Warum das Kükentöten weitergeht

Rund 45 Millionen männliche Küken werden in Deutschland pro Jahr getötet, weil sie in der Eierproduktion untauglich sind. Neue Verfahren zur geschlechtererkennung sollen verhindern, dass sie überhaupt ausgebrütet werden. [David Tedevosian/ Shutterstock]

Das Töten von Millionen männlicher Küken soll laut eines Urteils des Bundesverwaltungsgerichts solange erlaubt bleiben, bis alternative Verfahren zur Geschlechtsbestimmung marktreif sind. Dabei existiert bereits eine solche Methode. Warum ist das Verfahren noch nicht in deutschen  Brütereien im Einsatz? Ein Gespräch mit dem Entwickler.

Der Agrar-Ökonom Dr. Ludger Breloh ist Geschäftsführer der zur Rewe-Gruppe gehörenden Seleggt GmbH, die in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig das erste einsatzfähige Verfahren zur geschlechtlichen Früherkennung im Hühnerei entwickelt hat.

EURACTIV: Mit dem Seleggt-Verfahren lässt sich das Geschlecht eines Kükens noch im Ei bestimmen. Wie geht das?

Unser Verfahren ist ein sogenanntes endokrinisches, also ein hormonbasiertes Verfahren. Wir wissen, dass bereits im unbebrüteten Ei geschlechtsspezifische Hormone vorhanden sind, die sich nur im weiblichen Ei bilden, zum Beispiel das Östronsulfat. Dazu muss man etwa neun Tage warten, bis das Hormon in ausreichender Menge im Ei vorhanden ist. Dann saugen wir einen winzigen Tropfen Flüssigkeit aus dem Ei, den wir mit einem biochemischen Marker vermischen. Der zeigt dann durch einen Farbausschlag an, ob das Östronsulfat vorhanden ist. Weibliche Eier werden anschließend zurück in den Brutschrank gebracht und ausgebrütet, männliche Eier werden zu Tierfutter verarbeitet.

Bisher gilt die Geschlechterbestimmung aber noch nicht als serienreif, nur wenige Supermärkte bieten die Eier an. Woran liegt das?

In den letzten zwei Jahren haben wir in der Verfeinerung unserer Technologie unglaubliche Fortschritte gemacht. Inzwischen können wir pro Maschine etwa 3.000 Eier pro Stunde analysieren. Allerdings kommt das Verfahren bisher nur in unserer hauseigenen Brüterei zum Einsatz. Unsere dort aufgezogenen Hühner legen die sogenannten Respeggt-Eier, die heute schon in etwa 380 Supermärkten im Großraum Berlin verkauft werden.

Dass es diese Eier bisher nur dort gibt, liegt daran, dass die Anzahl an Seleggt-Legehennen bisher noch überschaubar ist. Seit Februar brüten wir allerdings in größerem Maßstab, pro Woche schlüpfen bei uns ungefähr 20.000-30.000 weibliche Küken. Ab Ende Juli ist die erste Generation alt genug, eigene Eier zu legen, von da an wird es immer mehr Respeggt-Eier auf dem Markt geben. Die Rewe-Gruppe hat es sich zum Ziel gesetzt, diese Eier bis Jahresende bundesweit in allen Filialen anzubieten.

Ab nächstem Jahr werden wir dann an die Brütereien herantreten und ihnen unsere Technik zur Verfügung stellen. Das geschieht erst einmal kostenneutral. Auf diese Weise sollen die Respeggt-Eier peu à peu auf den Markt gebracht werden.

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Kostenneutral heißt wohl, Sie treten erst einmal in Vorleistung. Warum denn?

Unser Geschäftsmodell sieht vor, dass die Supermärkte eine Lizenzgebühr an uns entrichten – aber erst, wenn die ersten Eier im Supermarkt ausliegen. Wir haben ein entsprechendes Respeggt-Logo entwickelt, an dem der Kunde erkennen kann, dass die Eier ohne die Tötung von Küken entstanden sind. Das ist ein klarer Mehrwert, den der Supermarkt vermarkten kann. Erst dann entrichtet er uns die Lizenzgebühr dafür, dass wir am Anfang der Lieferkette die Bruteier zur Verfügung gestellt haben. Und so trägt auch der Kunde über etwas erhöhte Eierpreise dazu bei, dass das Kükentöten verhindert wird.

Sind denn andere Verfahren zur Geschlechtsfrüherkennung  in Entwicklung?

Ja, an acht oder neun Standorten auf der Welt wird an anderen Methoden geforscht. Zum Beispiel in Kanada oder Australien, aber auch an den Unis in München und Dresden. Die Details dieser Verfahren sind mir aber nicht bekannt, da die Entwicklung natürlich hinter verschlossenen Türen geschieht.

Ich würde es auf jeden Fall begrüßen, wenn auch andere Verfahren hier auf den Markt kommen würden. Denn es geht nicht nur um den Wettbewerb, sondern darum, das Problem des Kükentötens aus der Welt zu schaffen. Und ehrlich gesagt ist es eine große Herausforderung, den gesamten Sektor mit nur einer Technologie zu betreiben.

Weil Ihre Reichweite noch zu klein ist?

Ja. Auf das Jahr hochgerechnet ziehen wir in unserer Brüterei ungefähr 1,5 Millionen Küken auf – das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein wenn man bedenkt, dass der  deutsche Gesamtbedarf bei 45 Millionen liegt. Es wird also noch eine Weile dauern, bis wir so große Volumina erreichen, dass man von einem Paradigmenwechsel sprechen kann. Aber Rom wurde ja auch nicht an einem einzigen Tag erbaut.

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Bei der Bekanntmachung der Seleggt-Technologie wurde angemerkt, sie sei eine Brückentechnologie, bis andere Lösungen gefunden sind. Eine davon ist das Zweitnutzungshuhn. Ist das die Zukunft der Hühnerzucht?

Die Tatsache, dass wir überhaupt Millionen Küken töten, liegt ja nur daran, dass wir seit Jahrzehnten zwei Arten hochoptimierter, extrem produktiver Hühner züchten: die Lege- und die Masthühner. Nur dadurch können wir sehr preiswerte Eier und Geflügelfleisch produzieren. Das logische Ziel wäre natürlich, dass wir Hennen züchten, die eine gute Legeleistung haben, während ihre Brüder eine hohe Mastleistung aufweisen. Das klingt nach einer eierlegenden Wollmilchsau und ist es in gewisser Weise auch.

Denn als promovierter Agrarwissenschaftler kann ich Ihnen sagen, dass es komplementäre Eigenschaften gibt, die ausschließen, dass ein Huhn gleichzeitig eine hohe Eierleistung und einen ausreichenden Muskelaufbau hat. Entweder das eine, oder das andere.

Dennoch hoffe ich, dass die Zuchtunternehmen auch in Zukunft weiterhin intensiv an dem Problem arbeiten werden, damit wir am Ende wirtschaftlich rentable Zweitnutzungshühner haben. Dann wären Methoden zur Geschlechterbestimmung in der Tat nur eine Übergangslösung. Es wäre sicher am nachhaltigsten und in unser aller Interesse, wenn wir das Problem des Kükentötens durch Züchtung lösen könnten.

Wegweisendes Urteil über Kükentöten erwartet

Das Bundesverwaltungsgericht verhandelt diese Woche darüber, ob das Töten Millionen männlicher Küken weiterhin erlaubt wird. Sollten die Richter die Praxis verbieten, könnten die Eier knapp werden, mahnt die Geflügelwirtschaft.

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