„Moderne Biokraftstoffe brauchen einen nachhaltigen Rahmen“

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Laura Buffet: "Wir fordern einen schnelleren Ausstieg aus pflanzlichem Biodiesel und einen komplette Verzicht auf Treibstoffe aus Nutzpflanzen bis 2030." [CIFOR / Flickr]

Um moderne Biotreibstoffe zu fördern, müsse die EU einen „eindeutigen und robusten“ Nachhaltigkeitsrahmen schaffen, der für politische Gewissheit und Investitionssicherheit sorge, fordert die Expertin Laura Buffet im Interview mit Euractiv Brüssel.

Laura Buffet ist Expertin für Öl und Biotreibstoffe bei der NGO Transport & Environment (T&E).

Euractiv: Begrüßen Sie den Vorschlag der EU-Kommission zur Nutzung erneuerbarer Energien im Transportsektor nach 2020?

Buffet: Insgesamt halte ich den Entwurf für einen Schritt in die richtige Richtung. Die Kommission hat vorschlagen, die Menge an Biokraftstoffen aus Nutzpflanzen, die bei den Zielen erneuerbarer Energien einberechnet werden, von sieben Prozent auf 3,8 Prozent im Jahr 2030 zu senken. Wir würden uns jedoch sehr über weitere ambitionierte Maßnahmen in diesem speziellen Bereich freuen.

Wir fordern einen schnelleren Ausstieg aus pflanzlichem Biodiesel und einen kompletten Verzicht auf Treibstoffe aus Nutzpflanzen bis 2030. So könnte der Kommissionsvorschlag aus unserer Sicht noch verbessert werden. Die Kommission bewegt sich zunehmend in Richtung moderner Biotreibstoffe. Diese spielen auch in unseren Augen eine wichtige Rolle bei der Entkarbonisierung des Transportsektors – wenn sie denn nachhaltig erzeugt werden. Ist dies der Fall, können sie eine erhebliche Menge an Treibhausgasen einsparen, ohne sich dabei negativ auf das Land auszuwirken.

Wir wollen die Fehler der Vergangenheit mit dieser neuen Generation von Biokraftstoffen jedoch nicht wiederholen. Daher fordern wir einen strengen Nachhaltigkeitsrahmen, der Anreize für Biotreibstoffe schaffen soll.

Sowohl Sie als auch die Kommission ordnen Bioethanol und Biodiesel in dieselbe Kategorie ein. Warum?

Ich denke man sollte zuerst einen Schritt zurückgehen und darüber nachdenken, was die aktuellen Biotreibstoff-Maßnahmen im EU-Markt bewirkt haben. Biodiesel macht derzeit etwa 80 Prozent des Biokraftstoffmarktes in der EU aus. Ein Großteil davon ist Biodiesel auf Nutzpflanzenbasis, was laut der jüngsten Globiom-Studie im Namen der Kommission zu durchschnittlich 80 Prozent klimaschädlicher als fossiles Diesel ist.

Biokraftstoffe: EU will grüne Transportziele nach 2020 über Bord werfen

Ab 2020 will die Kommission die EU-Vorschriften über einen mindestens zehnprozentigen Anteil an erneuerbaren Energien im Transport wieder ausrangieren – und damit die langwierige Kontroverse über umweltschädigende Biokraftstoffe beilegen. EURACTIV Brüssel berichtet.

Die bestehenden Biokraftstoff-Maßnahmen haben offensichtlich nicht zu den besten Lösungen im Markt geführt. Davon abgesehen hat es in der Vergangenheit eine große Diskussion über Emissionen aus indirekten Landnutzungsänderungen (ILUC) gegeben. Damals haben wir darum gebeten, ILUC-Faktoren in die Berechnungen der Treibhausgasemissionen mit einzubeziehen, damit man die EU-Politik im Bereich Biokraftstoffe ambitioniert reformieren kann. Die Industrien jedoch ­– sowohl die Landwirtschaftsbranche als auch die Bioethanol- und Biodieselindustrie – waren dagegen, ILUC-Faktoren einzubinden. Daher haben die EU-Gesetzgeber diese Grenzwerte für Energiepflanzen eingeführt, um gegen die ILUC-Emissionen aufgrund von Nutzpflanzen vorzugehen. Genau dieses Instrument will die Kommission jetzt als Fortsetzung ihrer 2020-Ziele weiterführen.

Biodiesel auf Nutzpflanzenbasis produziert im Durchschnitt die meisten Treibhausgasemissionen. Man muss sich also nach besseren Alternativen umschauen. Wenn man dann die Biokraftstoffe aus Energiepflanzen – ob nun pflanzliches Bioethanol oder Biodiesel – mit modernen Biokraftstoffen aus Abfällen und Reststoffen vergleicht, schneiden letztere sowohl bei den Treibhausgasemissionen als auch den Klimavorzügen deutlich besser ab.

Außerdem ist es wichtig, das große Ganze zu betrachten, sich all die verfügbaren Alternativen anzusehen. In diesem weiteren Rahmen ist erneuerbare Elektrizität die beste, zur Verfügung stehende und messbare Option zur Entkarbonisierung von Verkehrskraftstoffen.

Die Biokraftstoffindustrie hat die Absicht der EU-Kommission, aus konventionellen Biokraftstoffen auszusteigen, harsch kritisiert mit den Worten, ein solcher Vorschlag sei „unfassbar ölfreundlich“. Wie sehen Sie das Ganze?

Ich denke, es hängt davon ab, wie man die Folgen des Vorschlags interpretiert. Noch einmal: Was die Kommission vorschlägt, bezieht sich auf die Menge von Biokraftstoffen auf Nutzpflanzenbasis, die man in die Ziele der Erneuerbaren einrechnen kann. Was dann auf dem Markt passiert, ist eine andere Frage. Hier müssen wir uns anschauen, womit das Öl ersetzt wird. Wenn das dann Biodiesel aus Energiepflanzen ist, das mehr Treibhausgasemissionen als fossiles Diesel verursacht, ergibt das Ganze überhaupt keinen Sinn.

Studie: Produktion von Biokraftstoff auch mit geringen Umweltschäden möglich

Die EU-Mitgliedsstaaten könnten ihre Produktion von Biokraftstoffen erhöhen, ohne dadurch mehr Wälder zu zerstören und die Umwelt schwer zu belasten, sagt eine Studie. EURACTIV Brüssel berichtet. 

Die EU-Kommission schafft derzeit Anreize, die moderne Biokraftstoffe und andere emissionsarme Optionen wie erneuerbaren Strom quantitativ fördern und in den Markt einbinden sollen. Langfristig erhofft sich die Kommission also mehr alternative Antriebsmöglichkeiten und dadurch einen Rückgang der verwendeten Ölmenge.

Was ist mit denjenigen, die in die erste Generation von Biokraftstoffen investiert haben? Wie kann man sie davon überzeugen, dass sich Investitionen in moderne Biotreibstoffe lohnen?

Die erste Generation an Biokraftstoffen hat bis jetzt von einer breiten Welle an öffentlicher Zustimmung profitiert. Für die eigentlich besseren Transportalternativen – also Biokraftstoffe aus Abfällen und Reststoffen oder erneuerbaren Strom  – hat die Politik noch nicht so viel Unterstützung mobilisieren können. Wir haben vor einer Weile eine Studie über die Investitionsfrage in Auftrag gegeben. Diese hat zum Beispiel gezeigt, dass sich 95 Prozent der Investitionen in Biodieselanlagen bis Ende 2017 auszahlen. Es ist also an der Zeit, die öffentliche Unterstützung hin zu den besseren Alternativen zu verlagern.

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Das wichtigste Element, um Investitionen in moderne Biokraftstoffe zu sichern, besteht darin, einen neuen adäquaten Nachhaltigkeitsrahmen für sie zu schaffen. Ein eindeutiger und robuster Nachhaltigkeitsrahmen bringt politische Gewissheit und Investitionssicherheit. Wenn wir eine weitere politische Kehrtwende bei den modernen Biotreibstoffen vermeiden wollen, müssen die derzeit vorgeschlagenen Nachhaltigkeitskriterien verbessert werden.

Haben Sie untersucht, wie sich ein Ausstieg aus konventionellen Biokraftstoffen auf die Beschäftigung im EU-Landwirtschaftssektor auswirken wird?

Wir haben uns bei unseren Untersuchungen auf bereits getätigte Investitionen in der Biokraftsstoffindustrie konzentriert. Außerdem waren wir Teil des Forschungsprojektes „Biofrontiers“ für Abfälle und Reststoffe. Das Projekt hat sich mit der Verfügbarkeit dieser Stoffe beschäftigt und potenzielle Beschäftigungsmöglichkeiten in diesem Bereich ausgewertet. Dem International Council on Clean Transportation zufolge könnte die Verlagerung hin zu modernen Biokraftstoffen in der EU Zehntausende permanente Stellen und Arbeitsplätze auf dem Bau fördern.

Darüber hinaus kam die Folgenabschätzung der EU-Kommission zu dem Ergebnis, dass ein Komplettausstieg aus Biokraftstoffen auf Nutzpflanzenbasis bis 2030 zwar zu direkten Arbeitsplatzverlusten in der konventionellen Biokraftstoffproduktion führen könnte, sich gleichzeitig aber neue Stellen im Bereich der modernen Biotreibstoffe ergeben würden. In jedem Falle stünde den Landwirten nach wie vor ihr Boden zur Verfügung, auf dem sie Lebendmittel anbauen könnten, wie sie es schon vor dem Biokraftstoff-Boom getan haben.

Das Interview wurde gekürzt. Die vollständige Fassung finden Sie hier.

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