„Agrarbomben“: Die Risiken eines Düngemittels

Ammoniumnitrat ist ein gängiges Düngemittel der europäischen Landwirtschaft. Es kann jedoch auch zur tödlichen Gefahr werden. [Shutterstock / kristnu]

Das Thema ist brisant, ebenso wie der Stoff, um den es geht. Seit der Explosion im Hafen von Beirut ist die Frage der Kontrolle und Lagerung von Ammoniumnitrat, der Ursache der libanesischen Katastrophe, wieder in den Vordergrund gerückt. Dazu kommen Sorgen um gesundheitsschädliche Nitratwerte im Grundwasser durch den Dünger. Eine Analyse aus Frankreich und Deutschland.

Während früher nur Chemiker und Industrielle damit zu tun hatten, kennt heute jeder die Eigenschaften von Ammoniumnitrat. Manchmal als Sprengstoff in Steinbrüchen verwendet, wird Ammoniumnitrat hauptsächlich als Düngemittel für die intensive Landwirtschaft eingesetzt. Frankreich, als Agrarmacht, ist besonders angetan davon. Laut Eurostat-Daten sind die Franzosen die größten Verbraucher von Ammoniumnitrat in Europa und die zweitgrößten in der Welt.

Allerdings gibt es nach wie vor Lücken in der Lagerkontrolle, wie eine Umfrage der Investigativabteilung von Radio France kürzlich ergab. Dabei geht es um die in Frankreich geltende Gesetzgebung, nach der nur Betriebe, die mehr als 250 Tonnen Ammoniumnitrat besitzen, verpflichtet sind, dies den Behörden zu melden.

Die Recherche von Radio France hebt zwei große Bedenken hervor: Während große Betriebe, die Ammoniumnitrat in großen Mengen lagern, nur selten kontrolliert werden – weil es an Mitarbeitern fehlt, die solche Kontrollen durchführen können -, werden „kleine Anlagen“ überhaupt nicht kontrolliert. Dabei handelt es sich in der Regel um landwirtschaftliche Betriebe, die große Vorräte an Ammoniumnitrat auf ihrem Hof lagern, bevor sie es auf ihren Feldern ausbringen, um den Boden mit Stickstoff anzureichern.

Beirut: Tausende Menschen nach Explosion verletzt

Einen Tag nach der gewaltigen Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut ist die Zahl der Todesopfer nach Angaben des Roten Kreuzes auf 100 gestiegen, tausende Menschen sind verletzt.

“Eine Explosion ist durchaus realistisch”

Ein Beweis dafür, dass das Thema die Gemüter erhitzt: Zwei Tage nach der Katastrophe im Hafen von Beirut beeilte sich das französische Landwirtschaftsministerium, auf seiner Website darauf hinzuweisen, dass Ammoniumnitrat „nicht als Sprengstoff, sondern nur als Gelegenheitsexplosivstoff […] gilt, wenn der Dünger durch unverträgliche Materialien verunreinigt ist”.

Eine Nuance, die Ronan Nicolas, einen auf industrielle Risiken spezialisierten Brandschutzberater, nicht beruhigt: „Ammoniumnitrat ist eine Substanz, die extrem hitzeempfindlich ist. Im Brandfall und bei Kontakt mit auch nur 0,2 Prozent organischem Material – wie zum Beispiel Heustaub – ist eine Explosion durchaus realistisch.”

Kleine Brände auf Bauernhöfen können deshalb verheerende Auswirkungen haben, sagt der Berater, der auch als freiwilliger Feuerwehrmann tätig ist: „Ein kleiner Bauernhof kann zu einer echten ‘Agrarbombe’ werden.“ So geschehen 2003 in Saint-Romain-en-Jarez (Loire), wo bei der Explosion eines landwirtschaftlichen Lagerhauses, welches mehrere Tonnen Ammoniumnitrat enthielt, 18 Feuerwehrleute verletzt wurden, drei davon schwer.

Strengere Kontrolle in Deutschland

In Deutschland wurden bereits vor 100 Jahren schmerzliche Erfahrungen mit dem Düngemittel gemacht, als 400 Tonnen Ammoniumnitrat am 21. September 1921 im BASF-Werk in Ludwigshafen detonierten und 559 Menschen töteten.

Explosionen sind selten, aber immer dramatisch. Dies hat mehrere europäische Länder dazu veranlasst, ihre Gesetzgebung zu verschärfen. Zwar wird nach wie vor auch auf deutschen Ackern das Düngemittel verwendet, doch die Regeln für Verwendung und Lagerung sind deutlich strenger.

Die deutsche Gefahrstoffverordnung sieht beispielsweise vor, dass detonationsfähiges ammoniumnitrathaltiges Düngemittel nur in bestimmten Räumen mit entsprechend technischer Ausstattung und unter strengen Brandschutzbestimmungen gelagert werden darf. Brennbare Materialien dürfen nicht in der Nähe gelagert werden. Außerdem muss die Lagerung von Mengen über 25 Tonnen vorab den Behörden mitgeteilt werden – ein Zehntel der Menge im Vergleich zu Frankreich – und Lagerräume müssen je nach Lagerungsmenge einen bestimmten Abstand zu bewohnten Häusern haben.

Studie zeigt erstmals Zusammenhang zwischen Landwirtschaft und Nitratbelastung

Deutschland muss dringend seine Nitratwerte im Grundwasser senken und hat seine Düngeverordnung stark verschärft. Nun zeigt eine Studie erstmals, dass alle Argumente nichts nützen: Schuld am schlechten Grundwasser ist vor allem die Tiermast.

Ammoniumnitrat: Explosiv und gesundheitsschädlich

Nicht nur die explosive Kraft von Ammoniumnitrat sorgt für eine strengere Überwachung des Düngers in Europa, auch die Auswirkungen auf das Trinkwasser ist Brüssel ein Dorn im Auge. Durch den Einsatz von Ammoniumnitrat als landwirtschaftlicher Dünger steigt laut einer Studie des Umweltbundesamtes auch der Nitratwert im Trinkwasser. Hohe Nitratwerte im Wasser können besonders schädlich für die Sauerstoffversorgung im Blut bei Säuglingen sein. Zudem besteht der Verdacht, dass nitratreiches Wasser das Darmkrebsrisiko erhöht.

Auf europäischer Ebene wird die Verwendung von Ammoniumnitrat in der Landwirtschaft deshalb durch die europäische Düngemittelverordnung und die Nitratrichtlinie reguliert. Letztere sieht vor, dass Grund- und Oberflächenwasser, aus denen Trinkwasser bezogen wird, einen Nitratgehalt von 50 Milligramm pro Liter nicht überschreiten darf.

Die EU-Mitgliedsstaaten können eigenständig nationale Schutzzonen für den Einsatz von Nitratdünger in der Landwirtschaft ausweisen und die Verwendung somit stärker oder weniger streng regulieren. Innerhalb dieser Schutzzonen muss Grund- und Oberflächenwasser regelmäßig auf den Nitratgehalt überprüft werden. Alle vier Jahre müssen die Länder einen Nitratbericht bei der EU einreichen.

Nur leichte Verbesserung bei deutschen Nitratwerten

Diese Woche muss Deutschland die Nitratwerte seiner Grundwasserkörper an die EU-Kommission melden. Medienberichten zufolge ist der Trend leicht positiv – allerdings gibt selbst die Kommission zu, dass ein Vergleich mit anderen EU-Staaten schwierig ist.

Besorgniserregende Nitratwerte im Trinkwasser

Durch unterschiedliche nationale Strategien bei der Ausweisung von Schutzzonen, fallen auch die nationalen Regularien für den Einsatz von Nitratdünger in der EU von Land zu Land unterschiedlich aus. Während Landwirte in Frankreich weitgehend auf den Nitratdünger setzen und nur in ausgewählten Bereichen genauer auf die Nitratwerte im Grund- und Oberflächenwasser achten müssen, hat Deutschland das gesamte Bundesgebiet zur Schutzzone erklärt und den Einsatz von Nitratdünger erschwert.

Laut dem letzten Nitratbericht von 2020 sind die Nitratwerte trotz der strengen Behandlung nicht signifikant gesunken, sodass “Nitratbelastung des Grundwassers in Deutschland weiterhin als zu hoch einzustufen” ist. In Frankreich ist die Situation kaum besser: Im vergangenen November erhielt Paris von der Europäischen Kommission eine Ohrfeige, weil es die europäischen Grenzwerte für Nitrat im Trinkwasser nicht einhielt.

Die französische Regierung, die in dieser Angelegenheit bereits zweimal verwarnt wurde, hat zwei Monate Zeit, um auf die Aufforderung aus Brüssel zu reagieren. Tut sie dies nicht, kann die Kommission ihr eine sogenannte begründete Stellungnahme zukommen lassen – der letzte Schritt vor der Anrufung des Europäischen Gerichtshofs.

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