Agroforstwirtschaft: Ein großer Schritt für Landwirtschaft und Klimaschutz

Agroforstsysteme sind nicht nur klimaschonend, sondern steigern auch die Biodiversität und die Gesundheit des Bodens. [Shutterstock / UllrichG]

Der Bundestag berät und entscheidet heute darüber, ob Agroforstwirtschaft künftig als Landnutzungsform anerkannt wird und damit im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) in Deutschland förderfähig wäre. Geht der Antrag der Regierungsparteien erwartungsgemäß durch, könnte die Landwirtschaft in Zukunft klimaschonender gestaltet werden.

Bei der Agroforstwirtschaft kann Wald mit Ackerkulturen und Tierhaltungsfläche kombiniert werden. Das bedeutet, dass auf ein und demselben Stück Land sowohl Bäume als auch Nutzpflanzen wachsen und/oder dort Weideland für die Viehhaltung entstehen kann.

Bisher ist diese Landnutzungsform im Agrarsektor nicht anerkannt. Das führt dazu, dass Landwirte zwar freiwillig Agroforstwirtschaft betreiben können, sie dafür aber keine Subventionen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU erhalten. Folglich ist es derzeit nicht lukrativ, bei der Landnutzung auf diese Kombinationsform zu setzen.

Vorteile hätte es jedoch, Bäume und andere Hölzer auch auf Agrarflächen zu pflanzen, sagt Christian Böhm vom Lehrstuhl für Bodenschutz und Rekultivierung der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU): “In der oberirdischen und unterirdischen Holzbiomasse kann sehr viel CO2 gespeichert werden.” Dementsprechend könnten Agrarflächen mehr denn je auch als Kohlenstoffsenken funktionieren – und landwirtschaftliche Betriebe hätten die Möglichkeit, ihre Emissionen eigenständig zu kompensieren.

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Nebenbei das Klima schützen

Eine Studie des Bodenforschers Böhm zeigt: Wenn die Hälfte des deutschen Ackerlandes agroforstwirtschaftlich genutzt wird und wiederum zehn Prozent dieser Fläche für den Anbau von Agroforstgehölzen verwendet wird, erreicht man durch das Bindungspotential der Holzmasse einmalig eine Emissionsbindung von zehn Millionen Tonnen CO2 inklusive dessen Äquivalente. Das entspricht etwa 14 Prozent der jährlichen Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft (Stand 2014).

Interessant sei jedoch, betont der Wissenschaftler im Gespräch mit EURACTIV Deutschland, dass die Klimaschutz-Effekte der Agroforstwirtschaft fast „nebenbei“ entstehen, denn sie biete noch zahlreiche weitere Vorteile. Neben erhöhter Biodiversität sowie besserem Boden- und Gewässerschutz könnte sich das Pflanzen von Bäumen auch ökonomisch rentieren: “Agroforstsysteme können bei der Klimaanpassung einen ganz wesentlichen Beitrag für eine zukunftsfähige Landwirtschaft leisten. Sie bremsen den Wind auf Ackerflächen und gleichen Temperaturschwankungen aus.”

Dies führe beispielsweise zu geringerer Verdunstung. Das eingesparte Wasser stünde den Pflanzen so wieder für das Wachstum – und höheren Ertrag – zur Verfügung.

Agrarminister sauer, Kommission rudert beim Thema GAP zurück

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GAP-Subventionen für Agroforstwirtschaft 

In der heutigen Bundestagsdebatte und der anschließenden Abstimmung über eine Reihe von Anträgen verschiedener Fraktionen geht es vordergründig um die formale Anerkennung der Agroforstwirtschaft. Sowohl die Anträge der Fraktionen CDU/CSU und SPD als auch die der Grünen sowie der Linken fordern die Bundesregierung auf, durch diese Anerkennung für Rechtssicherheit der Landwirte zu sorgen, wenn diese Agroforstwirtschaft betreiben wollen.

Noch müssen Landwirte befürchten, dass sie agroforstwirtschaftlich angebautes Gehölz nicht selbst verwenden oder wieder beseitigen dürfen. Das verbietet der Gesetzgeber derzeit noch. Zudem müssen Landwirte Agroforstflächen bei der Antragstellung für GAP-Förderungen herausgerechnet werden – und das obwohl im Klimaschutzprogramm 2030 der Bundesregierung vom Ausbau der Förderung für Agroforstsysteme die Rede ist.

Auch das Bundeslandwirtschaftsministerium nennt Agroforstwirtschaft als Möglichkeit, um Agrarböden zu schützen, den Humusaufbau zu steigern sowie Klimaschutz und Biodiversität zu erhöhen.

Eine Klärung der Diskrepanz zwischen den Vorhaben des Bundes und dem bestehenden gesetzlichen Rahmen könnte langfristig dafür sorgen, dass Agroforstsysteme durch Direktzahlungen der ersten Säule der GAP förderfähig wären. Dieser Schritt wäre auch im Sinne der EU, denn sowohl die Farm-to-Fork-Strategie als auch die Biodiversitätsstrategie aus Brüssel nennen Agroforstsysteme als potenzielle Lösungsoption.

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Im Interview mit EURACTIV Frankreich spricht der grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner darüber, wie „Farm to Fork“ und die neue GAP aussehen sollten.

Regierung und Opposition ziehen an einem Strang

Vor diesem Hintergrund ist es zwar wenig verwunderlich, aber in der Sache doch bemerkenswert, dass sowohl Regierungsparteien als auch die Opposition ähnlicher Auffassung sind. Agroforstsysteme sollen sich künftig positiv auf das Klima, den Ernteertrag und die finanzielle Situation der Landwirte auswirken.

Bodenforscher Böhm mahnt jedoch, dass ein System geschaffen werden müsse, das die Landwirte tatsächlich unterstütze. Es bringe nichts, wenn Agroforstsysteme auf dem Papier zwar förderfähig sind, aber die Rahmenbedingungen so ungünstig, dass in der Praxis kein Betrieb solche Maßnahmen durchführt. Dabei sei die Nachfrage nach Agroforstsystemen durch die vergangenen trockenen drei Jahre deutlich gestiegen: “Viele Betriebe haben Existenzprobleme und überlegen sich jetzt, was sie tun können, um künftige Dürrejahre besser überbrücken zu können. Agroforstwirtschaft ist ein Werkzeug, um ein stabileres Landnutzungssystem zu errichten,” so Böhm.

Nach der heutigen Abstimmung im Bundestag ist das Thema noch nicht erledigt. Das liegt zum einen an der genauen Ausgestaltung des zukünftigen gesetzlichen Rahmens für Agroforstsysteme in Deutschland, zum anderen aber auch an den anstehenden Trilog-Verhandlungen zur GAP in Brüssel.

Denn sowohl die Anträge von CDU/CSU/SPD als auch die der Grünen und Linken fordern die Bundesregierung auf, sich auch auf EU-Ebene für eine bessere Förderung der Agroforstwirtschaft einzusetzen.

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