Andriukaitis: 100 Jahre alte Produktionsmodelle können die Nachhaltigkeit von Lebensmitteln nicht erreichen

Bayer official: “I see some examples in some new, young Green leaders that are questioning the decisions of the past […] they see that in order to get to this sustainable future that they aspire, they need innovation.” [shutterstock]

This article is part of our special report Biotechnologie: Europas nächstes „heißes Eisen“.

Nach Angaben der UNO muss die Menge der weltweit produzierten Lebensmittel verdoppelt werden, um eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Gleichzeitig bereitet die Sicherstellung der Nachhaltigkeit von Nahrungsmittelsystemen der Politik Kopfschmerzen angesichts der zunehmenden neuen Technologien, die den Klimawandel bekämpfen sollen.

„Wir können Nachhaltigkeit nicht mit genau den gleichen Produktionsmodellen erreichen, die wir vor 100 Jahren verwendet haben, als sich all die anderen Variablen verändert haben“, erklärte der scheidende EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis gegenüber EURACTIV.com.

Andriukaitis zufolge verbrachte er viel Zeit damit, über Lebensmittel nachzudenken und darüber zu sprechen, was funktioniert und was nicht, um die Nachhaltigkeit der Lebensmittelsysteme zu verbessern.

„Bevor wir also die Wissenschaft ablehnen und verbieten – sei es GVO oder neue Pflanzenzuchtmethoden (NPBTs) -, lassen Sie uns eine sehr ernsthafte Diskussion darüber führen, wie der Fortschritt in der Wissenschaft uns nutzen kann, während wir uns den Herausforderungen der globalen Erwärmung und der biologischen Vielfalt stellen“, forderte er.

Die UNO schätzt, dass die Weltbevölkerung im Jahr 2030 8,5 Milliarden erreichen und bis 2050 auf 9,7 Milliarden ansteigen wird. Im Jahr 2100 sollen es dann 11,2 Milliarden sein. Das Welternährungsprogramm (WFP) hat legte dar, dass die Ursachen für den zunehmenden Hunger Umweltzerstörung und Dürre sind, die beide durch den Klimawandel und Konflikte beeinflusst werden.

Die rasante Weiterentwicklung der Biotechnologie wie GVO und NPBT – eine Reihe wissenschaftlicher Methoden für die Gentechnik von Pflanzen zur Verbesserung von Faktoren wie Dürretoleranz und Schädlingsresistenz – verspricht, den Klimawandel zu bekämpfen. In vielen Teilen der Welt, einschließlich Europas, stößt die Biotechnologie jedoch auf heftigen Widerstand.

Industrie vs. Bio-Bauern: Sind Zuchttechniken Genveränderung?

Versuche, sogenannte „neue Pflanzenzuchttechniken“ aus der EU-Gesetzgebung über gentechnisch veränderte Organismen auszuschließen, wären „ein schwerer Schlag für Verbraucher, Landwirte und Verarbeiter“, so der europäische Biobauernverband.

So sind beispielsweise GVO in Europa verboten, während der EU-Gerichtshof entschieden hat, dass NPBTs grundsätzlich GVOs sind und prinzipiell unter die GVO-Richtlinie fallen sollten.

Der größte Widerstand kommt hauptsächlich von Umweltschutzgruppen, während die EU-Politiker wiederholt das Vertrauen in die Wissenschaft gefordert haben.

Umweltschützer bestehen darauf, dass die Lebensmittelproduktionssysteme und die konventionelle Landwirtschaft sich ändern und sich auf mehr Nachhaltigkeit und agroökologische Praktiken konzentrieren sollten.

Eric Gall von der EU-Bio-Landwirtschaftsunion (IFOAM) kommentierte, dass sich GVO negativ ausgewirkt haben, insbesondere in Bezug auf den zunehmenden Einsatz von Herbiziden und die Konsolidierung der Unternehmenskontrolle über Saatgut.

„Anstelle der Gentechnik müssen wir uns auf Fragen im Zusammenhang mit dem Zugang zu Produktionsmitteln und Flächen sowie auf systemische agronomische Lösungen konzentrieren, die die Landwirtschaftssysteme widerstandsfähiger und weniger abhängig von teuren externen Inputs machen“, betonte er gegenüber EURACTIV.

Die Einführung von Produkten aus der Gentechnik in die Umwelt kann zu unerwarteten Ergebnissen führen und ist ein riskantes Experiment. „Um den Klimawandel zu bekämpfen, müssen wir uns auf die Agronomie konzentrieren, um agroökologische Anbausysteme zu entwickeln, die die allgemeinen Umweltauswirkungen der Landwirtschaft mildern und den Bauern helfen, sich an den Klimawandel anzupassen“.

EURACTIV wandte sich auch an Greenpeace, um eine Stellungnahme anzufordern. Die Organisation der Umweltschützer weigerte sich jedoch, einen Kommentar abzugeben.

Neue Pflanzenzüchtungstechniken: EU-Kommissar Andriukaitis liegt falsch

Die EU-Kommission stellt diese strengen Regeln für genveränderte Pflanzen in Frage – das untergräbt die Nahrungsmittelsicherheit, meint die Organisation Slow Food.

FAO als Vermittler

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hält es für „unerlässlich“, dass wir uns in Richtung nachhaltiger Ernährungssysteme bewegen, die mehr Lebensmittel produzieren, gleichzeitig einen höheren Nährwert haben und in Anbetracht des Klimawandels weniger Umweltschäden verursachen.

„Die FAO ist der Ansicht, dass Wissenschaft und Technologie eine wesentliche Rolle bei der Lösungsfindung für diese Herausforderungen spielen können. Die Auswahl der Technologien, die den Produzenten zu diesem Zweck zur Verfügung stehen, sollte so breit wie möglich sein, einschließlich konventioneller Technologien, wie sie zur Verbesserung der Wasserwirtschaft in bewässerten und regenwassergespeisten Produktionssystemen eingesetzt werden, sowie der vielfältigen landwirtschaftlichen Biotechnologien“, sagte Chikelu Mba gegenüber EURACTIV.

Wenn es um GVOs geht, erkennt die FAO an, dass sie unter bestimmten Umständen helfen können, die Produktion und Produktivität zu steigern und so zur Ernährungssicherheit und Nährstoffversorgung beitragen.

Gemeinsame EU-Kandidatin für die FAO: "Mehr und besser produzieren"

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„Die FAO ist sich aber auch der Besorgnis über die potenziellen Risiken bewusst, die GVOs in Bezug auf die Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch, Tier und die Umwelt darstellen“, räumte Mba ein. Die potenziellen Vorteile und Risiken im Zusammenhang mit der Anwendung von GVOs sollten von Fall zu Fall „sorgfältig“ bewertet werden.

Was die neuen Gen-Editing-Techniken anbelangt, so erklärte der FAO-Beamte, dass einige Länder mit hohem Einkommen Entscheidungen zu diesem Thema getroffen haben, während sich die meisten Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen in einem früheren Stadium befinden, was die Festlegung des regulatorischen Status von genomisch veränderten Organismen betrifft.

„Mit ihrer neutralen Vermittlerrolle ist die FAO bereit, eine wichtige Rolle in dieser laufenden Debatte zu spielen“, versprach er.

Kleinbauern und Innovation

Mba betonte auch die Notwendigkeit, Kleinbauern in Entwicklungsländern beim Zugang zu den neuen Agrartechnologien zu helfen, da sehr oft einige Schlüsselfaktoren fehlen.

„Durch die Verbesserung der Verbindungen und der Zusammenarbeit zwischen den Forschungs- und Beratungssystemen und den Landwirten wird es nicht nur für die Landwirte einfacher, Zugang zur Arbeit der Forscher zu erhalten und von ihnen zu profitieren, sondern auch für die Forscher, von dem Wissen und den Innovationen der Landwirte zu lernen und darauf aufzubauen“, so Mba.

„Es ist wichtig, über gut funktionierende und nachhaltig finanzierte landwirtschaftliche Innovationssysteme zu verfügen, bei denen die verschiedenen Komponenten des Systems (wie Forschung, Beratung und die Landwirte selbst) gut zusammenwirken, um gemeinsame Ziele zu erreichen. […] Die uneingeschränkte Beteiligung der Kleinbauern selbst ist entscheidend“, fügte er hinzu.

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GM-Debatte intensiviert sich in Europa

Die Biotech-Industrie besteht darauf, dass Europa seine Meinung über die Biotechnologie ändert. Sie betont die Notwendigkeit einer wissenschaftlich fundierten Entscheidung zur Vermeidung von Fehlinformationen.

Es heißt, dass die Biotechnologie bewiesen habe, dass sie „das Einkommen der Landwirte erhöht und gleichzeitig die CO2-Emissionen reduziert hat“.

„In den mehr als 20 Jahren der Kommerzialisierung haben sich gentechnisch veränderte Pflanzen als genauso sicher erwiesen wie konventionelle Pflanzen, wie es von führenden wissenschaftlichen Einrichtungen, auch in Europa, bestätigt wurde. Es ist an der Zeit, dass sich die Entscheidungsträger der EU für Innovationen und gegen Fehlinformationen einsetzen“, fordert EuropaBIO, das die Biotech-Industriegruppen vertritt.

In einer schriftlichen Antwort erklärte EuropaBIO gegenüber EURACTIV, dass die GM-Diskussion voraussichtlich „spätestens innerhalb der nächsten zwei Jahre“ intensiver wird.

Im Mittelpunkt der Debatte wird das Urteil des EU-Gerichtshofs zur Genaufbereitung stehen, das nach Ansicht der Branche den Zugang der EU-Landwirte für viele Jahre blockieren wird, wenn nicht umgehend Maßnahmen ergriffen werden.

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Die Menschheit braucht immer mehr Lebensmittel. Abhilfe schaffen sollen neue Methoden der Gentechnik wie die CRISPR-Genschere. Diese sind jedoch umstritten.

„EuropaBio unterstützt die Aufforderungen der wichtigsten wissenschaftlichen Einrichtungen, Wirtschaftszweige, landwirtschaftlichen Gruppen und des wissenschaftlichen Beratungsmechanismus der Kommission zur Modernisierung der GVO-Gesetzgebung“, heißt es aus der Branche.

Ein weiterer Grund für die Intensivierung der GM-Debatte ist, dass gentechnisch veränderte Pflanzen für die laufende Diskussion über moderne Landwirtschaft und Nachhaltigkeit relevant sind.

„So haben beispielsweise insektenresistente GVO-Kulturen nachweislich den weltweiten Einsatz von Insektiziden deutlich reduziert“, stellte EuropaBio fest.

Die Branche weist auch auf die schwerwiegenden Auswirkungen hin, die der europäische Rechtsrahmen für die Biotechnologie auf die öffentlichen Forscher der kleinen und mittleren Unternehmen hat.

„Das Zulassungssystem der EU für GVOs hat die Landwirte daran gehindert, auf Produkte zuzugreifen, die seit Jahrzehnten in anderen Teilen der Welt sicher verwendet werden, und ist so langsam und teuer, dass selbst Einfuhrgenehmigungen eine unüberwindliche Hürde für KMUs und öffentliche Einrichtungen darstellen“, betonte die Biotech-Industrie.

Vytenis Andriukaitis: Neue Pflanzenzüchtungstechniken brauchen neue Rahmenbedingungen

Die „neuen Pflanzenzüchtungstechniken“ brauchen eine neue EU-Gesetzgebung, die die neuesten fortschrittlichen Technologien berücksichtigt, sagt EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis gegenüber EURACTIV.com.

Die “Grüne Welle” in Europa

Die Debatte über die Zukunft der EU-Landwirtschaft darf den Aufstieg der grünen Parteien im gesamten Block nicht außer Acht lassen. Die Grünen haben die Biotechnologie scharf kritisiert und die Gerichtsentscheidung zur Genbearbeitung begrüßt.

Für Jesus Madrazo, Leiter der Abteilung für Landwirtschaft und Nachhaltigkeit, Bayer CropScience, gehen die neuen grünen Generationen die Wissenschaft und Innovation mit „einem gewissen Grad an Positivismus“ an.

„Ich sehe bei manchen neuen, jungen grünen Führungskräften, dass sie die Entscheidungen der Vergangenheit in Frage stellen. […] Sie sehen, dass sie Innovationen brauchen, um in diese nachhaltige Zukunft zu gelangen, die sie anstreben“, erklärte Madrazo gegenüber EURATIV auf einer Bayer-Veranstaltung in Deutschland Anfang dieses Monats.

"Grüne Welle" überrollt Europa

Mit zweistelligen Werten in vielen großen europäischen Ländern erzielten die Grünen Rekordgewinne bei den EU-Wahlen.

Der Beamte des deutschen Lebensmittelkonzerns forderte eine umfassendere Debatte zwischen allen relevanten Interessengruppen, einschließlich der Landwirte und der Zivilgesellschaft. „Es gibt keine perfekte Lösung, jede Entscheidung ist ein Kompromiss“, hob er hervor.

„Ich hoffe, dass sich die Vernunft durchsetzen wird, die Wissenschaft ihren eigenen Stellenwert hat, und einige dieser Innovationen das Licht am Ende des Tunnels in Europa sehen werden“, fügte er hinzu.

[Bearbeitet von Britta Weppner]

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