Steigende Lebensmittelpreise “explosiv” für fragile Staaten

“Wenn wir in Deutschland etwa 30 Prozent weniger Schweinefleisch konsumieren würden, würde eine Ackerfläche von etwa einer Million Hektar frei - darauf kann man dann natürlich Getreide anbauen”, so Annen. [BPA/Steffen Kugler]

Fehlende Lebensmittelexporte aus der Ukraine treffen gerade politisch fragile Staaten hart. Neben schnellen Hilfen muss Deutschland auch seine eigene Ernährung umstellen, sagt Niels Annen, parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesentwicklungsministerium, im Interview mit EURACTIV Deutschland.

Der Krieg in der Ukraine, eines der wichtigsten Exportländer für Produkten wie Weizen, führt zu Turbulenzen auf den globalen Agrarmärkten. Während in Europa trotz steigender Lebensmittelpreise die Versorgung gesichert ist, sind einige Länder Afrikas und Asiens wesentlich stärker betroffen.

“Das Problem ist, dass viele Staaten in Nordafrika, aber nicht nur dort, bisher große Mengen, manchmal ihren gesamten Weizen aus der Ukraine bezogen haben”, so Annen. “Dadurch ergibt sich natürlich ein unmittelbares Versorgungsproblem.”

Dabei treffe die Krise gerade viele fragile Staaten hart, die bereits durch die Corona-Krise gebeutelt und stark überschuldet seien und daher keinen Spielraum hätten, Importausfälle auszugleichen, so der SPD-Politiker.

Das Preisexplosion bei Lebensmitteln hat aus seiner Sicht auch politisch große Sprengkraft.

“Jeder Anstieg in der Preisgestaltung – das wissen wir zum Beispiel aus dem sogenannten Arabischen Frühling – kann auch sehr schnell Auswirkungen auf die politische Stabilität haben”, sagte Annen. “Die Explosivität dieses Themas in vielen betroffenen Ländern sollte deshalb niemand unterschätzen.”

430 Millionen Euro hat die Bundesregierung nach eigenen Angaben im Kampf gegen Hunger zur Verfügung gestellt, ein Großteil der Gelder soll ans Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (UN) gehen.

Gleichzeitig komme es aber auch darauf an, grenzüberschreitende Warenströme aufrechtzuerhalten und protektionistische Reaktionen wie Ausfuhrstopps zu vermeiden, die die Preisentwicklung zusätzlich verschärfen, erklärte Annen. Bereits jetzt eile die Preisentwicklung der tatsächlichen Nahrungsmittelkrise voraus.

Entwicklungspolitik des Kalten Krieges ist vorbei

Gerade von reichen Ländern müsse man erwarten, nun nicht im großen Stil Weizen aufzukaufen, wie es beispielsweise China momentan tue, fügte er hinzu.

Unter deutscher Leitung hatten sich auch die G7-Agrarminister:innen gemeinsam mit EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski vor wenigen Wochen darauf verständigt, Lebensmittelmärkte offenzuhalten.

G7-Agrarminister einigen sich auf offene Märkte trotz Ukrainekriegs

Die Agrarminister:innen der G7-Staaten haben am Freitag (11. März) auf einer außerordentlichen Sitzung eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, in der sie sich verpflichten, die internationalen Lebensmittelmärkte offen zu halten und die Versorgung in der Ukraine zu unterstützen.

Wie eng die Ernährungssicherung und die Entwicklungshilfen mit hochpolitischen Fragen verwoben sind, zeigt das Beispiel Mali. Seit 1961 arbeite Deutschland mit dem Land zusammen, erklärt Annen, es ist eine der am längsten bestehenden Entwicklungspartnerschaften.

Doch die unklare politische Lage im Land nach zwei Militärputschen hat die Zusammenarbeit infrage gestellt.

Bei ihrem Besuch in Mali gestern und Niger heute will Bundesaußenminister Annalena Baerbock unter anderem über die Ernährungssicherung in der Region sprechen, wie sie vor ihrer Abreise am Montagabend mitteilte.

Annen erwarte sich von der Reise vor allem, dass Baerbock es schaffe, “politische Fragen der Zusammenarbeit zu klären.“

“Wir müssen wissen, wie der Fahrplan zurück in die Demokratie aussieht und ob es überhaupt noch die Rahmenbedingungen gibt, unter denen wir unsere Arbeit fortführen können.”

Doch auch mit anderen Partnern sind die Beziehungen angespannt. Viele der Staaten haben bisher Russlands Angriff auf die Ukraine nicht verurteilt und sich keinen Sanktionen angeschlossen. Bei der Abstimmung über Russlands Ausschluss aus dem UN-Menschenrechtsrat Ende vergangener Woche enthielten sich viele der Länder oder dagegen stimmten.

“Das ist natürlich ein sehr enttäuschendes Abstimmungsverhalten”, so Annen. “Darüber reden wir mit unseren Partnern, ich glaube aber, die Zeiten sind vorbei, in denen Entwicklungszusammenarbeit, wie es zum Teil in den Jahren des Kalten Krieges der Fall war, dafür eingesetzt wurde, Blöcke zu konsolidieren.”

Weniger Fleisch in Europa

Über kurzfristige Lebensmittel hinaus fordert Annen, insbesondere zur Vorbereitung auf künftige Krisen, längerfristige Änderungen am Ernährungssystem – auch in Deutschland und Europa.

“Ich bin jemand, der sehr gerne ein Stück Fleisch isst und will auch niemandem den Fleischkonsum verbieten”, so Annen. “Trotzdem muss man darauf hinweisen, dass ein sehr großer Teil der weltweiten Getreideproduktion – auch in den Entwicklungs- und Schwellenländern – am Ende in die Futtermittelproduktion geht.”

In Deutschland und Europa den Fleischkonsum zu senken, würde deshalb helfen, mehr Ackerfläche freizumachen – nicht nur im Inland, sondern auch in Ländern, aus denen Fleisch importiert wird.

“Wenn wir in Deutschland etwa 30 Prozent weniger Schweinefleisch konsumieren würden, würde eine Ackerfläche von etwa einer Million Hektar frei – darauf kann man dann natürlich Getreide anbauen”, so Annen.

Ukraine-Krieg: EU-Abgeordnete fordern Ende der Absatzförderung für Fleisch

EU-Gesetzgeber haben die Kommission parteiübergreifend aufgefordert, die Förderung des Fleischkonsums einzustellen. Der Ukrainekrieg wirkt sich auf die Lebensmittelversorgung aus und führt zu Futtermittelknappheit in der EU.

Gleichzeitig müsse es darum gehen, weltweit den Weg zu einer resilienten und nachhaltigen Landwirtschaft voranzutreiben.

“Viele Länder werden jetzt darüber nachdenken, Agrarexporte möglichst weit zu substituieren, also ihre eigenen Anbaumöglichkeiten zu erweitern”, erklärte Annen.

Doch auch hier gibt es Hindernisse. Einerseits können einige Staaten beispielsweise aufgrund klimatischer Bedingungen gar nicht oder nur sehr begrenzt die heimische Produktion ausbauen.

Sorge bereite auch die Verfügbarkeit von Düngemitteln – hier seien Russland und die Ukraine die wichtigsten Lieferländer.

Auch hier brauche es langfristige Maßnahmen. “Wir brauchen eine Diversifizierung und ein Umsteuern in der globalen Lebensmittelpolitik. Dinge wie nachhaltiger Anbau und nachhaltigere Agrarpolitik, an denen wir hier im BMZ schon lange mit Partnern arbeiten, sind hier gute Stichworte.”

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