20 Jahre staatliches Bio-Siegel: Deutschland noch hinter Ökolandbau-Ziel zurück

Rund 10 Prozent der Fläche werden aktuell in Deutschland ökologisch bewirtschaftet. [Elena Elisseeva/Shutterstock]

Zum 20-jährige Bestehen des Bio-Siegels hat Agrarministerin Julia Klöckner Erfolge bei der Förderung ökologischer Produktion hervorgehoben. Doch Bio-Industrie und Landwirtschaft sehen noch Handlungsbedarf.

Die Einführung des staatlichen Siegels habe Ordnung in ein “Wirrwarr aus verschiedenen und vermeintlichen Bio-Siegeln” gebracht und so das öffentliche Bewusstsein und die Nachfrage nach Öko-Produkten gestärkt, sagte Klöckner bei einem Festakt des Bundeslandwirtschaftsministeriums am vergangenen Dienstagabend (22. Juni).

2001 war das freiwillige, staatliche Bio-Siegel von der damaligen Grünen-Landwirtschaftsministerin Renate Künast eingeführt worden. Um das Siegel tragen zu dürfen, müssen Produkte den EU-Anforderungen für ökologischen Landbau entsprechen.

“Das ‘Bio-Siegel’ ist aus unserer Sicht ein riesiger Erfolg gewesen,” sagte Alexander Beck, geschäftsführender Vorstand der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AÖL), gegenüber EURACTIV Deutschland. “Endlich gab es eine einheitliche Kennzeichnung von Bio in Deutschland und dank umfassender Werbemaßnahmen konnten die Menschen sich unter Bio auch etwas vorstellen,” erklärte er.

Dies zeige sich auch im starken Marktwachstum von Bio-Produkten.

Insbesondere seit Beginn der Coronavirus-Pandemie konnte der Sektor in Deutschland ein Plus verzeichnen. Laut dem Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) wuchs der jährliche Umsatz der Branche 2020 auf knapp 15 Milliarden Euro – rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr.

Mehr produzieren

Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums kann die steigende Nachfrage nach Bio-Produkten aktuell nicht allein durch inländische Produktion gedeckt werden. Demnach waren 2019 und 2020 knapp 30 Prozent der biologischen Fleisch- und Milchprodukte, die in Deutschland verkauft wurden, importiert.

Um die Produktion zu stärken, hat sich die Bundesregierung 2019 einen Anteil von 20 Prozent Ökolandbau an der gesamten landwirtschaftlichen Fläche bis 2030 zum Ziel gesetzt. Bisher liegt der Flächenanteil in Deutschland bei rund zehn Prozent.

Das gesamteuropäische Ziel, das sich die EU in ihrer Flaggschiff-Initiative, der “Farm-to-Fork”-Strategie, gegeben hat, geht noch darüber hinaus und liegt bei 25 Prozent.

Der Vorsitzende des BÖLW, Felix Prinz zu Löwenstein, sieht hier noch Handlungsbedarf für die deutsche Politik: “Das EU-Ziel […] gilt auch für die neue Bundesregierung, die in diesem Zuge die Bedingungen für einen erfolgreichen Umbau der Land- und Ernährungswirtschaft schaffen muss.“

Auch die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU müsse “kohärent zu den übergeordneten Zielen der Biodiversitäts- und der Farm-to-Fork-Strategie gestaltet werden”, sagte eine Sprecherin des BÖLW gegenüber EURACTIV Deutschland. “Das heißt, dass der Öko-Landbau eine besondere Rolle spielen muss,” fügte sie hinzu.

Über die Reform der GAP verhandeln Mitgliedstaaten, Europäisches Parlament und EU-Kommission diese Woche (24./25. Juni) wieder in Brüssel.

Ökolandbau nicht zum „Verlierer“ machen

Mit Blick auf die nationale Ausgestaltung der Reform in Deutschland wirft der ökologische Anbauverband Bioland derweil Agrarministerin Klöckner vor, mit dem kürzlich vom Bundestag verabschiedeten Gesetzespaket zur GAP den Öko-Landbau zum “großen Verlierer” zu machen.

“Öko-Betriebe werden einen Großteil der Eco-Schemes und die damit verbundenen Förderungen nicht nutzen können, obwohl sie in besonderer Weise zu Umwelt-, Klimaschutz und Tierwohl beitragen,” kritisierte ein Sprecher.

Klöckner wies die Kritik jedoch zurück. “Dass die Ökolandwirtschaft Verlierer der neuen Agrarpolitik sei, das würde ich so nicht sagen,” erklärte sie in ihrer Rede. Dass der Sektor in Deutschland innerhalb der letzten Förderperiode insgesamt rund 1,3 Milliarden Euro aus Mitteln der GAP erhalten habe, zeige, “wie wichtig auch die Gemeinsame Agrarpolitik für die Bio-Landwirtschaft ist,” so Klöckner.

Sie sei sich sicher, dass Deutschland auf dem richtigen Weg ist, um das 20-Prozent-Ziel bis 2030 zu erreichen.

André Prescher von der Naturschutzorganisation NABU warnte seinerseits, die Förderung von Ökolandbau über die sogenannte Zweite Säule der GAP (mit der Maßnahmen zur ländlichen Entwicklung und Nachhaltigkeit finanziert werden) dürfe gezielte Naturschutzmaßnahmen nicht aus der Finanzierung verdrängen.

“Ökolandbau ist aus unserer Sicht sehr wichtig, aber wir brauchen eben auch die Agrarumweltmaßnahmen, um zum Beispiel die Ziele vom europäischen Schutzgebietsnetzwerk Natura 2000 zu unterstützen,” so Prescher. “Da brauchen wir gezielte Förderung, die durch den Ökolandbau nicht abgedeckt wird”.

Die Diskussion hierüber werde auch nach der Bundestagswahl im Herbst noch ein wichtiges Thema bleiben, erwartet er.

Aufgaben der nächsten Bundesregierung

Tatsächlich wird die finale Ausgestaltung des Nationalen Strategieplans zur Gemeinsamen Agrarpolitik in die Amtszeit der neuen Bundesregierung nach der Wahl fallen – bis Januar 2022 muss dieser fertiggestellt sein.

Bio-Landwirtschaft und -industrie erhoffen sich von einer künftigen Regierung einen Schub für den Ausbau des Ökolandbaus. “Das geht nur, wenn der Umbau zur Querschnittsaufgabe aller Ressorts wird,” mahnte der BÖLW-Vorsitzende Löwenstein. “Gefragt ist also ‚kohärente Politik‘: zwischen den Abteilungen eines Agrarministeriums ebenso wie zwischen allen Ministerien der Bundesregierung sowie zwischen Bund und Ländern,” fügte er hinzu.

“Für uns wird es spannend sein zu beobachten, ob die entstehende Regierung die Vorgaben der Strategie ‘Vom Hof auf den Tisch’ ernst nimmt und umsetzt,” fügte AÖL-Vorstand Beck hinzu.

Er schloss: “Hier werden für die Zukunft unserer gesamten Gesellschaft entscheidende Weichen gestellt.“

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