Bioökonomie: Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit als Prinzip

Aus altem Brot wird Plastik. Das Fraunhofer-Institut für angewandte Polymerforschung verfolgt, gemeinsam mit dem Leibnitz-Institut für Agrarforschung in Potsdam, dieses Ziel.

Den Begriff Bioökonomie kannte vor 20 Jahren kein Mensch. Heute orientieren sich viele Staaten an einer stärkeren Nutzung der Ressourcen. Mitbegründer Christian Patermann erklärt EURACTIVs Medienpartner Deutsche Welle das Forschungsprinzip.

Deutsche Welle: Bioökonomie ist das Thema des diesjährigen Wissenschaftsjahres, ausgewählt vom deutschen Forschungsministerium (BMBF). Warum betrifft denn Bioökonomie uns alle?

Christian Patermann: Es betrifft uns alle, weil die Wirkungen einer angewandten Bioökonomie uns alle treffen, unsere Zukunft maßgeblich beeinflussen können und für unsere Kinder und Enkel durchaus Konkretes bringen können. Mit mehr als sieben Milliarden Menschen erreichen wir auf dem Planeten Erde Grenzen. Die Herausforderungen werden sich noch verschärfen, wenn wir in den nächsten Jahrzehnten etwa zehn Milliarden Menschen haben werden. Sie müssen ernährt werden, brauchen beheizte Wohnungen, eine Lebensgrundlage. Sie wollen mobil und gesund sein. Aus diesem Grund ist die Bioökonomie wichtig, aber mir ist auch klar, dass mit dem Begriff kaum jemand etwas anfangen kann.

Dann erklären Sie ihn uns…

Der Kern der Bioökonomie besteht in einer stärkeren Nutzung der sogenannten biologischen Ressourcen: Das sind Tiere (etwa auch Insekten), Pflanzen und Mikroorganismen.

Wichtig war für uns, dass die Wissenschaft bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten lebender Organismen immer besser verstanden hat, die biologische Ressourcen von fossilen und mineralischen Ressourcen unterscheiden: So sind alle biologischen Ressourcen erneuerbar. Sie haben das Potential, sehr viel klimaneutraler als alle anderen Ressourcen zu wirken, vor allem, wenn sie in Kaskadenform ablaufen.

Das bedeutet, biologische Ressourcen sind mehrfach verwendbar, abbaubar und dann wieder nutzbar. Das Element der Kreislaufwirtschaft ist sozusagen den biologischen Ressourcen inhärent mitgegeben. So etwas gibt es bei der Kohle nicht.

Am interessantesten ist aber, dass die Nutzung der biologischen Ressourcen den Produkten und Stoffen neue Funktionen verleihen, die anders und oft besser sind als bei herkömmlichen Stoffen.

Können Sie Beispiele nennen?

Es gibt Oberflächenbeläge für Straßen, die durch die Beimengung biologisch gewonnener Bestandteile eine längere Lebensdauer bekommen und robuster werden. Andere sind witterungsbeständiger. Es gibt Verfahren, die weniger Wasser verbrauchen. Es lassen sich bestimmte Produkte herstellen, die nicht giftig oder krebserregend sind.

Inwieweit haben sich Ihre Überlegungen inzwischen durchgesetzt?

Innerhalb weniger Jahre wurde aus dem Forschungsprinzip ein politisches Konzept. Mehr als 60 Länder der Welt auf allen Kontinenten haben heute bereits eigene Bioökonomie-Strategien, Road-Maps, Aktionspläne und so weiter. Die Zahl wächst ständig. Mit diesem Erfolg hatten wir damals nicht gerechnet.

Wir haben dann auch erkannt, dass es eine ganze Reihe von Nebenwirkungen gibt, wenn man sich auf die biologischen Ressourcen konzentriert und ihre Nutzung in ein wirtschaftliches System integriert. So müssen unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen viel enger zusammenarbeiten als bisher. Wissen an sich, seine Produktion durch neue Technologien, spielen eine viel relevantere Rolle als früher.

Es waren große Herausforderungen sowohl für die Forschung als auch die Anwendung, aber auch Bildung und Ausbildung. Landwirtschaft, Industrie, Forschung und Politik sollten nun in Kreisläufen denken, wirtschaften und handeln, Wertschöpfungsketten entwickeln und nachhaltig umsetzen.

Bioökonomie ist also eine Antwort auf die Herausforderungen der wachsenden Weltbevölkerung und des Klimawandels. Aber es gibt auch eine starke Konkurrenz um landwirtschaftliche Ressourcen: Ob die Ernte auf dem Teller landet, im Trog oder im Tank. Und ob wir es uns noch leisten können, auch etwas für die echte Natur übrig zu lassen – also Flächen, die nicht einmal bioökonomisch genutzt werden.

Von Anfang an haben wir nie mit dem Anspruch agiert, DIE Lösung zu bieten. Wir haben immer gesagt, dass die Bioökonomie „no silver bullet“ sei, also sozusagen kein Zauberstab. Aber sie kann die Nachhaltigkeit sehr stark stützen und zum Teil auch erst ermöglichen.

Wir waren immer der Ansicht, dass wir Kohle und Öl wahrscheinlich noch viele Jahrzehnte brauchen werden. Man kann es zurückfahren, aber die Bioökonomie war nie angetreten, diese anderen Ressourcen total zu ersetzen. Das wäre unmöglich.

Biomasse ist ja nicht nur das, was ich in der ersten Generation als Tiere, Pflanzen oder Mikroorganismen auf dem Feld, im Wald oder im Ozean habe, sondern insbesondere auch der Abfall.

Das sind Schätze, die man mit Hilfe biologischer Prinzipien, mit Enzymen in Bioraffinerien oder Biofabriken bearbeiten, wiederverwerten oder zu höherwertigen Produkten weiterverarbeiten kann.

Es gibt auch nicht DIE Bioökonomie als solche, sondern ganz viele unterschiedliche Bioökonomien. Dies hängt von den primären Rohstoffen ab, die ein Land hat und über die es verfügen kann, von seinen Fähigkeiten und Potentialen, seiner Infrastruktur, auch Logistik . Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich.

Die Bioökonomie in Sri Lanka wird eine ganz andere sein als die in Island. Und auf den Falkland Inseln kann man es ganz anders sehen als in der Schweiz. Nötig ist eine starke Differenzierung in der Nutzung und eine gewisse Demut gegenüber den Potentialen, die da sind.

Aber die Zeit ist reif, dass das vielfältige Wissen der Forschung über unsere biologischen Ressourcen in einem übergeordneten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen System aufgehen kann.

Was muss passieren, damit Bio- auch wirklich ökonomisch werden kann?

Der Markt spielt eine entscheidende Rolle. Nun gibt es kaum noch freie Märkte. So ist der Energiemarkt ganz und gar nicht frei, und viele andere Teilmärkte sind auch stark reguliert. Aber die Bioökonomie muss sich in Märkten bewegen und bewähren.

Eine Ökonomie muss Vorteile bieten: Für den Kunden Kosten sparen, Produktsicherheit bieten, Hygiene der Produkte gewährleisten und so weiter. Das war auch schon im Ölzeitalter so, welches immerhin gut 150 Jahre gebraucht hat, um sich zu entwickeln.

Nun werden die fossilen Ressourcen in absehbarer Zeit einen Kostenvorteil haben. Die Bioökonomie wird dabei ihre Vorteile vor allem in Nischen ausspielen können. Aber diese Nischen können unglaublich wertvoll sein.

Da gibt es zum Beispiel einen Produzenten von Bio-Äpfeln, der seinen Abfall nur als Hühnerfutter oder zur Kompostierung einsetzen kann. Man kann aber mit Hilfe von Enzymen auch bestimmte Säuren daraus herstellen. Und die sind ein essentieller Teil spezieller Augentropfen.

Diese Säure kostet pro Gramm vielleicht 70 Euro. Wenn ich das tue, wird dem Apfel-Abfall ein unglaublicher Wert hinzugefügt. Es zeigt, dass ich auch in Nischen eine enorme Wertschöpfung haben kann.

Die Politik könnte der Bioökonomie zu einem wirklichen Durchbruch verhelfen, wenn sie zum Beispiel bei öffentlichen Beschaffungen darauf besteht, dass unter gleichen Voraussetzungen biobasierte Produkte statt fossiler gekauft werden müssen. Das ist in den USA im sogenannten biopreferred Programme so.

Die zweite Möglichkeit wäre, die Kosten für die Produktion ganz anders zu berechnen, sodass nicht nur die Rohstoffe, Energie, Arbeitskraft und Maschinen in die Berechnung eingehen, sondern auch die Folgekosten – eine Diskussion, die wir heute ja bereits in der Nachhaltigkeit haben.

Etwa indem die deutsche Bundesregierung jetzt der Tonne CO2 einen Preis zuweist?

Ja, aber das ist nur ein kleiner Anfang. Das erfordert einerseits ein völliges Umdenken, aber auch ein sehr behutsames Vorgehen. Wir können uns ja nicht leisten, die wirtschaftlichen Lebensgrundlagen von sieben Milliarden Menschen zu gefährden – inklusive der fast drei Milliarden Menschen, die heutzutage im Mittelstand leben. Dazu braucht man auch eine „Biodiplomatie“.

Das wird dauern und vielleicht geht der Anteil der biobasierten Ökonomie irgendwann in der Chemie von 10 auf 25 Prozent hoch. Das wäre angesichts der weiter wachsenden Weltbevölkerung schon ein Riesenerfolg.

Das Interview führte Fabian Schmidt

Der Jurist und Ökonom Dr. Christian Patermann ist einer der Begründer der Bioökonomie als Forschungskonzept.Als Direktor der Generaldirektion Forschung der EU-Kommission hat er die Bioökonomie in die Forschungsrahmenprogramme der EU eingeführt. Patermann war Gründungsmitglied des vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung 2009 ins Leben gerufenen Bioökonomierates Deutschlands und ist Ehrendoktor an der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Bonn. 

 

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