Alles für’s Olivenöl: Ein „Mittelmeer-Label“ für die EU-Lebensmittelkennzeichnung?

Italienisch-griechisch-spanisches Ärgernis: Im Nutriscore würde das essenziell wichtige Olivenöl relativ "schlecht" eingestuft. [SHUTTERSTOCK/WEYO]

Eine Art „improvisiertes Label“ als Kennzeichen für Produkte einer „mediterranen Ernährung“: Das ist der jüngste Vorschlag im EU-weiten Gezerre um die zukünftige Lebensmittelkennzeichnung. Das vorgeschlagene Label soll die zu erwartenden negativen Effekte des umstrittenen Nutriscore-Systems abfedern.

Die Idee stammt vom Ausschuss der Regionen (AdR) und wurde jüngst auf der Plenartagung der Versammlung der regionalen und lokalen Gebietskörperschaften Europa-Mittelmeer (ARLEM) vorgestellt.

In einem Bericht über die Ernährungssicherheit der Menschen im Mittelmeerraum schlug die stellvertretende Bürgermeisterin der französischen Stadt Nizza, Agnès Rampal, die Entwicklung eines „Gütesiegels für mediterrane Produkte oder mediterrane Ernährung mit einer Reihe spezifischer Kriterien sowie einen umfassenden Kommunikationsplan“ vor.

Das Modell solle dem französischen System der Qualitätskennzeichnungen Signes Officiels de Qualité et Origine (SIQO) folgen, die beispielsweise auf dem Frontetikett anzeigen, ob ein Produkt aus biologischem Anbau stammt oder eine geschützte geografische Angabe (ggA) der EU trägt.

Frankreich führt farbkodierte Lebensmittelkennzeichnung ein

Frankreichs Minister für Gesundheit, Landwirtschaft und Wirtschaft hat ein Dekret zur Einführung eines freiwilligen Kennzeichnungssystems für Lebensmittel unterzeichnet, das die Fettleibigkeit reduzieren soll.

Laut den Befürwortern würde dieses neue Label auch garantieren und unterstreichen, dass mediterrane Produkte nahrhaft und gesund sind.

Die „mediterrane Ernährung“ sei vor allem von den Ernährungsgewohnheiten in Griechenland, Süditalien und Spanien geprägt. Sie wurde erst kürzlich von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen gelobt: Diese Kost bestehe aus einem großen Anteil an Olivenöl, Hülsenfrüchten, naturbelassenem Getreide, Obst und Gemüse, mit lediglich moderaten Mengen an Fisch, Milchprodukten und Wein sowie einem noch begrenzteren Anteil an rotem Fleisch und Geflügel.

Der Kampf ums „richtige” Label

Im Rahmen der neuen EU-Lebensmittelpolitik, der „Farm to Fork“-Strategie (F2F), soll die Europäische Kommission einen Vorschlag für ein EU-weit harmonisiertes Lebensmittelkennzeichnungssystem vorlegen, das auch die ernährungsphysiologischen Aspekte von Nahrungsmitteln berücksichtigt.

Das Kennzeichnungssystem mit den größten Chancen, von der Kommission abgenickt zu werden, ist der farbcodierte Nutriscore, der von Frankreich entwickelt wurde und dort bereits im Einsatz ist.

Das Problem: Der Nutriscore stuft die genannten „Kernprodukte“ der mediterranen Ernährungsweise als relativ „schlecht“ ein.

EFSA soll sich zu Lebensmittel-Labels äußern

Die EU-Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) soll mit wissenschaftlicher Beratung die Entwicklung eines zukünftigen EU-weiten Systems zur Nährwertkennzeichnung von Lebensmitteln unterstützen.

Insbesondere Italienerinnen und Italiener argumentieren, der Nutriscore benachteilige diverse klassisch-mediterrane Produkte, da beispielsweise fetthaltige Lebensmittel – wie eben Olivenöl – eine niedrige Punktzahl erhalten.

Laut AdR-Mitglied Rampal, die das neue Lebensmittellabel vorgeschlagen hat, ist die mediterrane Ernährung hingegen sowohl ein Garant für Gesundheit als auch ein „Gewinn“ für die gemeinsame Identität im Mittelmeerraum. „Der Nutriscore sollte die Wichtigkeit dieser Punkte vollständig widerspiegeln,“ forderte sie im Gespräch mit EURACTIV.com.

Zum Hintergrund: Beim Nutriscore wird der Nährwert eines Produkts in einem „Code“ aus fünf Buchstaben von A bis E und einer entsprechenden Farbe dargestellt. Das System vergibt eine niedrige Punktzahl für Lebensmittel mit hohem Energiegehalt, gesättigten Fetten, einer großen Menge an Zucker oder Salz, und belohnt stattdessen hohe Anteile an Ballaststoffen, Proteinen sowie grundsätzlich von Obst und Gemüse.

Die Hauptbeschwerde von italienischer Seite ist, dass natives Olivenöl – bekanntlich ein essenzielles Produkt in der mediterranen Küche – mit dem „niedrigen“ Buchstaben D und der Farbe Orange klassifiziert wird.

Rampal teilte die Besorgnis über die Unzulänglichkeit des derzeitigen Nutriscore-Systems: „Der Nutriscore bewertet jedes Produkt ohne eine wirkliche Analyse der tatsächlichen Qualität der Produktion und ohne die verzehrte Menge zu berücksichtigen.“ Die mediterrane Ernährung beruhe schließlich auch auf der goldenen Regel, in Maßen zu konsumieren.

Unterschiede bei der Lebensmittelsicherheit in der EU

Die EU-Länder haben in einer Studie, die den Stand der globalen Ernährungssicherheit misst, recht unterschiedlich abgeschnitten: Insgesamt liegt die EU im globalen Ranking sehr weit vorne; es zeigen sich jedoch Diskrepanzen innerhalb des Blocks.

Rampal räumte zwar ein, dass der Nutriscore bereits Vorteile aus Sicht der öffentlichen Gesundheit sowie eine gewisse Effektivität aufgrund seines grafischen Formats gezeigt habe. „Aber wenn der Nutriscore in seiner jetzigen Form auf europäischer Ebene übernommen wird, werden einige der weltweit beliebtesten und bekanntesten Lebensmittel der mediterranen Ernährung als weniger gesund eingestuft als beispielsweise Coca-Cola Zero,“ warnte sie.

Das System „diskriminiert gesunde Lebensmittel mit einem hohen Anteil an gesättigten Fetten“.

Ausnahmen und regionale Sonder-Label?

Die Europäische Kommission wollte ihrerseits nicht kommentieren, ob es im künftigen Rahmenwerk für Lebensmittelkennzeichnungen Platz für zusätzliche regionale Angaben geben könne. Ebenso wenig wurde beantwortet, ob die Gefahr besteht, dass eine solche Kennzeichnung den Binnenmarkt fragmentieren könnte.

Die Exekutive hat jedoch schon immer jegliche nationalen Versuche, die Frage der Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln zu regeln, missbilligt.

In einer Rede im vergangenen September hatte Landwirtschaftskommissar Janusz Wojciechowski dementsprechend auch gesagt, die Verabschiedung nationaler Maßnahmen sei nicht der geeignete Weg, um auf die gestiegene Nachfrage der Verbraucherinnen und Verbraucher nach Informationen zu Herkunft und Nährstoffgehalt der gekauften Lebensmittel zu reagieren.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]

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