Agrarforstwirtschaft: Landwirte brauchen Unterstützung und Rückversicherung

Agrarforstwirtschaft lässt sich definieren als die Integration von Waldvegetation, Nutzpflanzen und/oder Vieh auf derselben Landfläche. [SHUTTERSTOCK]

„Agrarforstwirtschaft“ wird offenbar immer wichtiger: Der Begriff taucht nun sowohl im Green Deal auf – dem Plan der Europäischen Kommission, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen – als auch in der neuen Lebensmittelpolitik der EU, der Farm to Fork (F2F)-Strategie.

“Die Kommission wird dafür sorgen, dass diese Strategiepläne anhand solider Klima- und Umweltkriterien bewertet werden. Diese Pläne sollten zur Nutzung von nachhaltigen Verfahren wie Präzisionslandwirtschaft, ökologischem Landbau, Agrarökologie, Agrarforstwirtschaft und strengeren Tierschutzstandards führen,” heißt es in der Mitteilung der Kommission zum Green Deal.

Ebenso wird in der F2F-Strategie festgehalten: „Mit den neuen „Öko-Regelungen“ wird eine wichtige Finanzierungsquelle zur Förderung nachhaltiger Verfahren wie Präzisionslandwirtschaft, Agrarökologie (einschließlich ökologischem Landbau), klimaeffiziente Landwirtschaft und Agrarforstwirtschaft bereitgestellt.“

Agrarforstwirtschaft lässt sich definieren als die Integration von Waldvegetation, Nutzpflanzen und/oder Vieh auf derselben Landfläche; entweder durch Baumpflanzungen auf landwirtschaftlich genutzten Flächen oder durch die Aufnahme von Landwirtschaft in bestehende Waldflächen oder Obstplantagen.

Laut der europäischen Agrarforstorganisation EURAF gibt es derzeit rund 20 Millionen Hektar Agrarforstwirtschaft in der EU.

Nach Schätzungen von EURAF könnten hingegen fast 90 Prozent der europäischen Grünlandfläche mit einer Waldweidenwirtschaft genutzt werden, bei der Bäume, Futter und Weideland kombiniert werden; und mehr als 99 Prozent des europäischen Ackerlandes wären für derartige Waldweiden geeignet.

Strategien für den Wald

Der deutsche Wald leidet unter dem Klimawandel. Darauf sollen die deutschen Waldtage aufmerksam machen, die am heutigen Freitag (18. September) beginnen. In Berlin und Brüssel arbeitet man daher an Strategien, den Wald zu schützen.

Die Agrarforstwirtschaft wird sowohl in ökonomischer als auch in ökologischer Hinsicht oftmals als eine „Win-Win“-Lösung erachtet. Neben den offensichtlicheren Vorteilen des Anbaus von Bäumen auf landwirtschaftlich genutzten Flächen, wie beispielsweise der gemeinsamen Produktion von Holz und Baumfrüchten, hat die Agrarforstwirtschaft auch erhebliche ökologische Vorteile. Dazu gehört ihr Beitrag zum Hochwasserschutz, zur CO2-Bindung und -Speicherung, zur Regeneration der Böden und zur Artenvielfalt.

Die Agrarforstwirtschaft berge daher ein enormes Potenzial als Beitrag zu den Nachhaltigkeitszielen sowie den Zielen des Green Deal der EU, meint Gerry Lawson, Förster und Mitglied der EURAF. Im Gespräch mit EURACTIV.com betont er, es müsse mehr getan werden, um diese Bewirtschaftungspraxis in der gesamten EU voranzubringen.

Ein Haupthindernis für Landwirte bestehe indes in der fehlenden Garantie, dass das Pflanzen von Bäumen auf ihrem Land weder jetzt noch in Zukunft die Direktzahlungen aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) gefährden könnte, so Lawson. „Dies ist ein echtes Anliegen der Landwirte,“ betont er und verweist auf die aktuellen GAP-Regelungen, die eine Begrenzung der Baumdichte auf 100 Bäume pro Hektar vorsehen.

Diese Begrenzung habe dazu geführt, dass die Landwirte vor der Einführung, Förderung und Anwendung agrarforstwirtschaftlicher Praktiken zurückschrecken.

Ursprünglich war die Begrenzung dazu gedacht, die landwirtschaftliche Produktion zu sichern. Offensichtlich trägt sie jedoch nicht der Tatsache Rechnung, dass unter und zwischen Bäumen ebenfalls eine beträchtliche landwirtschaftliche Produktion erzielt werden kann.

"Farm-to-Fork"-Entwurf: Mit Blick auf Emissionen aus der Tierhaltung und das Tierwohl

Der jüngste Entwurf der „Farm to Fork“-Strategie (F2F), den EURACTIV einsehen konnte, enthält einige bemerkenswerte Änderungen gegenüber der vorherigen Version, darunter auch die Hervorhebung der möglichen Rolle der Tierhaltung bei der Reduzierung von Treibhausgasemissionen und die Optionen für ein Tierwohllabel.

Allerdings, so Lawson, haben die EU-Mitgliedsstaaten laut einem Arbeitspapier des Europäischen Rates in der neuen GAP bald völlige Flexibilität, um volle Direktzahlungen auf Feldern mit Agrarforstwirtschaft zu leisten. Diese Flexibilität sei jedoch nur unzureichend mit den Landwirten kommuniziert worden.

In Zukunft würden die Mitgliedsstaaten den Spielraum haben, „um sicherzustellen, dass landwirtschaftliche Flächen mit Agrarforstwirtschaft voll zuschussfähig sind, wenn dies aufgrund der lokalen Besonderheiten (z.B. Dichte/Art/Größe der Bäume und pedoklimatische Bedingungen) und des Mehrwerts des Vorhandenseins von Bäumen gerechtfertigt ist, um eine nachhaltige landwirtschaftliche Nutzung des Landes zu gewährleisten“, heißt es in dem Papier.

Lawson fordert: „Diese Flexibilität muss den Landwirten aber auch klar kommuniziert werden. Und es muss ihnen versichert werden, dass das Pflanzen von Bäumen auf ihrem Land nicht bedeutet, dass sie finanziell abgestraft werden könnten.“

Vielmehr müsse deutlich gemacht werden, dass Engagement im Bereich Agrarforstwirtschaft unterstützt werde.

LEAK: Diese Green-Deal-Initiativen verzögern sich

Die Europäische Kommission hat aufgrund der Coronavirus-Krise ihr Arbeitsprogramm für 2020 überarbeitet. Obwohl die Klimapolitik im Großen und Ganzen auf Kurs bleiben soll, werden sich einzelne Initiativen im Rahmen des Green Deal verzögern.

Lawson betont auch, es gebe Probleme bei der ordnungsgemäßen Überwachung der Agrarforstwirtschaft in der EU.

In Bezug auf das derzeit in der Entwicklung befindliche Nachhaltigkeitsinstrument der Kommission für landwirtschaftliche Betriebe (farm sustainability tool, FaST) müsse dafür gesorgt werden, dass das Kartierungsinstrument die Auswirkungen der landwirtschaftlich genutzten Bäume auf Nährstoffe und Treibhausgasemissionen einbezieht.

FaST soll eine weltweit führende Plattform zur Unterstützung einer nachhaltigen und wettbewerbsfähigen Landwirtschaft auf der Grundlage von Weltraumdaten werden.

Aber: „Keines der Horizon-2020-Projekte für FaST schließt Bäume ein, was bedeutet, dass es eine große Forschungslücke gibt,“ kritisiert Lawson und fügt hinzu, dass mehr Arbeit geleistet werden müsse, um enger mit dem EU-Forschungsprojekt zusammenzuarbeiten.

Nur so könne sichergestellt werden, dass die Vorteile der Agrarforstwirtschaft in Zukunft angemessen berücksichtigt werden.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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