie Dürreperioden, sintflutartige Regenfälle oder Frostperioden (wie die, die Frankreich noch zu Beginn des Monats heimsuchten) die französischen Winzer zunehmend in wirtschaftliche Bedrängnis gebracht. Gibt es also Gründe, sich angesichts der britischen Konkurrenz zu sorgen?

„Sicherlich nicht,“ macht Ozanam deutlich. Erstens sei der Klimawandel eine langfristige Entwicklung – „und zweitens ist der landwirtschaftliche Raum in Großbritannien bereits weitgehend genutzt“. Der Wandel hin zu Weinbau in bedeutsamen Ausmaßen werde daher „nicht von jetzt auf gleich“ geschehen.

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Außerdem: selbst wenn der Klimawandel die Weißweinproduktion begünstigt, „wird das Vereinigte Königreich nicht in der Lage sein, Rotwein zu produzieren,“ sagt Léglantier. Der Brexit könne zwar dazu führen, dass die britischen Verbraucherinnen und Verbraucher mehr von „ihren“ heimischen Weißweinen probieren, „aber dies wird die traditionellen Weine nicht ersetzen“, ist er sicher.

Der Generalsekretär der ANEV erinnert, der britische Sektor habe im Jahr 2018 mit rund 98.000 Hektoliter Wein einen neuen Produktionsrekord aufgestellt. Die französische Produktion erreichte im selben Jahr allerdings 49 Millionen Hektoliter – rund 500 mal mehr.

Derartige Zahlen dürften die französischen Winzerinnen und Winzer beruhigen: Zwar sind Brexit, Klimawandel und internationaler Wettbewerb tatsächlich Herausforderungen, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Aber ebenso klar ist: Französische Weine sind auf der anderen Seite des Ärmelkanals weiterhin überaus beliebt.

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