Nobelpreisträger: EU-Politiker ignorieren „politisch unbequeme“ GVO-Forschung

Sir Richard Roberts: "Nicht jeder, der Besorgnisse vorträgt, ist ein verlässlicher Sprecher." [Sebastian Olenyi]

Viele europäische Politiker unterstützen zwar Forschungsarbeit, ignorieren dann jedoch die Ergebnisse, sollten diese „politisch unbequem“ sein, kritisiert Nobelpreisträger Sir Richard Roberts im Interview mit EURACTIV Brüssel.

Sir Richard Roberts ist ein englischer Biochemiker und Molekularbiologe. 1993 erhielt er mit Phillip A. Sharp den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Zusammen mit über hundert anderen Nobelpreisträgern unterzeichnete er ein Schreiben zugunsten der Präzisionslandwirtschaft und genetisch veränderter Organismen (GVO).

EURACTIV: Wann und aus welchem Grund haben Sie ihre Petition gestartet? Was haben Sie bisher damit erreicht?

Sir Richard Roberts: Im Juli 2015 habe ich ernsthaft damit begonnen, Unterschriften zu sammeln. Zuvor hatte ich mich mit einigen Preisträgern ganz allgemein über GVO unterhalten und wurde dabei dazu ermutigt, mich für das Thema einzusetzen. Bisher haben wir viele Rückmeldungen aus der Presse erhalten, jedoch kaum eine Reaktion von den grünen Parteien. Auch Greenpeace hat auf meinen Brief von Ende Juni noch nicht geantwortet. Diese Kampagne wird so lange laufen wie nötig – bis die Menschen merken, dass sie von den grünen Parteien vorsätzlich an der Nase herum geführt werden.

In der Petition fragen Sie, wie viele arme Menschen noch sterben müssen, bevor wir ein solches Vorgehen als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnen. Meinen Sie das ernst?

Sehr ernst! Vielen Menschen in Entwicklungsländern wird absichtlich die Möglichkeit verwehrt, moderne Landwirtschaftstechniken zu nutzen. Dabei könnten diese ihre Lebensstandards erhöhen. Zahlreichen Kindern könnte allein schon mithilfe von goldenem Reis [einer GVO-Reissorte] ein Schicksal in Blindheit oder mit Entwicklungsschäden erspart werden – wenn der Reis nicht in seiner Entwicklung behindert wird.

In Uganda verwelken Unmengen von Bananenpflanzen und es gibt keine Sorte, die auf natürliche Weise resistent dagegen ist. 30 Prozent der Kalorien, die die dortige Bevölkerung zu sich nehmen, stammen aus Bananen. Wenn sie diese wichtige Nährstoffquelle verlieren, könnten Millionen von Menschen in Subsahara-Afrika mit ihrem Leben dafür bezahlen.

Dabei bieten GVO eine Lösung. Wie viele Menschen müssen also noch sterben, bis unweigerlich klar wird, dass die GVO-Politik der Grünen Menschenleben fordert?

Grüne Politiker argumentieren häufig, es sei besser, vorzubeugen, als es später zu bereuen. Was würden Sie darauf erwidern?

Es gibt derzeit keinen Grund, anzunehmen, dass wir es später bereuen werden, eine Technologie genutzt zu haben, die sich als sicher – wenn nicht sogar sicherer als traditionelle Methoden zur Pflanzenzucht – erwiesen hat. Dieses Argument ist also hinfällig.

Außerdem hat es in der Geschichte der Innovation immer Risiken gegeben. Wir hätten heutzutage weitaus weniger Verkehrsunfälle, wenn wir alle noch mit Pferdekutschen herumfahren würden, anstatt Autos zu entwickeln. Die wichtigste Frage dreht sich doch gar nicht um die Sicherheit an sich, sondern eher darum, ob die Vorzüge die Risiken überwiegen. Fragen Sie mal einen ganz normalen afrikanischen Bürger, was er von dem Risiko hält, nicht ausreichend mit gesunden, nahrhaften Lebensmitteln versorgt zu sein.

Warum sind also so viele Europäer gegen GVO? Was hat die Agrar-Ernährungsbranche falsch gemacht?

Als in Europa erstmals GVO eingeführt worden sind, hat Monsanto den Löwenteil der Gewinne eingestrichen. Die Landwirte haben ein bisschen profitieren können, die Verbraucher hingegen gar nicht. Für sie gab es nur leichte Preiserhöhungen.

Da Europa nicht auf GVO angewiesen war und man der Agrar- und Ernährungsbranche ohnehin skeptisch gegenüberstand, konnten die grünen Parteien – vor allem aber auch Greenpeace – diese beiden Aspekte ohne Weiteres künstlich aufblähen. Das haben sie dann auch getan.

Sie wetterten gegen GVO mit dem Argument, man könne Monsanto eins auswischen und gleichzeitig Europa retten. Dabei tischten sie den Menschen Gruselgeschichten über die womöglich desaströsen Folgen weit verbreiteter GVO-Nutzung auf. Und es hat funktioniert. Greenpeace hat vermehrt Spenden eingestrichen und an politischem Einfluss gewonnen. Das Beste an dem Ganzen: Den europäischen Verbraucher hat es nichts gekostet.

Glauben Sie, dass der Bayer-Monsanto-Deal europäische Politiker in Sachen GVO stärker unter Druck setzen wird? Sind das gute Nachrichten für die Landwirte?

Ich kenne mich zu wenig mit der Agrar- und Ernährungsbranche aus, als dass ich zu den Folgen dieser Fusion etwas sagen könnte.

Die EU behauptet, ihre Entscheidungen basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Gleichzeitig möchte sie in ihrer Rechtsetzung auch demokratische Teilhabe sichern und dabei die Meinungen möglichst vieler Interessengruppen miteinbeziehen. Wie findet man da ein Gleichgewicht?

EU-Politiker scheinen Forschungsarbeit in der Tat sehr oft zu unterstützen. Dennoch beachten sie die Ergebnisse nicht weiter, wenn diese politisch unbequem sind. Das bringt mich zu der Frage, warum die Forschung überhaupt so stark gefördert wird, wenn sich letzten Endes niemand um die Ergebnisse schert. Natürlich ist es vernünftig, ein Gleichgewicht anzustreben. Das heißt jedoch, dass die Politiker und ihre Mitarbeiter besser darauf achten müssen, wem sie ein offenes Ohr schenken. Nicht jeder, der Besorgnisse vorträgt, ist ein verlässlicher Sprecher. Wissenschaftler hingegen bleiben in der Regel bei den Fakten. Sie kommen beim Lügen scheinbar nicht so ungeschoren davon wie die grünen Parteien.