Agrarindustrie fordert: Mehr Digitalisierung in der Landwirtschaft

Da ist noch Luft nach oben, glaubt die Agrarindustrie mit Blick auf die Präzisionslandwirtschaft. [Shutterstock]

This article is part of our special report Die E-Modernisierung der GAP.

Die lange ersehnte Digitalisierung der EU-Landwirtschaft steht bereits seit einigen Jahren im Mittelpunkt der Debatten. Die endgültige Umsetzung scheint jedoch auch in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach 2020 noch unklar zu sein.

Die Digitalisierung gilt als Weg, um der EU-Landwirtschaft zu helfen, ihre Position in einem zunehmend wettbewerbsorientierteren globalen Umfeld zu sichern und gleichzeitig den Sektor grüner und nachhaltiger zu machen.

Die Agrar- und Ernährungsindustrie drängt auf eine rasche Einführung neuer Technologien. Sie hat die politischen Entscheidungsträger aufgefordert, Anreize für einen digitalen Umschwung und einen Nachhaltigkeitsrahmen zu schaffen, damit die Landwirte den „digitalen Sprung wagen können“.

Auch Beamte der Europäischen Kommission haben geäußert, die EU dürfe Innovation und Digitalisierung nicht verschlafen.

Europäische Dörfer müssen "smart" werden

Der vermehrte Einsatz sogenannter e-Tools in ländlichen Gebieten wird es Dörfern und Kleinstädten ermöglichen, agiler zu handeln, ihre Ressourcen besser zu nutzern sowie ihre Attraktivität und die Lebensqualität für die Einwohner verbessern, schreiben die MEPs Franc Bogovic und Tibor Szanyi.

Die EU-Exekutive will vor allem, dass sich der Sektor vermehrt auf die sogenannte Präzisionslandwirtschaft konzentriert. Das Ziel dabei: Mit weniger Aufwand mehr zu produzieren. Bei der intelligenten Präzisionslandwirtschaft soll ein Landwirt durch den Einsatz neuer Technologien (beispielsweise Drohnen und Sensoren) dann in der Lage sein, sich digital um das kleinste Detail seines Betriebs zu kümmern, von der Bewässerung bis zum Sprühen von Pestiziden.

In der Praxis soll somit auch die Umweltbelastung reduziert werden, indem die perfekte Menge an Inputs (Wasser, Dünger, Pflanzenschutzmittel etc.) genutzt wird.

Angst vor Re-Nationalisierung der GAP

In ihren neuen GAP-Vorschlägen hat die Kommission den Mitgliedstaaten viel Raum gelassen, ihre nationalen Agrar-Strategien nach den jeweiligen individuellen Bedürfnissen zu gestalten. Dieser maßgeschneiderte Ansatz hat jedoch auch die Diskussion über eine befürchtete „Re-Nationalisierung“ der GAP angeheizt.

Eine übermäßige Verschiebung der Kompetenzen auf Nationalstaatsebene wird von der Kommission offiziell verneint. In einem Interview mit EURACTIV Rumänien betonte EU-Agrarkommissar Phil Hogan kürzlich, in der nächsten GAP würden die Mitgliedstaaten und nicht die Europäische Kommission die genaue Unterstützung und Finanzierung für Innovation und Digitalisierung der Landwirtschaft steuern.

„Auf diese Weise hängen die tatsächlichen Aufwendungen für die Präzisionslandwirtschaft also von den lokalen Bedürfnissen und den Mitteln ab, die die Mitgliedstaaten aus den ihnen zugeteilten GAP-Geldern für diesen Bereich bereitstellen wollen,“ so Hogan.

Seine Schlussfolgerung: „Die Erfahrungen mit der derzeitigen GAP – die ja auf 28 Mitgliedstaaten mit unterschiedlichen Klimazonen, Produktionsmethoden und Traditionen angewendet wird – zeigen, dass Brüssel einfach nicht mehr bestimmen kann und sollte, was in den einzelnen Mitgliedstaaten zu tun ist.“

EU-Landwirte begrüßen GAP-Vereinfachung, warnen aber vor Nationalisierung

Die EU-Landwirte begrüßen eine Vereinfachung der GAP-Prozesse, weisen aber gleichzeitig jegliche Re-Nationalisierung des größten EU-Politikfelds zurück.

In ihren Vorschlägen betont die Kommission auch die Rolle der neuen Technologien bei der Vereinfachung von Betriebskontrollen oder zur Kontrolle beispielsweise der Fruchtfolge. Letzteres ist eine der Anforderungen der GAP zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und der Bodengesundheit.

Kritiker warnen hingegen, die Mitgliedstaaten könnten ohne einen konkreten EU-weiten Ansatz schlichtweg nicht auf innovationsgetriebene Lösungen setzen.

Falscher Fokus?

Darüber hinaus wird der Exekutive vorgeworfen, dass sie sich überproportional auf die Kontrollen und nicht auf die praktische Digitalisierung des Sektors vor Ort, also in den Betrieben und auf den Feldern, konzentriert.

Yara, ein multinationales Düngemittel- und Pflanzenernährungsunternehmen, kritisierte dementsprechend gegenüber EURACTIV: „In den aktuellen Vorschlägen und Diskussionen zur GAP beobachten wir eher eine Politik, in der über Digitalisierung und IT die Überwachung und Einhaltung von Regularien erleichtert werden soll – statt einer Politik, die die Einführung und Anwendung dieser revolutionären Techniken in der tatsächlichen Landwirtschaft fördert.“

Yara ist davon überzeugt, dass die Präzisionslandwirtschaft sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus ökologischer Sicht ein „Win-Win“-Unterfangen ist. Aber: „In der EU gibt es immer noch ein riesiges ungenutztes Potenzial an Vorteilen im Zusammenhang mit dem breiteren Einsatz von Präzisionslandwirtschaft. Die Präzisionslandwirtschaft würde voll und ganz zu einer GAP passen, die sich in Richtung umweltfreundlicherer Maßnahmen entwickeln will.“

Bessere Kommunikation, bessere Anreize

Yara ist außerdem der Ansicht, die Präzisionslandwirtschaft komme sowohl Landwirten als auch Verbrauchern zugute, sollte aber besser erklärt und kommuniziert werden – eine Ansicht, die auch Bruno Tremblay von Bayer teilt.

„Ich denke, dass der Zusammenhang zwischen digitaler Landwirtschaft und nachhaltiger Produktion in den Köpfen vieler politischer Entscheidungsträger noch nicht ganz angekommen ist,“ sagte er gegenüber EURACTIV.

"Die Bedeutung der digitalen Landwirtschaft ist vielen Politikern nicht klar"

Die wichtige Verbindung zwischen digitalisierter Landwirtschaft und nachhaltiger Lebensmittelproduktion ist in den Köpfen der meisten Politiker noch nicht angekommen, sagt Bruno Tremblay von Bayer im Interview.

Yara schlug eine Reihe von Maßnahmen vor, die dazu beitragen könnten, die Präzisionslandwirtschaft in der EU schneller umzusetzen. Einer davon ist die Unterstützung von Nährstoffmanagementplänen. Yara unterstützt auch Subventionen, um die Übernahme neuer Technologien zu belohnen:  „Jeder Schritt auf dem Weg“ müsse unterstützt werden.

Derartige finanzielle Belohnungen sollten daher „nicht für das Erreichen eines Endziels (zum Beispiel bestimmte Grenzwerte, Auslaugraten oder Produktionssteigerungen in Prozent) sondern für schrittweise Verbesserungen“ gezahlt werden.

In einer Unternehmensmitteilung wird außerdem mehr Flexibilität gefordert: „Es ist auch möglich, Anreize für die Einführung einer intelligenten Landwirtschaft zu schaffen, indem man Landwirten, die die Präzisionslandwirtschaft einsetzen wollen, die Flexibilität gibt, ihre Praktiken an die entsprechenden agronomischen und ökologischen Bedingungen anzupassen.“

Daten für alle

Auf der Tagung „Digital and Precision Farming: Challenges and Opportunities for Farmers and Smart Villages“ am 24. September im Europäischen Parlament stellte auch Daniel Azevedo vom EU-Landwirtschaftsverband Copa-Cogeca fest, dass die Vorschläge der Kommission ehrgeiziger sein könnten.

„Wir erkennen an, dass die Kommissionsdirektion für Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit der Generaldirektion Kommunikationsnetze ebenso wie alle Dienste der GD Forschung viele Programme zur Präzisionslandwirtschaft durchgeführt haben,“ sagte er, fügte jedoch hinzu, es gebe nach wie vor einige Probleme mit Regelungen, die manchmal „Innovationen behindern“.

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Auch er forderte, die Satellitensysteme Galileo und Copernicus sollten nicht nur von den Kontrollbehörden, sondern auch von den Landwirten selbst für ihre Arbeit genutzt werden.

Der Copa-Chef verwies in dieser Hinsicht auf das Baltikum: „Wir haben ein großartiges Beispiel in Estland, wo alle Karten für die Bauern verfügbar sind. Der Landwirt hat einen Benutzernamen, er loggt sich ein und hat Zugang [zu landwirtschaftlichen Daten].“

*Unter Mitarbeit von Gerardo Fortuna.

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