Aquaponik: Hoffnungsträger gegen Überfischung und Verschmutzung

Einfach, aber genial: In Aquaponik-Systemen dienen Fischexkremente als Pflanzendünger, während die Pflanzen das Wasser in den Fischtanks reinigen. [Kate Field/Flickr]

Die Anwendung kombinierter Fisch- und Gemüsezuchtsysteme sorgt sowohl für Transparenz in der Lebensmittelherstellung als auch für mehr Unterstützung für die lokale Produktion, so die Befürworter der Aquaponik.

„Wir sehen, dass immer mehr Kunden wissen wollen, woher ihre Lebensmittel kommen und wie sie produziert werden,“ erklärt Nicolas Leschke, Geschäftsführer der Berliner Firma ECF Aquaponik-Farmsysteme, gegenüber EURACTIV.com.

„Wir sind sehr transparent, wir organisieren Besuche, bei denen Sie alles sehen können, und wir erklären, wie wir unsere Lebensmittel herstellen. Und da wir auch direkt an Kunden und lokale Supermärkte verkaufen, erfüllen wir die von den Kunden gewünschte Transparenz,“ so Leschke weiter.

Die Aquaponik ist ein System, in dem Fische und Gemüse gleichzeitig produziert werden. Sie nutzt die Fisch- und Gemüseproduktion in einer Kombination, bei der die Pflanzen mit den Fischexkrementen gedüngt werden. Im Gegenzug reinigt das Gemüse das Wasser, das dann zu den Fischen zurückfließt. Das in Australien ansässige und weltweit hoch angesehene Permakultur-Forschungsinstitut (PRI) sieht die Aquaponik als die große Hoffnung für eine nachhaltige ökologische Pflanzen- und Fischproduktion.

Alternative zur konventionellen Fischzucht

Leschke erinnert daran, dass die konventionelle Landwirtschaft für 70 Prozent des globalen Wasserverbrauchs und 24 Prozent der Treibhausgasemissionen steht. Derweil gelten 77 Prozent der von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen überwachten Fischbestände als entweder angeschlagen, überfischt oder vollständig ausgebeutet – wobei sich nur ein Prozent dieser Bestände von der Erschöpfung erholen wird.

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Aus Sicht der weltweit wachsenden Zahl an Befürwortern trägt das Aquaponiksystem dazu bei, die Umweltauswirkungen der konventionellen Fischzucht deutlich zu reduzieren.

Sie weisen darauf hin, dass bei letzterer Tausende von Fischen in einer künstlichen Umgebung zusammengedrängt werden und unter anderem Abfallprodukte wie Fäkalien, nicht verzehrte Lebensmittel und tote Fische in ökologisch empfindliche Küstengewässer gespült werden und somit lokale Ökosysteme zerstören. Dies geschehe bei der nachhaltigen Aquaponik nicht

Ein europaweiter Trend

Die Forderung der Kunden nach einer nachhaltigen, lokalen Produktion sowie mehr Lebensmitteltransparenz ist keineswegs auf Berlin beschränkt.

„In Belgien, in Deutschland und anderswo in Europa wollen die Kunden ein echtes Geschmackserlebnis; sie wollen Lebensmittel mit echtem Nährwert. Und das alles verbinden sie mit einer kurzen Lieferkette,“ sagt Steven Beckers, Architekt und Gründer von BIGH (Building Integrated GreenHouses).

Seine Firma ist verantwortlich für das sogenannte Abattoir-Projekt, einen der größten städtischen Märkte Europas, der in einem alten Schlachthof in Brüssel errichtet wurde. Dieser Markt nutzt auch die von ECF in Berlin entwickelte Aquaponik-Technologie.

Der Architekt stellt fest, in den skandinavischen Ländern bestehe ein „riesiges Interesse“ an der Umsetzung der aquaponischen Anbaumethode. Darüber hinaus werden aktuell zwei potenzielle Projekte in Paris und eines in Mailand diskutiert.

„Letztendlich geht es darum, Produzenten und Konsumenten wieder miteinander zu verbinden und die Agrar- und Lebensmittelproduktion neu zu verorten,“ erklärt Beckers.

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Kurze Ketten bringen viele Vorteile

Aber es gibt noch einen weiteren Mehrwert in kurzen Nahrungsmittelversorgungsketten innerhalb einer Region: „Unser Ansatz ist es, Teil der Sozial- und Solidarwirtschaft zu sein. Wir wollen Arbeitsplätze für die Menschen in der Region schaffen und das Wirtschaftsleben in ansonsten vernachlässigten Gebieten wiederbeleben,“ so Beckers weiter.

Nicolas Leschke betont, dies sei sowohl in Metropolen als auch auf dem Land problemlos möglich: „Aquaponik-Farmen können überall gebaut werden, sie sind nicht auf Städte und städtische Gebiete beschränkt.“

Auf die Frage, was Europa tun könne, um dieses System der kurzen Lebensmittelversorgungskette zu fördern, sind sich Leschke und Beckers einig: Ein spezielles Bio-Label für Aquaponik-Produkte wäre hilfreich. „In den USA würden unsere Lebensmittel als Bio-Produkte gekennzeichnet sein. In der EU ist das nicht so.“

Das liege daran, dass das Bio-Siegel nur für die Bodenerzeugung gelte. „Und die Aquaponik nutzt nun einmal nicht Erde, sondern Wasser,“ seufzt Beckers.

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