Amazonas-Brände: Frankreich fordert weniger „Soja-Abhängigkeit“

Brände im Amazonas-Gebiet werden nicht selten von Bauern gelegt, die versuchen, die wachsende Nachfrage nach Sojabohnen zu decken. [ESA]

Brände im Amazonas-Gebiet werden nicht selten von Bauern gelegt, die versuchen, die wachsende Nachfrage nach Sojabohnen zu decken. Nun will Frankreich seine europäischen Partner von der potenziellen Rolle der EU bei den Waldbränden sowie einer mögliche Richtungsänderung überzeugen. EURACTIV Frankreich berichtet.

Die riesigen Brände im Amazonas-Regenwald haben die landwirtschaftlichen Produktionsverfahren in Südamerika einmal mehr in den Blickpunkt gerückt. Der Landwirtschaft dort wird vorgeworfen, in der Region absichtlich Brände gelegt zu haben, um das „neugewonnene“ Land dann zum Anbau von Soja, Baumwolle und sogar Mais zu nutzen.

Dank der niedrigen Preise sind diese Produkte beliebt – auch in den EU-Mitgliedstaaten.

Die katastrophalen Umweltfolgen haben Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron nun aber dazu veranlasst, das Ziel einer europäischen „Proteinsouveränität“ vorzuschlagen. Er denkt außerdem weiterhin darüber nach, die französische Unterstützung für das Handelsabkommen zwischen der EU und dem südamerikanischen Mercosur-Block auszusetzen.

In dem im Juni veröffentlichten Bericht „Hooked on meat“ kritisiert auch die Umwelt-NGO Greenpeace, Europa verschärfe die Klimakrise mit seiner hohen Nachfrage nach Soja. Diese sei auf den wachsenden Bedarf an Futtermitteln zur Produktion von Fleisch und Milchprodukten zurückzuführen.

Greenpeace: Weniger Milch und Fleisch für das Klima

Die Welt muss die Produktion und den Verbrauch von Fleisch bis 2050 halbieren, um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen, heißt es in einem neuen Greenpeace-Bericht.

Juncker/Hogan: Es gibt nicht zu viel Fleisch, sondern nur zu wenig Soja

Ähnlich wie bei Erdöl und Erdgas ist die EU völlig abhängig von der Einfuhr von Protein-Nahrung für seine Viehhaltung. Europäische Hühner, Rinder und Schweine verzehren mehr als 37 Millionen Tonnen importiertes pflanzliches Protein.

Die scheidende Kommission von Jean-Claude Juncker ist sich des Problems bewusst und hat begonnen, sich damit zu befassen.

Junckers Team schlägt jedoch nicht vor, den europäischen Fleischkonsum zu reduzieren – der weiterhin ein absolutes Tabuthema zu bleiben scheint, obwohl er die Ursache des Problems ist. Stattdessen hat man lediglich festgestellt, Soja an sich sei „ein spezielles Problem, weil die EU lediglich fünf Prozent ihres Sojabedarfs selbst decken kann“. Darauf wies der für Landwirtschaft zuständige EU-Kommissar Phil Hogan bereits im vergangenen Jahr hin.

Gentechnisch verändertes Soja aus den Tropen

Ein weiteres Problem dürfte sein, dass in den Tropen gepflanzte gentechnisch veränderte Sojapflanzen eine weitaus höhere Produktivität aufweisen als gentechnikfreie Sojabohnen, die einige EU-Landwirte anbauen.

„Wir brauchen zusätzliche Arbeit an Saatgut, um es in Europa anbauen zu können,“ argumentiert daher Arnaud Rousseau, Präsident der Agroindustriegruppe Avril, die auch einen Sojabohnenbetrieb in der Region Ile-de-France betreibt.

In Frankreich hat sich die mit Soja bepflanzte Fläche dennoch in nur drei Jahren auf 160.000 Hektar verzehnfacht. Dies bleibt aber eher ein Tropfen auf den heißen Stein: Insgesamt werden im Land 29 Millionen Hektar zu landwirtschaftlichen Zwecken genutzt.

Als Chef der größten europäischen Biodieselgruppe fordert Rousseau die Landwirte auf, ihre Nutztiere nicht mehr mit Soja, sondern mit Rapsmehl zu füttern. Dieses habe zwar „etwas weniger Eiweiß, und die Bauern sind es nicht gewohnt. Es ist jedoch durchaus möglich, diesen Sektor zu entwickeln.“

Gerd Müller: "Ich erwarte mehr Engagement im Amazonas"

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Frankreich importiert „nur“ 45 Prozent seiner Proteinpflanzen, während der Rest Europas zwei Drittel aus anderen Ländern einführt. Die Vorschläge aus Paris, diese Situation zu ändern – vor allem wegen Frankreichs dominanter Rolle auf dem Biodieselmarkt – dürften jedoch schnell an ihre Grenzen stoßen: Aktuell ist es technisch schlichtweg nicht möglich, den europäischen Bedarf an Tierfutter mit eigenen Mitteln zu decken.

Politische Widerstände

Die französische Forderung nach „Pflanzen-Souveränität“ könnte auch aus politischen Gründen auf Widerstände stoßen.

Insbesondere der kürzlich abgeschlossene Mercosur-Deal zeigt, dass sich die EU-Länder nicht einig sind: Während Frankreich, Irland und Luxemburg aus Umweltschutzgründen oder zum Schutz ihrer eigenen Landwirtschaft nun laut über eine Aussetzung der Ratifizierung nachdenken, wollen Spanien und Deutschland das Abkommen schnellstmöglich umsetzen. Grund ist für letztere Staaten, dass sie ihre fragilen Wachstumsraten sowie ihre Exporte sichern wollen.

Diese landwirtschafts-, klima- und handelspolitischen Fragen dürften auch die neue EU-Kommission unter Ursula von der Leyen sowie das neugewählte Europäische Parlament in den kommenden Monaten (und Jahren) beschäftigen.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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