Brexit sei Dank? Großbritannien plant neue Tierwohlstandards

Großbritannien will den Export von Schlachttieren als erstes Land Europas verbieten. Der Brexit ermögliche es der Regierung, höhere Tierwohlstandards zu ergreifen und "unnötiges Tierleid" zu verhindern. [kanphitchaya/Shutterstock]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Der Brexit, die Landwirtschaft und die Lebensmittelstandards

Ende der Käfigtierhaltung, Exportstopps für Stalltiere, Tierwohlkennzeichen: in der EU ist Tierwohl gerade ein heißes Thema. Deutschland sieht sich dabei gerne als Vorreiter. Mit diesem Anspruch steht Berlin aber nicht alleine da: auch das Vereinigte Königreich hegt in dieser Hinsicht große Pläne – die es nach dem Brexit nun ungehemmt durchsetzen könnte. Doch wie steht es dies- und jenseits des Ärmelkanals tatsächlich um das Wohlergehen von Stalltieren?

Die Rufe nach mehr Tierwohl in Europa mehren sich. Die Europäische Bürgerinitiative „End the Cage Age“ (die zwischen 2018 und 2020 über 1,4 Millionen Unterschriften gesammelt hatte) ist bei einer Anhörung im EU-Parlament vorletzte Woche auf „massive Unterstützung“ gestoßen, heißt es bei CIWF (Compassion in World Farming) Frankreich, der Organisation, die hinter dieser Initiative steht.

Im Rahmen der Farm-to-Fork-Strategie sieht die Europäische Kommission derweil auch eine Überarbeitung des europäischen Tierschutzrechts vor. Mehrere EU-Parlamentsabgeordnete im Untersuchungsausschuss zum Thema Tierwohl bei Tiertransporten (ANIT) fordern die Kommission in diesem Sinne auf, der Ausfuhr von lebendigen Stalltieren in Drittstaaten ein Ende zu setzen – zuletzt bei einer Anhörung am vergangenen Dienstag (20. April).

Und nicht zuletzt hatten die europäischen Staats- und Regierungschefs bei einem Gipfeltreffen im Dezember der Einführung eines EU-weit einheitlichen Tierwohlkennzeichens zugestimmt. Es ist ein Thema, das besonders von deutscher Seite angetrieben wird: Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) sähe Deutschland gerne als „Vorreiter beim Tierwohl“.

BMEL: Deutschland soll EU-Vorreiter in Sachen Tierwohl werden

Noch in diesem Jahr will das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) höhere Tierwohlstandards einführen. Die Initiative zum Umbau der Nutztierhaltung übertrifft die Bemühungen auf europäischer Ebene – aber sie hat auch ihren Preis.

Das Vereinigte Königreich – weltweiter Vorreiter in Sachen Tierwohl?

Diesen Anspruch erhebt allerdings auch das Vereinigte Königreich. Als weltweit erstes Land, das Tieren im Jahre 1822 legalen Schutz vor „unnötigem Leid“ gewährte, sei man auch bei der Entwicklung des EU-Rechts zum Thema Tierwohl stets „Spitzenreiter“ gewesen, heißt es auf der britischen Website Jurist. Der Ausstieg aus der EU biete für das Vereinigte Königreich die Chance, Tierwohlstandards nun unilateral weiter voranzutreiben, so die britische Tierschutzorganisation RSPCA.

Es ist eine Ansicht, der sich die britische Regierung offenbar anschließt: die Ausfuhr von lebendigen Stalltieren etwa könnte demnach bald der Vergangenheit angehören, wie das britische Umweltministerium im Dezember verkündete. Das geplante Ausfuhrverbot sei Teil einer „erneuerten Bemühung der Regierung, die Position des Vereinigten Königreichs als weltweiter Vorreiter in Sachen Tierwohl zu stärken“. Ein Vorstoß, den die Regeln der EU bisher verhindert hätten, heißt es auf der Regierungsseite: Brexit sei Dank könne Großbritannien nun also „unnötiges Tierleid während Transporten verhindern und das erste Land Europas werden, das diese Praxis beendet“.

Innerhalb der EU ist der Transport von Stalltieren, in erster Linie auf dem Weg zum Schlachthaus, auch über Grenzen hinweg erlaubt. Zwar bestehen dafür klare Regeln – etwa zur maximalen Transportdauer oder der Versorgung der Tiere während der Fahrt. In Deutschland greift zusätzlich zur EU-Verordnung die nationale Tiertransportverordnung, die in Teilen noch strengere Regeln vorsieht. Es sei eine Verordnung, für deren „konsequente Einhaltung“ sich das BMEL klar einsetze, heißt es auf Anfrage von EURACTIV – der Tierschutzorganisation PETA zufolge aber bleibt der Schutz dennoch ungenügend und sorgt vor allem für „legalisiertes Tierleid“.

Für den Stalltierexport in Drittstaaten greifen offiziell ebenfalls die Anforderungen der EU. Tatsächlich lassen sich diese Standards aber vielerorts nicht umsetzen, wie der ANIT-Ausschuss des EU-Parlaments letzte Woche kritisierte.

"Ja" zum Tierwohl; "Nein" zum Nährwert-Label

Die Agrarministerien der EU-Staaten haben grünes Licht für ein EU-weites Tierschutz-Kennzeichnungssystem gegeben. Pläne für eine Nährwert- und Herkunftskennzeichnung auf der Vorderseite von Lebensmittelverpackungen wurden hingegen vorerst auf Eis gelegt.  

„Brexit-Erfolg“ mit Haken

Handelt es sich bei der britischen Initiative also wirklich um einen „Brexit-Erfolg“, wie Umweltminister George Eustice verlauten ließ? Tatsächlich beträfe das Ausfuhrverbot von Stalltieren nur England und Wales – die schottische Beteiligung steht aus, und in Nordirland gilt vorerst weiter EU-Recht. Vor allem aber schließt die geplante Regelung Geflügel aus. Dabei ist gerade diese Kategorie von Tieren besonders betroffen: dem Guardian zufolge exportiert das Vereinigte Königreich jährlich Millionen von Hühnern – für einen Umsatz von satten 139 Millionen Pfund im Jahr 2018.

Auch was die Käfigtierhaltung angeht, hinkt Großbritannien vielen EU-Staaten hinterher. Im Barometer der „End the Cage Age“-Kampagne landet das Vereinigte Königreich nur auf Platz 8 der „käfigfreiesten“ europäischen Staaten. Über 16 Millionen Tiere werden demnach auf britischem Boden in Käfigen gehalten, umgerechnet also 34 Prozent aller Stalltiere. In Deutschland sind es 14 Prozent (8,2 Millionen Käfigtiere). Vorreiter in Europa ist allerdings Österreich, wo „nur“ drei Prozent aller Stalltiere in Käfige gesperrt sind.

Immerhin: auch hier plant Großbritannien offenbar neue Schritte in Richtung Tierwohl. Wie der Telegraph Ende März verkündete, erwägt die Regierung den Ausstieg aus der Käfigtierhaltung, „um zu zeigen, dass das Vereinigte Königreich sich zu höheren Standards verpflichten kann, nun, da es die EU verlassen hat“. Außerdem sollen Landwirte Unterstützung erhalten, um die Zucht sogenannter „frankenchickens“ zu beenden – übergewichtige Hähnchen, die durch die schnelle Mästung regelrecht entstellt werden.

Neuer Streit zwischen London und Brüssel um Brexit-Regelungen für Nordirland

Die Regierung in London kündigte an, Übergangsregelungen für die Ausfuhr von Lebensmitteln und Agrarprodukten in die britische Provinz einseitig zu verlängern. Die EU-Kommission sieht darin einen Verstoß gegen das im Brexit-Abkommen vereinbarte Nordirland-Protokoll.

Käfighaltung und Schlachttransporte: (K)ein Ende in Sicht?

Bleibt abzuwarten, wann und wie diese Ambitionen tatsächlich in die Tat umgesetzt werden. Denn vorerst handelt es sich, in Großbritannien wie in Deutschland und der EU, vor allem um große Worte. Und egal, wer am Ende das Rennen um die Tierwohl-Vorreiterrolle gewinnt: auf europäischer wie auf britischer Seite wird es vor allem darauf ankommen, neue Tierwohlstandards auch gegenüber dem Rest der Welt konsequent durchzusetzen.

Ein schwieriges Vorhaben, denn wie das BMEL auf Anfrage von EURACTIV erklärt, sei „klar“, dass etwa ein europäisches Tierwohlkennzeichen „keine Wettbewerbsnachteile für Produzenten außerhalb der EU“ generieren dürfe.

Aber ob es sich um Tierwohllabels, Käfighaltung oder Schlachttransporte handelt, solange die EU und Großbritannien weiter billig Tiere und Tierprodukte importieren, die den hier geltenden Standards nicht entsprechen, handelt es sich bei den schönen Versprechen vor allem um heiße Luft.

Wie wichtig sind Nachhaltigkeit und Bio beim Essenskauf?

Die Farm to Fork Strategy, zu Deutsch: vom Hof auf den Tisch, ist die wichtigste europäische Initiative zur Sicherstellung nachhaltiger Lebensmittelproduktion. Dabei geht es um die Reduktion von Pestiziden, um die Vermeidung von Emmissionen und generell um die Förderung von …

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