Lebensmittelabfälle: Zeit für einen Bewusstseinswandel

Unmengen an Obst und Gemüse landen allein aus ästhetischen Gründen nicht im Supermarktregal.

Die Verbraucher spielen eine wichtige Rolle im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung. Doch auch entlang der kompletten Lieferkette ist ein Wandel erforderlich – vor allem in den Supermärkten, sagt Olivier Jan im Interview mit EURACTIV-Kooperationspartner La Tribune.

Olivier Jan ist Mitarbeiter bei Deloitte Sustainability Services.

Jedes Jahr landen Lebensmittel im Wert von 143 Milliarden Euro in den Mülleimern. Nun zeigt eine Studie der französischen Agentur für Umwelt und Kontrolle des Energieverbrauchs (ADEME) vom 26. Mai, dass Verbraucher zwar für ein Drittel der Nahrungsabfälle in Frankreich verantwortlich sind. Ein Großteil der Lebensmittel gehe jedoch auch bei den einzelnen Stationen entlang der Wertschöpfungskette verloren.

Ähnliche Beobachtungen machte das Fusion-Projekt der EU (Food Use for Social Innovation by Optimising Waste Prevention Strategies), welches seine Ergebnisse am 24. Mai in Brüssel vorstellte.

EU-weit sind die Dimensionen noch etwas anders. Von den insgesamt 88 Millionen Tonnen an Lebensmittelabfällen (173 kg pro Person beziehungsweise 20 Prozent aller in Europa produzierten Lebensmittel) entfallen 53 Prozent auf die Haushalte. Die restlichen 47 Prozent entstehen in abnehmender Reihenfolge bei der Weiterverarbeitung, Herstellung, in der Gastronomie und im Vertrieb. Für die EU entstanden dadurch 2012 Verlustkosten von etwa 143 Milliarden Euro – darunter bedenkenlos essbare Lebensmittel im Wert von 28 Milliarden Euro.

Häufig gelten Verbraucher als die Hauptschuldigen in Sachen Lebensmittelverschwendung. Was genau hat Ihre Studie ergeben?

Europäische Konsumenten spielen in der Tat eine wichtige Rolle. Sie verfügen aber auch über großes Potenzial, die Lebensmittelabfälle zu verringern. Zum einen verlangen sie Qualität, was zu Lebensmittelabfällen weiter oben in der Wertschöpfungskette führt – ganz besonders bei Ost und Gemüse. Zum anderen produzieren sie direkte Abfälle. Das ist die Differenz zwischen dem, was sie einkaufen, und dem, was sie tatsächlich verbrauchen. Während sie also etwa die Hälfte aller Abfälle produzieren, sind sie für zwei Drittel der verschwendeten Wertschöpfung (98 Milliarden Euro) verantwortlich. Denn sie werfen mehr Waren weg als die anderen Akteure entlang der Lieferkette.

Zum Teil sind die Lebensmittel, die in den Mülleimern landen, nicht einmal Essensreste, sondern völlig unberührte Nahrung. Außerdem steigt der Wert der Lebensmittel entlang der Vertriebskette.

Es gibt viele gute Gründe, gegen Lebensmittelverschwendung vorzugehen: den Kampf gegen Armut, eine effizientere Nutzung von Ressourcen sowie eine ganze Reihe von wirtschaftlichen und ökologischen Vorteilen. Wo sehen Sie besonderen Handlungsbedarf?

Für mich stechen vor allem zwei Themen heraus. Erstens, die wirtschaftliche Verbraucherlogik. In einer Zeit, in der sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt und die Haushalte immer weniger für Lebensmittel ausgeben, kann es sich keiner leisten, dieses Einsparpotenzial zu ignorieren. Durch die Verminderung der Lebensmittelabfälle steigt die Kaufkraft – und zwar nicht unerheblich: Der britischen NGO Wrap (Waste and Resources Action Programme) zufolge wirft jeder Haushalt im Vereinigten Königreich pro Jahr Essen im Wert von 500 Euro in den Müll.

Zweitens sollten wir den Kampf gegen Lebensmittelverschwendung als breiteren Bestandteil der Überlegung betrachten, wie wir die Ressourcen unserer Erde am besten nutzen. Man geht inzwischen davon aus, dass die landwirtschaftliche Produktion bis 2050 um 65 Prozent steigen muss, damit die Weltbevölkerung ernährt werden kann. Heute gehen jedoch 30 bis 40 Prozent der Erzeugnisse verloren oder landen im Müll.

Was können oder sollten öffentliche Käufer tun, um das Problem anzugehen?

So wie ich es sehe, liegt die Hauptaufgabe der öffentlichen Akteure darin, die Initiativen anderer Behörden zu sichern. Vor diesem Hintergrund spielt das Thema Regulierung eine große Rolle. Außerdem ist es wichtig, die Quantität der verlorenen Mengen entlang der einzelnen Stationen der Wertschöpfungskette besser zu bestimmen – zum Beispiel indem man in den EU-Mitgliedsstaaten gemeinsame Definitionen und vergleichbare Schätzungen aufstellt. Bisher verfügen nur ein Drittel der Länder über Daten ausreichender Qualität.

Durch Studien wie unsere können öffentliche Einrichtungen auch zur Identifikation und Verbreitung guter Initiativen beitragen. Außerdem können sie darüber aufklären, wie sich Lebensmittelabfälle vermeiden lassen.

Und die privaten Akteure?

Der Gastronomie stehen viele Möglichkeiten zu Verfügung, die inzwischen zur „guten Praxis“ geworden sind. Sie können Kunden gestatten, sich selbst aufzutun, unterschiedliche Gerichtgrößen anbieten oder jene Produkte günstiger anbieten, die nicht mehr lange haltbar sind.

Die Erzeuger und der Vertrieb müssen einen wahren Gesinnungswechsel vollführen: weg vom Prinzip „mehr zu verkaufen“ und hin zu dem Gedanken „besser zu verkaufen“. Über ihren vergleichsweise kleinen Anteil der Lebensmittelabfälle hinaus stellen Händler ein wichtiges Glied in der Wertschöpfungskette dar. Sie sind nämlich in der Lage, Einfluss in beide Richtungen der Kette auszuüben.

Auch die unterschiedlichen Vermittler (Verbände, Kollektivgesellschaften etc.) können einen Beitrag im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung leisten. So können sie die verschiedenen Akteure an einen Tisch bringen und die Verbraucher informieren. Letztere vergessen häufig die einfachsten Maßnahmen, wie zum Beispiel das Schreiben von Einkaufslisten, damit man nicht blind in die Marketing-Fallen der Supermärkte tappt.

Was halten Sie von den Maßnahmen, die Frankreich im Februar ergriffen hat? Wird das Land so zum Vorreiter in Europa, wie der Europaabgeordnete und Berichterstatter Guillaume Garot gesagt hat?

Die neuen französischen Gesetze sind ohne Zweifel ein Schritt in die richtige Richtung, vor allem weil sie das Bewusstsein in der Öffentlichkeit gestärkt haben. Es scheint jedoch, als müssten wir noch etwas weiter gehen und ergänzende Rechtsinstrumente schaffen – gerade bei der Umverteilung von Lebensmitteln. So können wir zum Handeln anstoßen und gleichzeitig die notwendige Rechtssicherheit bieten.

In unserer nächsten Studie werden wir versuchen, mögliche Standardmaßnahmen auf europäischer Ebene zu identifizieren.

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