UN-Vertreter: Afrika braucht seine eigene Farm-to-Fork-Strategie

Dr. Donal Brown vom Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung der UN (IFAD). [IFAD]

Dieser Artikel ist Teil des special reports Landwirtschaftsbeziehungen EU-Afrika: Wie geht es weiter?

Afrika brauche eine „Farm to Fork“-ähnlich Strategie, um seine Lebensmittelsysteme nachhaltiger zu gestalten, so ein hoher Beamter des Fonds der Vereinten Nationen für ländliche Landwirtschaft. Die EU könne ein Orientierungspunkt sein und im Zentrum dieses Wandels stehen.

Dr. Donal Brown ist stellvertretender Vizepräsident der Abteilung Programm-Management beim Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung der UN (IFAD).

Er sprach mit Gerardo Fortuna von EURACTIV.com.

Mit ihrer Farm-to-Fork-Strategie (F2F, dt. auch „Vom Hof auf den Tisch“) versucht die EU-Kommission, die europäischen Lebensmittelsysteme zu einem globalen Standard im Bereich Nachhaltigkeit zu machen. Glauben Sie, dass dieses F2F-Modell nach Afrika „exportiert“ werden kann?

In Afrika hat die COVID-19-Pandemie gezeigt, wie abhängig die Welt von Kleinbauern ist, und gleichzeitig die Verwundbarkeit der Nahrungsmittelsysteme sowie der Leben und der Existenzgrundlage von Kleinproduzenten verdeutlicht. Ein Großteil von ihnen lebt in Armut und hat aktuell kaum Lebensmittel auf dem Tisch.

Es liegt auf der Hand, dass wir in Afrika Ernährungssysteme brauchen, die in gewisser Weise der „Farm to Fork“-Vision folgen, die also nachhaltig und klimaangepasst sind, die ausreichend nahrhafte Lebensmittel für alle bereitstellen – auch für diejenigen, die sie produzieren – sowie Ernährungssysteme bieten, die effizient und widerstandsfähig sind. Um dies zu erreichen, braucht es politischen Willen, Wissen und finanzielle Ressourcen.

Die Kommission und die EU-Mitgliedstaaten könnten bei der Umgestaltung der Lebensmittelsysteme in Afrika eine zentrale Rolle spielen, indem sie eine Führungsrolle übernehmen, Wissen weitergeben und lokale Lösungen fördern sowie umfangreiche finanzielle Mittel für die landwirtschaftliche Entwicklung bereitstellen. Das würde auch zum Kampf gegen extreme Armut und Hunger sowie zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) beitragen.

Neue EU-Bauernpräsidentin: Bei negativen Auswirkungen muss die Farm to Fork-Strategie überarbeitet werden

Die neue Lebensmittelpolitik der Europäischen Kommission sollte überprüft werden, wenn eine künftige Folgenabschätzung zeigt, dass sie sich negativ auf die Landwirte auswirken wird, sagte die neu gewählte Vorsitzende des Bauernverbandes COPA, Christiane Lambert, gegenüber EURACTIV.com.

Welche Herausforderungen ergeben sich aus der Pandemie für die Landbevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent?

Während sich die gesundheitlichen Auswirkungen der Pandemie in den ländlichen Gebieten Afrikas bisher in Grenzen halten, haben die wirtschaftlichen Effekte zweifellos zu einem Anstieg von Armut und Hunger geführt.

Ländliche Kommunen in Afrika und deren Bevölkerung sind besonders gefährdet, da die Menschen ohne wirtschaftliche Sicherheitsnetze von der Hand in den Mund leben. Bewegungseinschränkungen und andere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben dazu geführt, dass viele Kleinbauern ihre Ernte nicht verkaufen konnten und somit kein Einkommen hatten.

Außerdem haben viele Tagelöhner und andere informell Tätige ihre Arbeit verloren. Frauen und junge Menschen waren dabei in der Regel am stärksten betroffen, da sie am häufigsten informell beschäftigt sind.

Was müsste getan werden, um Unterstützung für den Wiederaufbau möglichst zielgenau einzusetzen?

Während Nothilfeorganisationen Hilfe leisten, damit hungernde Menschen jetzt Zugang zu Nahrungsmitteln haben, ist es ebenso wichtig, sicherzustellen, dass es in Zukunft keine hungernden Menschen mehr gibt. Um auf diese Herausforderung zu reagieren, hat der IFAD Kleinbauern in Afrika dabei unterstützt, Zugang zu Betriebsmitteln, Märkten, Informationen und Finanzmitteln zu erhalten, die sie benötigen, um weiterhin Nahrungsmittel anzubauen und zu verkaufen.

Aber es muss noch mehr getan werden. Es ist wichtig, in die Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Landbevölkerung in den ärmsten Ländern Afrikas zu investieren, damit sie diese Krise überstehen, ihr Leben schnell wieder aufbauen können und künftige Schocks überstehen.

Ohne Unterstützung droht vielen afrikanischen Ländern ein verlorenes Jahrzehnt: Hunger und Armut könnten weitere Konflikte und Instabilität auslösen sowie Millionen junger Menschen zur Migration zwingen.

Was sind für Finanzinstitutionen wie die Ihre die größten Herausforderungen bei der Koordinierung einer möglichst internationalen Reaktion für den Wiederaufbau nach der Pandemie?

Es gibt wahrscheinlich zwei besondere Herausforderungen. Die erste besteht darin, schnell, flexibel und effektiv zu reagieren. Dazu haben wir viele unserer internen Abläufe vereinfacht, um unsere bestehenden Investitionsprojekte möglichst schnell umzuwidmen. Außerdem haben wir dank der Unterstützung von Kanada, Deutschland, den Niederlanden, Schweden und der Schweiz zusätzliche Mittel im Rahmen einer „Fazilität zur Unterstützung der armen Landbevölkerung“ (Rural Poor Stimulus Facility, RPSF) in Höhe von 74 Millionen Euro mobilisiert. Diese soll Aktivitäten finanzieren, die es Kleinerzeugern ermöglichen, ihre Produktions- und Vermarktungskapazitäten zu bewahren.

Eine zweite Herausforderung bestand und besteht darin, die Bedingungen in abgelegenen ländlichen Gebieten genau zu verstehen und sicherzustellen, dass unsere Bemühungen und Lösungsansätze auch den tatsächlichen Problemen der armen Kleinerzeuger entsprechen. Hier haben wir uns weniger auf Daten gestützt – denn die gab es einfach nicht – und mehr auf das lokale Wissen unserer Mitarbeitenden und Partner vor Ort.

Wegen Pandemie und Klimazielen: Agrar-Beziehungen zu Afrika sollen sich ändern

Angesichts der weiterhin grassierenden Coronavirus-Pandemie und den verschärften Klimazielen der EU soll sich nun auch die Kooperation mit den afrikanischen Staaten verändern.

Welchen Eindruck haben Sie von der EU-Zusammenarbeit in und mit Afrika?

In den vergangenen sieben Jahren haben der IFAD und die EU ihre Kräfte in wichtigen Bereichen von gemeinsamem und strategischem Interesse gebündelt.

Dazu gehören zum Beispiel Agrarforschung mit Fokus auf arme Menschen, Überweisungen für Entwicklung, Unterstützung für Bauernorganisationen und Netzwerke, Partnerschaften zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor sowie Risikomanagement in der Landwirtschaft.

Als Ergebnis der gemeinsamen Zusammenarbeit gibt es inzwischen 17 laufende Vereinbarungen im Wert von 246 Millionen Euro.

Durch die Zusammenarbeit treiben die EU und der IFAD Innovationen in diesen Bereichen voran und haben insbesondere in Afrika, aber auch darüber hinaus, neue Ansätze entwickelt, die inzwischen als entscheidend für das Erreichen der SDGs angesehen werden.

Könnten Sie uns ein Beispiel nennen?

Eine der Initiativen ist der Yield Uganda Investment Fund, eine Partnerschaft zwischen öffentlichen und privaten Investoren, die mit EU-Mitteln über den IFAD eingerichtet wurde.

Der Fonds bietet innovative und maßgeschneiderte Finanzlösungen unter Einsatz von Eigenkapital, Semi-Eigenkapital und Fremdkapital für kleine und mittelgroße landwirtschaftliche Unternehmen und Bauernkooperativen vor Ort.

Dies erzielt eine Wirkung, indem die Gründung neuer Unternehmen oder Produktlinien in Uganda erleichtert, Märkte geschaffen und Dienstleistungen für Kleinerzeuger angeboten werden. Gleichzeitig werden auch Arbeitsplätze für Frauen und Jugendliche geschaffen.

Die EU und IFAD arbeiten auch im Rahmen des sogenannten Agri-Business Capital (ABC) Fonds in Afrika zusammen. Was genau ist das?

Der ABC Fund ist ein unabhängiger Impact Fund, der in Kleinbauern sowie kleine und mittlere Unternehmen im ländlichen Raum investiert. Diese sehen sich immer wieder Schwierigkeiten ausgesetzt, Zugang zu Finanzmitteln zu erhalten, um ihren Betrieb weiter zu entwickeln.

Seit Beginn der Investitionen Ende 2019 hat der Fonds Bauernkooperativen in der Elfenbeinküste, kleine und mittelgroße Agrarunternehmen in Burkina Faso und Ghana sowie Finanzinstitute in Ecuador, Kenia und Uganda, die ihrerseits Kredite an Kleinbauern vergeben, mit einem Gesamtwert von rund zehn Millionen Euro unterstützt.

In Burkina Faso zum Beispiel gab es Kredite für einen Cashew-Nuss-Verarbeiter, der nach Europa und in die USA exportiert. Damit konnte für über 1.200 Produzenten via Bio- und Fair-Trade-Zertifizierungen Marktzugang sowie sehr gute Preise gesichert werden. Die meisten dieser Produzenten waren Frauen.

Spannungen in den europäisch-afrikanischen Handelsbeziehungen

Die Frage der Handelsbeziehungen wird wahrscheinlich das Herzstück der verspäteten „strategischen Partnerschaft“ zwischen der EU und Afrika sein – aber nur, wenn die seit langem bestehenden Spannungen gelöst werden können.

Welche Innovationen im Bereich Landwirtschaft könnte die Landbevölkerung Ihrer Ansicht nach brauchen?

Kleinerzeuger benötigen eine ganze Reihe von Innovationen – von landwirtschaftlichen Technologien auf dem Hof über Finanzierungen bis hin zur Marktgestaltung – um lebensfähige, marktorientierte Erzeuger und Unternehmer zu werden. Sie müssen auch Zugang zu Informationen erhalten sowie das Wissen und die Fähigkeiten entwickeln, um die mit Technologien und Finanzierungen verbundenen Möglichkeiten zu nutzen.

Gerade Internet- und neue Computertechnologien können eine entscheidende Rolle dabei spielen, diese Brücke zu schlagen. Ein Beispiel: Mit Mobiltelefonen – auch ohne Internetzugang – könnten Landwirte auf Beratungsdienste zugreifen, die Tipps zur Produktivitätssteigerung, oder zur Gesunderhaltung des Viehbestands oder auch aktuelle Wetterinformationen anbieten.

Gleichzeitig hat sogenanntes „Mobiles Geld“ der ländlichen Bevölkerung neue Wege zum Zugang zu Finanzdienstleistungen eröffnet: Die M-Pesa-Initiative hat fast 146 Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer in Afrika südlich der Sahara. Sie macht ganze zehn Prozent der BIP-Flüsse in der Region aus.

[Bearbeitet von Tim Steins]

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