Bioökonomie in der GAP: Die Wirtschaft von morgen?

Die Bioökonomie-Strategie könnte jährlich zwischen 1,2 und 1,5 Milliarden Tonnen CO² einsparen. [Susanne Nilsson/Flickr]

This article is part of our special report Die Bioökonomie in der GAP nach 2020.

Angesichts drohender Umweltschäden durch den Klimawandel, setzen Experten viel Hoffnung in die Bioökonomie als Zukunftsmodell für die Landwirtschaft. Doch die Frage lautet – welche Art von Bioökonomie  brauchen wir?

„Die Bioökonomie sollte die Grundlage für ein neues Modell für unsere Landwirtschaft sein“, findet Angelique Delahaye, Mitglied des Ausschusses für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit. Die Europaabgeordnete debattierte am 10. April bei einem Panel von EURACTIV zusammen mit anderen Experten über die Bioökonomie. Delahaye nennt ein Beispiel: die Protein-Strategie könnte nicht nur den europäischen Landwirten zusätzliches Einkommen verschaffen, sondern sie hilft auch der EU, das derzeitige Proteindefizit zu beseitigen und Unabhängigkeit von genmodifizierten oder importierten Lebensmitteln zu erlangen.

Dabei sei es stets von großer Bedeutung, die Landwirte und die ländlichen Regionen in die Bioökonomie mit einzubeziehen, aber auch die Nachhaltigkeit auf sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Ebene zu sichern, fügte Mindaugas Maciulevicius, Berichterstatter der Abteilung Landwirtschaft, ländliche Entwicklung und Umwelt des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses, hinzu.

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Die lokale und regionale Ebene entscheidend

Die beiden Schlagwörter, die er eindeutig mit der Bioökonomie verbindet, sind Inklusivität und Nachhaltigkeit, so Maciulevicius weiter. Da die Bioökonomie ein zeitgemäßes Konzept ist, äußerte er den Wunsch nach „mehr Zusammenarbeit zwischen Regionalregierungen, Landwirten und Wissenschaftlern sowie nach mehr Investitionen in den ländlichen Regionen“. Dabei sei “Nachhaltigkeit ein Schlüsselwort“.

Damit die EU das Potenzial der Bioökonomie langfristig voll ausschöpfen kann, ist „Knowlege Sharing [unter den Mitgliedstaaten] entscheidend“ im Rahmen der Diskussion um die GAP. Seiner Meinung nach, investiere die EU derzeit zu viel Zeit, Mühe und Geld, um den globalen Klimawandel zu bekämpfen.

Die Bioökonomie könnte im Grunde genommen die Lösung sein, um Geld damit zu verdienen und gleichzeitig die Prioritäten und Strategien der EU zu erfüllen. „Wir sollten den Erfolg [der EU] nachahmen, anstatt nach neuen Lösungen zu suchen“, meinte Maciulevicius. Vor allem auf lokaler und regionaler Ebene könnte aus seiner Sicht eine innovative Bioökonomie die Quelle für neue umweltfreundliche Arbeitsplätze und umfangreiche Investitionen sein.

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Ressourcen und deren Nutzung kombinieren

Waldemar Kütt, Leiter des Referats Bioökonomie-Strategie der Europäischen Kommission, zeigte sich überzeugt, dass die eigentliche Frage zunächst darin besteht, zu analysieren, wie wir die Bioökonomie definieren. Ihm zufolge ist die Bioökonomie „kein Synonym für die biobasierte Wirtschaft. Die Biowirtschaftsstrategie sei [zudem] keine neue GAP oder eine alternative Klimastrategie.“ Vielmehr bereichert sie die GAP in vielen landwirtschaftlichen Bereichen und ist bestrebt, die Ressourcen und deren Nutzung zu kombinieren. Die treibende Kraft, um in Zukunft eine voll funktionsfähige Wirtschaft zu erreichen, sollte eine erneuerte Bioökonomie-Strategie sein, die den Übergang zu einer nachhaltigen und kreisförmigen Bioökonomie unterstützt, erklärte Kütt.

Die drei Hauptelemente, die bei der Diskussion über die Rolle der Bioökonomie in der GAP berücksichtigt werden müssen, umfassen seiner Ansicht nach Bioabfälle, um Abfälle in Produkte umzuwandeln, die den Landwirten neue Absatzmöglichkeiten bieten; die Einbeziehung ländlicher Regionen durch den Einsatz der Bioökonomie auf regionaler Ebene; und die Bioökonomie innerhalb der planetarischen Grenzen und Möglichkeiten.

„Wir müssen daran arbeiten, was möglich ist, und langfristig sowohl den Verbrauch (wie unsere Ernährung) als auch die Produktion im Auge behalten“, ergänzte Kütt. Da das Gesamtsystem sehr komplex ist und die Bioökonomie einen übergreifenden Charakter hat, wies Kütt darauf hin, dass es eine Verknüpfung zwischen den verschiedenen Politikbereichen geben muss.

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Lösungen für die Zukunft

Joanna Dupont-Inglis, Generalsekretärin von EuropaBio, hob die globale Bedeutung der Bioökonomie angesichts des zunehmenden Klimawandels hervor. „Wir haben die dringende Notwendigkeit, jede Technologie in unserem Repertoire zu nutzen“, und die Bioökonomie-Strategie könnte jährlich zwischen 1,2 und 1,5 Milliarden Tonnen CO² einsparen, gab Dupont-Inglis an.

Ihr zufolge „könnte Europa in diesem sehr transformativen Bereich Vorreiter sein, [….] aber letztendlich werden wir [Nahrungsmittel und Technologien] von China kaufen, anstatt zu erlauben, dass die Biotechnologie in der EU vorankommen könnte.“ Für sie liegt das Problem darin, dass die europäische Biotech-Gemeinschaft Talente an Länder mit freieren innovativen Rahmenbedingungen verliert. „Wir leben in einer Bioökonomie und könnten ohne sie nicht überleben“, so Dupont-Ingles. Sie fügte hinzu, dass “wir darüber nachdenken [müssen], wie wir diese nutzen können, um die Lösungen zu liefern, die wir für die Zukunft brauchen.“

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Verpassen wir den Zug?

Der Generalsekretär der Copa-Cogeca, Pekka Pesonen, verschaffte einen Einblick in die Perspektive der Landwirte im Mittelpunkt dieser Diskussion und erklärte: „Landwirte und Verbände wollen nie einen Teil ihrer Produktion verlieren, wenn sie ihn in irgendeiner Weise verwerten können. Die Entwicklung der Bioökonomie hat ein großes Potenzial, den Landwirten bei der Valorisierung ihrer Produktion zu helfen und gleichzeitig der Umwelt zu helfen.”

Dies sei zwar eine Gelegenheit für die jüngere Generation, die Ernährungspolitik fortzusetzen, die über 10 Millionen europäische Landwirte derzeit ermöglichen, aber er wies zudem darauf hin, dass „der instabile Rechtsrahmen für Biotechnologien jedermann in der EU verwirrt“. Pesonen verwies darauf, dass diese Situation geopolitische Auswirkungen hat, wenn europäische Unternehmen von chinesischen Unternehmen gekauft werden und Drittländer die in Europa verbotene Technologie nutzen können.  Die Hauptfrage ist nun, ob es im Bioökonomie-Plan genügend Raum für Innovationen gibt. „Neue Züchtungsmethoden sind ein Beispiel dafür, dass wir den Zug verpassen werden,“ so Pesonen.

Pesonen fordert ein Reformpaket und mehr EU-Investitionen für Forschung und Unterstützung für Landwirte, die wirtschaftlich unter den Ausgabenkürzungen leiden. Europaweit ist die Forst- und Landwirtschaft von strategischer Bedeutung, und Maßnahmen aus der Forschung könnten auch die Nachhaltigkeit fördern.

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Überkonsum des Planeten

Die EU-Agrar- und Bioenergiebeauftragte für Birdlife International, Harriet Bradley, betont, dass „wir bei der Verwendung von Biomasse sehr vorsichtig sein müssen. Die Bioökonomie muss nachhaltig sein.“ Bradley erklärt, dass unsere derzeitige Bioökonomie „weitgehend unnachhaltig“ ist, und fügte hinzu, dass „wir derzeit die Ressourcen massiv überbeanspruchen, so dass wir unter Berücksichtigung dessen in alle Diskussionen über die Bioökonomie der Zukunft gehen müssen“. Wenn man die Zukunft der Bioökonomie in Betracht zieht, ist es unerlässlich, keine unnötige Landnutzung zu betreiben, die Effizienz zu steigern und den globalen Verbrauch innerhalb der planetarischen Grenzen zu halten. Alles in allem muss „die Produktion viel intelligenter sein“, als sie es jetzt ist, betonte Bradley.

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