„Wir brauchen eine klimaintelligente Landwirtschaft“

Waldböden als CO2-Speicher - von Finnland lernen? [shutterstock/videokvadrat]

Eine bessere CO2-Bilanz erreicht man nicht nur durch weniger Emissionen, sondern auch, wenn mehr CO2 durch Pflanzen abgeschieden wird. Ein Gedanke, der in Finnland großen Einfluss auf das Management der Wälder und des Ackerlandes hat. EURACTIV sprach mit Liisa Pietola.

Die Agrarwissenschaftlerin, Landwirtin und Waldbesitzerin Liisa Pietola leitet die Abteilung für Umweltangelegenheiten bei der Vereinigung landwirtschaftlicher Produzenten und Waldbesitzer in Finnland (MTK). Anlässlich der Internationalen Grünen Woche, bei der Finnland in diesem Jahr offizielles Partnerland ist, besucht sie Berlin.

Frau Pitola, Sie repräsentieren die finnische Vereinigung der Agrarproduzenten und Waldbesitzer, den MTK. Erzählen Sie uns zunächst etwas über Ihre Organisation.

Wir vertreten die Landwirte, Nahrungsmittelproduzenten und Waldbesitzer. Die Organisation ist recht groß, da sich fast alle finnischen Landwirte angeschlossen haben. Der MTK zählt heute rund 300.000 Mitglieder. Einige Landwirte sind in unserer Schwesterorganisation organisiert, die die schwedisch-sprachigen Bauern vertritt.

Der MTK ist aber der größte Verband und nach meiner Einschätzung sind wir durchaus einflussreich. Die Regierung hört uns zu. Wir waren auch Teil der finnischen Delegation bei der COP24-Klimakonferenz in Kattowice und sind froh darüber, dass Organisationen wie unsere in Finnland so gute Möglichkeiten haben, sich an den politischen Prozessen zu beteiligen.

Die Agrarpolitik wird häufig in Verbindung mit den Herausforderungen des Klimawandels diskutiert. Dabei taucht die Landwirtschaft sowohl als Teil des Problems, als auch als Teil der Lösung auf. Wie bewerten Sie den Zusammenhang?

Wir haben in den letzten fünf Jahren viele Anstrengungen unternommen, damit die Agrarpolitik Teil der Debatte um Maßnahmen gegen den Klimawandel wird. Denn wir können viel dazu beitragen, indem wir aktives Bodenmanagement betreiben, das darauf abzielt, die Böden verstärkt als CO2-Senken einzusetzen. Wachsende Pflanzen nehmen nämlich in der Biomasse über und unter der Erde CO2 auf. Wenn wir mehr Pflanzen züchten, wird dadurch mehr CO2 abgeschieden. Wir brauchen junge Pflanzen, die wachsen und so mehr CO2 aufnehmen und damit die Bilanz stetig verbessern. Alte Pflanzen hören auf zu wachsen und nehmen kein CO2 mehr auf. Diesen Prozess muss man entsprechend steuern. Unsere Mitglieder können also viel dazu beitragen, den Klimawandel zu bekämpfen und sind sich dessen auch bewusst.

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Immer mehr Mitglieder des finnischen Parlament, einschließlich jenen der linken Partei, teilen diese Position: Die CO2-Emissionen müssen runter gehen und die Abscheidung, also die Aufnahme von CO2 durch wachsende Pflanzen, muss hochgehen, um die Bilanz zu verbessern. Immer mehr Menschen sehen das Potenzial von Pflanzen und Photosynthese, das bei der Bekämpfung des Klimawandels genutzt werden muss. Die Ziele des Pariser Klimaabkommens besagen, dass wir bis 2050 CO2-neutral sein, also eine ausgeglichene Bilanz zwischen CO2-Ausstoß und –Aufnahme haben müssen. Um das zu erreichen, braucht es den Beitrag von uns Landwirten und Waldbesitzern.

Lässt sich das Ausmaß der CO2-Abscheidung hinreichend gut messen um zu sagen, ob die Bilanz ausgeglichen ist, oder nicht?

Derzeit nicht. Das liegt an der mangelhaften Forschung auf diesem Gebiet. Die derzeitigen Modelle zur Messung der CO2-Bilanz übersehen die wichtige Rolle der Böden und der besonders wichtigen Biomasse, die man den Wäldern und auf Ackerland vor allem in den Wurzeln findet. Hier haben wir eine große Informationslücke. Wir wissen wenig darüber, wie das CO2 abgesondert und in den Pflanzenwurzeln gespeichert wird. Aber diesen Teil der CO2-Bilanz auf null zu setzen ist absolut falsch. Wir müssen das besser abschätzen und wir können das auch. Als Wissenschaftlerin weiß ich, dass geeignete Methoden entwickelt werden könnten. Wir brauchen dafür aber mehr Grundlagenforschung.

Bedeutet mehr CO2-Abscheidung aus Ihrer Sicht, dass die Ziele bei der Emissionsreduktion nicht ganz so ambitioniert ausfallen müssen?

Wir brauchen ambitionierte Ziele bei der Reduzierung der Emissionen, müssen dabei aber auch die Kosteneffizienz, die Nahrungsmittelsicherheit und das Tierwohl berücksichtigen. Dass wir die Abscheidung einbeziehen heißt nicht automatisch, dass die Reduktionsziele weniger ambitioniert sind. Wir müssen aber das Gesamtbild betrachten und sowohl die Emissionen wie auch die Abscheidung einkalkulieren.

Wie würden Sie die quantitative Entwicklung der CO2-Abscheidung in den finnischen Wäldern bewerten und was waren die Hauptursachen dieser Entwicklung?

Wir können davon ausgehen, dass sich die CO2-Abscheidung durch die Biomasse in den Wäldern seit den 1950er Jahren in etwa verdoppelt hat. Das hat viel mit dem Waldmanagement in dieser Zeit zu tun. Es wurden viele junge Bäume gepflanzt und die Wälder ausgedünnt, damit die Bäume wirklich groß werden können. Denn am Anfang, wenn die Bäume gepflanzt werden, ist ein kleinerer Abstand sinnvoll. Später, wenn sie größer sind, muss ausgedünnt werden, damit die übrigen Bäume weiterwachsen können. Diesem guten Management ist es zu verdanken, dass unsere Wälder derzeit besser wachsen, als jemals zuvor und viel CO2 abscheiden.

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Übrigens nehmen auch unsere kultivierten Agrarböden viel CO2 auf, auch wenn häufig gesagt wird, dass der CO2-Speicheranteil durch die Kultivierung zurückgeht. Dieser Annahme liegen nur Untersuchungen der oberen 15 cm zugrunde. Man müsste aber mindestens einen Meter unter die Erde gehen, um das richtig einzuschätzen. Ehrlicher Weise muss man sagen, dass wir zur Rolle der Agrarflächen bei weitem nicht so viele Daten haben, wie zu den Wäldern.

Lassen sich diese finnischen Entwicklungen international vergleichen? Was können wir von Ihnen lernen?

Als das Thema im Rahmen der Debatten um eine EU-Verordnung international diskutiert wurde, mussten wir feststellen, dass viele Partner in Mitteleuropa überhaupt nicht verstanden, wovon wir redeten. Unser Waldmanagement unterscheidet sich ganz wesentlich von dem in Mitteleuropa. Natürlich hängt das auch mit unterschiedlichen Voraussetzungen in der Natur, unterschiedlichen Baumarten und so weiter zusammen. Aber entscheidend ist, dass der Wald so bewirtschaftet wird, dass die Bäume wachsen können. Das ist der Ansatz, mit dem wir die Wachstumsrate verdoppelt haben.

Aus unserer Sicht ist das eine Erfolgsgeschichte, die wir anderen Ländern gerne zeigen möchten. Wenn andere davon lernen, können wir das europaweite Potenzial der Wälder im Kampf gegen den Klimawandel besser nutzen.

Ein anderes Konzept, für das Ihr Verband sich stark macht, ist die „klimaintelligente Landwirtschaft“. Was ist damit gemeint?

Für mich bedeutet klimaintelligente Landwirtschaft eine Landwirtschaft, die CO2-Neutralität anpeilt, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erfüllen. Wir wollen bis 2030 in der Lage sein, CO2-neutrale Lebensmittel zu produzieren. Angesichts der großen Herausforderungen brauchen wir derart ambitionierte Ziele. Da müssen alle Sektoren beitragen, natürlich auch der Agrarsektor.

Der zentrale Punkt ist dabei das Bodenmanagement. Die Böden müssen fruchtbar sein und gute Bedingungen für gute Erträge bieten, damit die Wurzeln der Pflanzen wachsen können. Es gibt viele Möglichkeiten, positiv Einfluss zu nehmen und die Photosynthese zu optimieren. Hinzu kommt, dass man den CO2-Ausstoß minimiert und möglichst viel Biomasse mit möglichst geringen Emissionen erzeugt und dann stetig daran arbeitet, die Gesamtbilanz zu verbessern. Das Problem ist allerdings, dass unsere Methoden nicht ausgereift genug sind, um wirklich alle Faktoren zu berücksichtigen. Deswegen plädiere ich für mehr Forschungsarbeit auf diesem Gebiet.

Wie schätzen Sie die Potenziale der Digitalisierung in der Landwirtschaft in diesem Zusammenhang ein?

Die Nutzung der digitalen Möglichkeiten ist Teil der klimaintelligenten Landwirtschaft. Durch die Präzessionslandwirtschaft können die Ressourcen effizienter genutzt werden. Das hilft natürlich dabei, die CO2-Bilanz zu verbessern. Auch der Einsatz von Düngemitteln kann durch die Digitalisierung optimiert werden, etwa in dem er entsprechend unterschiedlicher Bodencharakteristiken auf einem Feld variabel eingesetzt wird, was ebenfalls sehr hilfreich ist.

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Ein anderer Aspekt ist die Energieeffizienz, denn die gehört auch zu einer klimaintelligenten Landwirtschaft. Hier bietet die Digitalisierung ebenfalls viele Möglichkeiten zur Verbesserung, etwa bei der Milchproduktion. Ich habe mich heute vor allem auf das Thema Bodenmanagement konzentriert, da dieses häufig unterbelichtet bleibt und meines Erachtens ein besonders wichtiger Ansatzpunkt ist. Natürlich gehören zur klimaintelligenten Landwirtschaft aber viele Aspekte. Es geht immer um das Gesamtbild.

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