23 Millionen Menschen erkranken jährlich durch belastete Lebensmittel in der EU

Bakterien, Viren und Chemikalien können sich auf befinden sich nicht nur auf rohem Fleisch, sondern auch auf Obst und Gemüse. [Shutterstock: Antonia Vlasova]

Trotz enger Kontrollnetze gelangen in der EU immer wieder mit Erregern belastete Lebensmittel in den Handel. Die gesundheitlichen Auswirkungen können fatal sein. Verbraucherschützer fordern daher mehr Transparenz und ein Umdenken, was als „gesund“ gilt.

Mindestens 23 Millionen Menschen erkranken jährlich in Europa aufgrund von belasteten Lebensmitteln, in rund 4700 Fällen endet die Krankheit sogar tödlich. Das geht aus einem aktualisierten Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über die Risiken von Lebensmittelinfektionen hervor, der zum ersten internationalen Tag der Lebensmittelsicherheit am heutigen Freitag, 07. Juni, veröffentlicht worden ist.

„Essen ist eine globale Angelegenheit, denn Nahrungsmittelketten erstrecken sich über den gesamten Planeten. Ein einfaches Gericht kann Zutaten aus mehreren Kontinenten enthalten. Seine Sicherheit hängt daher von der internationalen Zusammenarbeit ab“, sagt die für Europa zuständige WHO-Direktorin  Zsuzsanna Jakab.

Am weitesten verbreitet unter den Krankheitserregern ist das Norovirus: 15 Millionen Erkrankungsfälle gingen 2017 darauf zurück. Während Salmonellen in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich bekämpft worden sind, tauchen allerdings zunehmend Fälle des gefährlichen Campylobacter-Bakteriums auf. Der Erreger, der zumeist in Geflügel zu finden ist und durch unsaubere Schlachtung im Fleisch landet, ist laut WHO für fast 5 Millionen Erkrankungen verantwortlich.

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Mangel an Transparenz

Lebensmittelsicherheit ist in der EU Sache der Mitgliedstaaten. Sie regeln, welche Behörden die Kontrollen von Lebensmitteln durchführen und kommunizieren mit dem europäischen Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel. In erster Linie verantwortlich für die Qualität der Lebensmittel sind allerdings die Hersteller. Sie müssen ein Sicherheits-Konzept zur Gefahrenanalyse erstellen und verpflichten sich damit zur Selbstkontrolle der Produkte. In regelmäßigen Abständen prüfen die jeweiligen Behörden dann die gefertigten Lebensmittel.

In Deutschland, wo Lebensmittelsicherheit Sache der Länder ist, sind rund 400 Behörden mit den Überprüfungen beauftragt. Trotzdem reichen die Kapazitäten bei Weitem nicht aus, um das nötige Maß an Kontrollen effektiv durchzuführen, meint Matthias Wolfschmidt, Direktor für internationale Campagnen bei der Verbraucherorganisation foodwatch.

Außerdem würden kommunale Behörden zu häufig Rücksicht auf einzelne Hersteller nehmen, statt Lebensmittel sofort zurückzurufen. Denn in Deutschland gilt: erst wenn der Hersteller nicht selber aktiv wird, greifen die Behörden ein. Und das auch erst nach Absprache mit dem Unternehmen. „Das Rückrufregime in Deutschland ist stark verbesserungswürdig“, meint Wolfschmidt.

Auch in Sachen Transparenz gibt es immer wieder Kritik. Denn in Deutschland gelangen längst nicht alle Fälle, bei denen krankheitsgefährdende Stoffe in Lebensmitteln gefunden wurden, überhaupt an die Öffentlichkeit. Dabei ist Transparenz ein effektives Instrument, um die Hygiene und Sicherheit von Lebensmitteln sicherzustellen. Wie das aussehen kann, zeigt Dänemark. Dort werden sämtliche Kontrollergebnisse von Lebensmittelunternehmen, Supermärkten oder Restaurants für den Verbraucher veröffentlicht. Die ohnehin gute Hygienestandards sind dadurch in den vergangenen Jahren stark gestiegen.

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Das europäische Kontrollsystem für Lebensmittel sei zwar funktionsfähig, aber unzureichend, meint Verbraucherschützer Wolfschmidt. Er fordert mehr Kontrollen zur Prävention und eine bessere Kennzeichnung von Lebensmitteln, die nicht zum Rohverzehr geeignet sind. Bislang existiert das nur bei Geflügelfleisch.

Außerdem sei der bislang geltende Begriff von Lebensmittelsicherheit nicht mehr zeitgemäß, sagt Wolfschmidt. Denn inzwischen stellen die extrem kalorien- und zuckerhaltigen Lebensmittel der Industrie eine Belastung für die Gesundheitssysteme dar. Immer mehr Menschen erkranken an Diabetes oder Fettleibigkeit. „Wir müssen den Begriff der Lebensmittelsicherheit um die Dimension der Lebensmitteltäuschung, bei der Produkte fälschlicherweise als gesund beworben werden, erweitern.“

Ein Kapitel über Krankheiten, die durch den Konsum ungesunder Lebensmittel entstanden sind, enthält der Bericht der WHO nicht. Mit allein 60 Millionen Diabeteserkrankten in der EU fallen die Zahlen dazu deutlich höher aus.

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