„Agritech“ macht sich in Frankreich breit

shutterstock_772107739 [Shutterstock]

This article is part of our special report Wie revolutioniert die Technologie den Agrarsektor?.

Technologie ist bereits heute nahezu überall auf Frankreichs Bauernhöfen zu finden, aber die „Agritech“-Industrie will die Innovation weiter vorantreiben: Rund 250 französische Start-ups haben sich bereits auf die Landwirtschaft spezialisiert und arbeiten an der Entwicklung von Software, Drohnen, Robotern, künstlicher Intelligenz und Satelliten. EURACTIV Frankreich berichtet.

Noch in den 1960er Jahren wurden in Frankreich Zugpferde auf den Feldern eingesetzt. Seitdem hat die Technologie jedoch in rasantem Tempo Einzug in die europäische Landwirtschaft gehalten.

Zwar mag es für Pferde aktuell ein gewisses Comeback für bestimmte landwirtschaftliche Aktivitäten wie den ökologischen Weinbau geben, doch dies geschieht nur in kleinem Maßstab.

Ganz anders die High-Tech-Innovationen: „Heute haben wir fast autonome Traktoren, die kaum noch Fahrer benötigen,“ freut sich Stéphane Marcel, Leiter für Digitaltechnik bei InVivo. Steuerungstechnologien, der Einsatz von Satelliten zur Geolokalisierung von Arbeitsabläufen, aber auch Smartphones, Software und sogar Drohnen sind heute für viele Landwirte ein fester Bestandteil ihres täglichen Arbeitslebens.

EU-Rechnungshof glaubt an das Potenzial der digitalisierten Landwirtschaft

Die Präzisionslandwirtschaft scheint bei Landwirten und Gesetzgebern immer mehr an Akzeptanz zu gewinnen. Auch der EU-Rechnungshof hat nun den erwarteten Mehrwert hervorgehoben.

In Frankreich hat sich die agronomische Forschung, die von den öffentlichen Behörden traditionell immer breit unterstützt wurde, nun in Richtung „Agritech“ verlagert. Die Ziele sind klar: Mit weniger mehr produzieren; besser und näher an den KundInnen produzieren; aus der Ferne, aber ohne Arbeitskräfte produzieren; nachhaltig produzieren.

Der gemeinsame Nenner ist dabei „Innovation“, doch die Motivationen, sich im Bereich „Agritech“ zu engagieren, sind vielfältig. Die Vereinigung „Ferme digitale“ – die paradoxerweise in einem Pariser Vorort angesiedelt ist – umfasst beispielsweise 45 Projekte, die versuchen, digitale Technologien in landwirtschaftlichen Betrieben einzuführen, mit so unterschiedlichen Zielen wie der Entwicklung von Bio-Düngemitteln, der Einrichtung von Marktplätzen, um Händler wie Amazon zu umgehen, der Schaffung von Software zur Entscheidungsunterstützung oder auch der partizipativen Finanzierungsplattform Miimosa.

Fast 250 Start-ups

Insgesamt konzentrieren sich fast 250 Start-ups in Frankreich auf den Agrarsektor. Auf der genossenschaftlichen Seite entwickelt auch die InVivo-Gruppe, die 3.000 Unternehmen umfasst, ein breiteres Angebot an technischen Produkten und Dienstleistungen.

Deren Smag-Software deckt rund zehn Millionen Hektar des französischen Agrargebiets ab. Die Software ermöglicht den Landwirten Zugriff auf querverweisende Informationen auf ihrem Smartphone, unter anderem über das Wetter, optimale Daten zum Sprühen von Dünger, zu Saatgut, Düngeplänen und der Einhaltung von gesetzlichen Vorschriften.

Digitale Landwirtschaft: Es gibt auch Risiken

Für die Landwirte könnten neue Abhängigkeiten von multinationalen Unternehmen entstehen, warnen NGOs.

„In Frankreich sind es tatsächlich oft komplizierte regulatorische Auflagen, die den Einsatz von Software vorantreiben – während anderswo die Technologien eher zur Optimierung der Produktivität entwickelt werden,“ so Stéphane Marcel. Neben der genauen Achtung von Grasflächen oder bisherigen Wasserläufen müssen die Landwirte beispielsweise computergestützte Ausbringungsaufzeichnungen führen. Software ist auch in der Tierhaltung überaus präsent, insbesondere aufgrund der aufwändigen Handhabung von tierärztlichen Vorschriften und Behandlungen.

Die neue Welle der „Agritech“ bringt derweil auch spezifischere Innovationen hervor, insbesondere wenn es um die Präzisionslandwirtschaft geht. Dabei geht es um die Kartierung und Überwachung geologischer und darauffolgend pflanzlicher Daten für ein Feld, so dass die Inputs (Saatgut, Dünger, Wasser usw.) perfekt an die lokalen Bedürfnisse angepasst werden können.

Das Unternehmen Be Api schlägt daher vor, die Landwirtschaftsflächen sehr genau zu kartieren und je nach Fruchtbarkeits- und Expositionsniveau innerhalb derselben Parzelle verschiedene Anbauverfahren vorzuschlagen: mehr oder weniger Saatgut, Wasser, Stickstoff, Herbizide usw. Die Präzisionslandwirtschaft wird somit auch als eine Lösung für den übermäßigen Einsatz von Pestiziden angesehen.

Unterstützung durch Algorithmen und Satelliten

Auch die Steuerung und Handhabung der gesamten Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU entwickelt sich dank einer Stärkung der Hightech-Innovationen und Algorithmen weiter. Bisher waren die 59 Milliarden Euro, die den Landwirten zur Verfügung gestellt werden, nicht selten Gegenstand von Betrug. Dies versuchen die zahlenden Behörden verständlicherweise einzudämmen.

Die Beihilfen werden nach bestimmten Kriterien vergeben. Die Festlegung dieser kann auch Kosten für den Landwirt darstellen, der wiederum seinerseits ein (potenzielles) Interesse daran hat, bestimmte Informationen der Zahlstelle zu erhalten, wie die OECD in ihrem Bericht über „Digitale Chancen in der Agrarpolitik“ analysiert hat. So könnten beispielsweise Satellitenbilder eine Antwort auf die bisher nicht ausreichenden Informationen bieten, heißt es.

Industrie fordert "klares Bekenntnis" zur Digitalisierung der Landwirtschaft

Aus Sicht der Industrie ist die Digitalisierung der Landwirtschaft der einzige Weg zur Bewältigung der aktuellen ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen.

In Zusammenarbeit mit der Europäischen Weltraumorganisation liefern zwei Satelliten – Sentinel 1 und 2 – permanente und präzise Bilder von landwirtschaftlichen Nutzflächen sowie hochpräzise Informationen über diese Flächen. Diese Informationen umfassen die Art der angebauten Pflanzen und die genaue Größe der Parzellen. Die Technologie ist auch in der Lage, zu analysieren, ob das Land brachliegt oder nicht. Die Daten werden als Open Source verteilt, was für Entwickler im datengesteuerten Teil der Landwirtschaftstechnologie ein wichtiger Vorteil ist.

Was die Überwachung der der GAP unterliegenden landwirtschaftlichen Tätigkeit anbelangt, so setzen insbesondere Italien, Spanien und Belgien bereits neue Technologien ein, um festzustellen, ob Flächenbeihilfen gewährt werden sollten oder nicht. Auf diese Weise könnten mindestens 80 Prozent der Gelder effektiver verteilt werden.

Das sieht auch der Europäische Rechnungshof so und moniert daher, dass bisher lediglich diese drei Länder derartige Technologien einsetzen. Die RechnungsprüferInnen kritisieren vor allem, die Europäische Kommission habe die entsprechenden Methoden anderer EU-Mitgliedstaaten, die ebenfalls Satellitendaten nutzen wollen, bisher noch nicht validiert.

"Die Bedeutung der digitalen Landwirtschaft ist vielen Politikern nicht klar"

Die wichtige Verbindung zwischen digitalisierter Landwirtschaft und nachhaltiger Lebensmittelproduktion ist in den Köpfen der meisten Politiker noch nicht angekommen, sagt Bruno Tremblay von Bayer im Interview.

"Smart Villages" in Tschechien: Infrastruktur selber machen?

Ländliche Regionen sehen sich diversen Problemen in Bezug auf Demografie, Landflucht, Versorgungsdienstleistungen und Digitalisierung gegenüber. Mit dem Konzept „Smart Village“ sollen diese negativen Trends angepackt werden. 

LEAK: Kommission entwirft Plan zur Schaffung eines einheitlichen EU-Datenraums bis 2030

Die EU will bis zum Ende des Jahrzehnts einen echten Binnenmarkt für Daten schaffen, der ihrer Wirtschaftskraft entspricht, wobei neun „strategische Sektoren“ Vorrang haben und bis zu sechs Milliarden Euro für Investitionen in Datenzentren aufgewendet werden sollen.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.