Afrikanische Landwirte irritiert von strengen EU-Pestizidregeln

"Der ehrgeizige Green Deal scheint ein gutes Dokument für die EU zu sein, aber nicht für Afrika", so Okisegere Ojepat, Geschäftsführer des kenianischen Konsortiums für Frischprodukte. [SHUTTERSTOCK/MAGNEVISION]

Die strenge Linie der EU in Bezug auf Einfuhrtoleranzen für Pestizide wird zwar von einem Teil der europäischen Zivilgesellschaft begrüßt, kann aber afrikanischen Lebensmittelproduzent:innen viel Kopfzerbrechen bereiten. Diese befürchten, vom Binnenmarkt ausgeschlossen zu werden und keine Alternativen zum Schutz ihrer Kulturen zu haben.

Im Rahmen der Lebensmittel-Flaggschiffstrategie der Kommission, der Farm-to-Fork-Strategie, hat sich die EU dazu verpflichtet, bei der Prüfung von Anträgen auf Einfuhrtoleranzen für in der EU nicht zugelassene Pestizide, Umweltaspekte zu berücksichtigen. Gleichzeitig sollten WTO-Standards und -Verpflichtungen eingehalten werden.

Daher wird die Kommission Umweltfragen von globalem Interesse, die über nationale Grenzen hinausgehen, Priorität einräumen.

Laut einem Kommissions-Beamten bedeutet dies in der Praxis, dass dieselben EU-Rechtsvorschriften zur Festlegung von Rückstandshöchstgehalten – einschließlich Einfuhrtoleranzen – für alle Lebensmittel gelten, unabhängig davon, ob sie im Inland produziert oder importiert werden, unabhängig vom Herkunftsland der Lebensmittel.

Abgesehen von den ökologischen Gründen möchte man damit auch der Forderung der europäischen Lebensmittelhersteller nachkommen, dass Importprodukte die gleichen Umweltstandards erfüllen sollten, die Unternehmen innerhalb des Binnenmarkts im Rahmen des Europaischen Green Deals einhalten müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die neue Haltung zu Pestizidrückständen hat jedoch negative Auswirkungen auf die afrikanischen Landwirt:innen. Agrarproduzenten in Afrika sind der Meinung, dass die Erfüllung dieser Vorgaben, wenn sie ihre Produkte nach Europa verkaufen wollen, ein großes Handelshindernis darstellen könnte.

„Die Situation ist sehr heikel und wir können nicht davor weglaufen“, sagte der Geschäftsführer des kenianischen Konsortiums für Frischprodukte, Okisegere Ojepat, gegenüber EURACTIV.

Da der afrikanische Kontinent größtenteils in der tropischen Zone liegt, sind die dortigen Landwirt:innen Pflanzenschädlingen stark ausgesetzt. Letztes Jahr erlebte Ostafrika die schlimmste Heuschreckenplage seit Jahrzehnten. Das Horn von Afrika wurde von Schwärmen von Insekten heimgesucht, die ganze Ernten vernichteten.

Laut Ojepat drängt die EU Afrika dazu, ihre eigenen spezifischen Ziele umzusetzen, ohne ausreichende Alternativen anzubieten.

„Die EU sagt: ‚Schließt diese Tür‘, ohne unserem Volk zu zeigen, wo die Tür zum Ausgang ist, während sie in der Lage sein sollte, Lösungen und Alternativen anzubieten, die gleichwertig funktionieren“, beklagte er.

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Erste Schritte

Die Kommission hat das Verfahren zur Senkung der Rückstandshöchstgehalte (MRL) für Clothianidin und Thiamethoxam auf die Bestimmungsgrenze, das heißt auf technisch null, eingeleitet.

Der Vorschlagentwurf hätte eigentlich noch vor Ende des Jahres von der Kommission vorgelegt werden sollen, wurde aber letztlich auf das erste Halbjahr 2022 verschoben.

Umweltorganisationen begrüßten Zusage der Kommission in der Farm-to-Fork-Strategie, die Einfuhrtoleranzen zu streichen, zunächst für Clothianidin und Thiamethoxam.

„Wir fordern die Mitgliedsstaaten und die Kommission auf, schneller und kohärenter zu handeln. Das bedeutet, dass wir von einem Ansatz für eine Substanz, der Jahrzehnte dauern würde, zu einer umfassenden Null-Toleranz-Politik für Importtoleranzen für in der EU verbotene Pestizide übergehen müssen“, sagte ein Sprecher von Pesticide Action Network Europe (PAN Europe) gegenüber EURACTIV.

Einer Quelle der Kommission zufolge werden bei der Bewertung von Anträgen auf Einfuhrtoleranzen für Pestizide vor allem zwei Gruppen von Substanzen als globale Umweltprobleme identifiziert.

Bei der ersten handelt es sich um Stoffe, die für den weltweiten Rückgang der Bestäuber verantwortlich sind. Einige Substanzen aus der Gruppe der Neonicotinoide sind als besonders giftig für Bienen eingestuft worden und tragen somit erheblich zum Rückgang der Insektenbestäubung bei.

Der Kommission zufolge sind Neonicotinoide nicht die einzigen Risikofaktoren für Bienen, aber es ist bekannt, dass sie erheblich zum Rückgang der Bienenpopulationen weltweit beitragen.

Die zweite Gruppe betrifft Stoffe, die in der Umwelt langlebig, bioakkumulierbar und toxisch sind oder generell sehr langlebig und sehr bioakkumulierbar sind.

Was Afrika betrifft, betrifft auch Europa

Die Anwendung der EU-Umweltstandards auf die afrikanische Lebensmittelproduktion könnte nach Ansicht des kenianischen Landwirts Ojepat die Situation in Afrika verschlimmern, da der Kontinent immer noch mit der Gewährleistung der Ernährungssicherheit zu kämpfen hat.

„Der ehrgeizige Green Deal scheint ein gutes Dokument für die EU zu sein, aber nicht für Afrika“, sagte er und fügte hinzu, dass der Kontinent weniger als 5 Prozent der weltweit eingesetzten Pestizide verbrauche.

Der Wettlauf um Nachhaltigkeit könnte jedoch dazu führen, dass die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) der Vereinten Nationen erstickt werden und die Fähigkeit, ausreichend Nahrungsmittel zu produzieren, untergraben wird, so Ojepat.

„Europa hat eine grüne Revolution hinter sich, Asien auch: beide fangen irgendwo an, während Afrika noch nicht einmal klar erkannt hat, was getan werden muss“, so Ojepat.

Er fügte hinzu, dass sich die Probleme Afrikas aufgrund der Migration und der Unsicherheit direkt auf Europa auswirken werden, wenn der Green Deal so umgesetzt wird, wie er ist.

Obwohl die beste Lösung der Dialog wäre, beklagte er, dass das Thema Landwirtschaft auf der Tagesordnung des sechsten Gipfels der EU und der Afrikanischen Union, der am 17. und 18. Februar in Brüssel stattfinden wird, wenig Vorrang eingeräumt wurde.

„Lassen Sie uns zusammensitzen und reden. Wir sind Handelspartner, und der beste Weg, mit Partnern in Kontakt zu treten, ist zu reden und keine Vorschriften zu machen“, schloss er.

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[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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