Brexit-Bürokratie lässt britische Bete verfaulen

Die Bürokratie und die Komplexität des Exports britischer Waren in die Europäische Union haben dazu geführt, dass britische Agrarprodukte zunehmend unerwünscht sind. [Julia Sergeeva / Shutterstock]

In der englischen Provinz versucht der 35-jährige Betriebsleiter Will Woodhall, positiv zu bleiben, obwohl er neben einem riesigen Haufen verrottender Rüben steht, die einst Zehntausende von Pfund wert gewesen wären. 

„Es ist wirklich eine Schande – wir haben so viel Arbeit in die Sache gesteckt“, meinte Woodhall gegenüber AFP und deutete auf den viereinhalb Meter hohen Haufen überschüssigen Gemüses, der seit Oktober letzten Jahres auf seinem Hof verrottet.

„Ich hatte noch nie Ernterückstände in diesem Umfang. Das ist natürlich ein großer Verlust für unser Geschäft. Hoffentlich können wir das verkraften. Ich versuche trotzdem, es in etwas Positives zu verwandeln.

Woodhalls Rote Bete ist das jüngste Beispiel der neuen britischen Post-Brexit-Realität. Bürokratie und die Komplexität des Exports britischer Waren in die EU haben dazu geführt, dass viele Produkte aus Großbritannien mittlerweile nicht mehr nachgefragt werden.

Woodhall Growers, ein 770 Hektar großer Betrieb in Staffordshire, Mittelengland, baut seit fast einem Jahrzehnt Bio-Rüben an, von denen er knapp die Hälfte in die EU liefert.

Zunächst schien der formelle Austritt des Vereinigten Königreichs aus der nunmehr 27 Mitglieder zählenden Gemeinschaft Anfang 2020 kaum Auswirkungen zu haben.

Doch ein Jahr später verließ das Land nach einer 11-monatigen Übergangszeit den europäischen Binnenmarkt und die Zollunion. Händler aller Branchen und Größen hatten Mühe, sich anzupassen.

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Keine EU-Ausfuhren

Woodhall erfuhr bald, dass sein Abnehmer auf dem Kontinent den Vertrag über den Kauf von Hunderten Tonnen Rüben aufkündigen und keine weiteren Bestellungen mehr aufgeben würde.

„Der Ausdruck, den sie benutzten, war, dass sie keine Nicht-EU-Produkte mehr wollen“, sagte Woodhall.

Die europäischen Käufer würden seine Rüben normalerweise mit anderen auf dem Kontinent angebauten Rüben mischen. Die Notwendigkeit, sie zu trennen, um die britische Ernte als Nicht-EU-Produkt zu kennzeichnen, war einfach zu kostspielig und zeitaufwändig.

„Das ist sehr mühsam. Ich kann es ihnen nicht verübeln“, fügte er hinzu.

Der Landwirt, der seine Ernte in der Regel in den Wintermonaten nach der Ernte im Spätherbst versendet, musste mehrere hundert Tonnen im Wert von rund 90 000 Pfund (109 000 Euro) liegen lassen.

„Das werde ich nicht wieder hereinbekommen, wir haben also einen massiven Verlust erlitten“, sagte er.

Premierminister Boris Johnson und andere Brexit-Befürworter versprachen, dass die Abkehr von fast fünf Jahrzehnten europäischer Wirtschaftsintegration das Land von der Bürokratie befreien und neue Handelsmöglichkeiten für das „globale Großbritannien“ eröffnen würde.

Aber für viele, die wie Woodhall am Handel über den Ärmelkanal beteiligt sind, hat der Brexit neue bürokratische Hürden geschaffen und die Exporte eher behindert als gefördert. Ihnen bleibt jetzt keine andere Wahl, als sich nach Geschäftsmöglichkeiten in ihrem Heimatland umzusehen.

„Es wird jetzt nur noch für das Vereinigte Königreich produziert werden – keine EU-Exporte unserer Bio-Rüben – was wirklich schade ist“, sagte er.

Er plant, mehr von den anderen Kulturen – Frühlingszwiebeln, Getreide, Bohnen, Erbsen -, die ebenfalls auf dem Hof angebaut werden, für den heimischen Markt zu produzieren und den Betrieb zu diversifizieren.

„Man muss einfach vorwärtsgehen und Dinge tun“, fügte der Landwirt hinzu und verrät, dass er bereits darüber nachgedacht habe, Glamourous Camping oder Drohnenrennen anzubieten.

Was die Landwirtschaft anbelangt, so räumte er ein, dass britische Käufer nur einen Teil der fehlenden EU-Aufträge auffangen können, und dass das kurzfristige Wachstum zweifellos beeinträchtigt würde.

„Der Anbau von 34 Hektar ist viel gewinnbringender als der Anbau von 19 Hektar“, sagte Woodhall und erklärte, dass seine Kosten ähnlich hoch bleiben würden.

„Es ist gut, mehr anzubauen und anschließend auszudünnen.“

‚Herzzerreißend‘

Trotz alledem ist Woodhall, der 2016 für den Verbleib in der EU gestimmt hat, optimistisch, was die potenziellen langfristigen Aussichten des Landes außerhalb der EU angeht – wenn die Versprechen eingehalten werden.

Er glaubt, dass das Vereinigte Königreich in einem Jahrzehnt Kapital schlagen könnte, aber es wird so lange brauchen, um sich anzupassen.

„Ich glaube fest daran, dass wir mit dem Brexit in 10 Jahren besser dran sein werden. Wir sind unser eigener Markt… aber die Frage ist, wie viele Leute in der Zeit bis dahin Pleite gehen werden?

„Und haben wir die Unterstützung von weiter oben, um das zu tun? Ich weiß es nicht.“

Woodhall merkte an, dass die Landwirtschaft in der EU ein großer Wirtschaftszweig mit erheblicher politischer Unterstützung sei. Die britischen Subventionen würden dagegen aufgrund der geringeren Größe des Wirtschaftszweigs „zu kurz greifen.“

„Ich nehme an, die Landwirtschaft ist nicht so viel wert, aber für Einzelpersonen wie mich schon – sie ist die Lebensgrundlage für Tausende von Menschen“, sagte er.

In der Zwischenzeit muss Woodhall die kurzfristigen Auswirkungen der neuen Position des Vereinigten Königreichs außerhalb der EU hinnehmen und hat keine andere Wahl, als seine unerwünschten Rüben zu Kompost verrotten zu lassen.

„Es ist herzzerreißend. Ich komme jeden Tag hierher und schaue mir das an, und manchmal stütze ich meinen Kopf in meine Hände. Ich muss einfach davon loskommen und an etwas anderes denken.“

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