Landwirtschaft: Sahelzone muss ihre Produktivität steigern, um den Bevölkerungs-Boom zu schultern

Aus Sicht von EU-Entwicklungskommissar Mimica sind private Investitionen und gute Zusammenarbeit mit lokalen Behörden der Schlüssel zum Erreichen der SDGs. [Jen Watson/ Shutterstock]

This article is part of our special report Die Landwirtschaft als Schlüsselfaktor für Afrikas Aufstieg.

Da sich ihre Bevölkerung bis 2050 wohl verdoppeln wird, müssen die Länder der Sahelzone – Niger, Mauretanien, Mali, Burkina-Faso und Tschad – ihre landwirtschaftliche Produktivität steigern, um ihre Bürger zu ernähren. EURACTIV Frankreich berichtet.

Alain Billand ist Chief Policy Officer in der Abteilung Umwelt und Gesellschaft des Französischen Landwirtschaft-Wissenschaftszentrum für Internationale Entwicklung (CIRAD).

Wie würden Sie die Situation in Bezug auf die landwirtschaftliche Produktivität in der Sahelzone aktuell beschreiben?

Das Sahelgebiet ist eine Übergangszone zwischen der Sahara und feuchteren Gebieten wie der Elfenbeinküste. In dieser Region sind die Böden karg und die Wetterbedingungen extrem, sowohl mit Blick auf die Hitze als auch die Niederschläge. Deswegen ist die Landwirtschaft in der Sahelzone stark eingeschränkt und die Zeitfenster für die Aussaat sind sehr eng, manchmal nur wenige Tage lang.

Dies ist sicherlich eine Region, in der sich die Landwirtschaft in einer alles anderen als optimalen Situation befindet. Doch um sich diesen Bedingungen anzupassen, haben die lokalen Bevölkerungen angemessene landwirtschaftliche Strategien entwickelt. Das Stichwort „Widerstandsfähigkeit“ ist in dieser Region überaus wichtig.

Zusätzlich zu den Umweltfaktoren schränken aber auch wirtschaftliche Aspekte die Landwirtschaft in der Sahelzone ein. Laut dem Entwicklungs-Index der Vereinten Nationen (Human Development Index) gehören die Länder dieser Region zu den ärmsten der Welt.

Die Probleme für die Landwirte dieser Region sind also vielfältig.

Genau. Die Sahel-Bevölkerung ist beispielsweise auch sehr schlecht gerüstet, um auf den Klimawandel zu reagieren. Der Planet wird weltweit immer wärmer; und in der Sahelzone könnte es gerade in den wärmsten Gebieten zu einem weiteren Temperaturanstieg kommen. Dies sind allerdings zunächst einmal Prognosen, da es sich um eine Region handelt, für die nur wenige Daten verfügbar sind und wo Vorhersagen daher schwierig sind. Mit Blick auf die Niederschläge besteht derweil die Gefahr, dass die Regenzeit noch konzentrierter, noch heftiger ausfällt. Daher müssen neue Systeme zur Wasseraufnahme gefunden werden.

Darüber hinaus hat Gesamtafrika rund 1,3 Milliarden Einwohner; und die Bevölkerung könnte sich innerhalb von nur 20-30 Jahren verdoppeln. Laut Prognosen für 2100 – also in drei Generationen – wird der afrikanische Kontinent dann rund 5 Milliarden Einwohner haben.

Diese demografische Entwicklung wird Folgen haben – insbesondere im Sahelgebiet, wo der demografische Wandel [hin zu weniger Kindern] noch nicht wirklich begonnen hat. So liegt die Geburtenrate im Niger bei 7,6 Kindern pro Frau. Das Land hat eine der höchsten Fruchtbarkeitsraten der Welt. Und es liegt gleichzeitig im Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen auf dem vorletzten Rang.

Diese wachsende Bevölkerung muss ausgebildet werden, in Arbeit kommen – und auch ernährt werden.

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Reicht die Nahrungsmittelversorgung in der Sahelzone denn aus, um auf dieses Bevölkerungswachstum zu reagieren?

Tatsächlich kann man feststellen: Während die Bevölkerung in der Region angestiegen ist, hat sich auch die verfügbare Menge an Nahrungsmitteln vergrößert. Im Sahel hat sich die landwirtschaftliche Produktionskurve in etwa analog zum Bevölkerungswachstum entwickelt.

Es gibt dort also kein chronisches Nahrungsdefizit, aber es kann saisonale Engpässe geben, die durch Klima- oder Zugangsprobleme verursacht werden. Das Haupthindernis für die Nahrungsmittelversorgung ist derzeit nicht der Mangel an landwirtschaftlicher Produktion, sondern der Mangel an Zugänglichkeit und Geldmitteln. Für einen großen Teil der Bevölkerung sind die Lebensmittel nach wie vor schlichtweg zu teuer.

Was die Zugänglichkeit zu Nahrung betrifft, so ist der eklatanteste Mangel an Lebensmitteln zum Beispiel in den von [der Terrororganisation] Boko Haram kontrollierten Gebieten zu spüren.

Es gibt also kein Produktivitätsproblem in der Sahelzone?

Die Sahelzone hat ihre landwirtschaftliche Produktion aufgrund der Zunahme der Ackerflächen erhöht. Durch die Rodung der Savanne und von Landflächen um die Dörfer herum haben die Menschen im Sahel die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen erweitert und ihre Produktion gesteigert. Aber nun beginnt die Verfügbarkeit von Ackerland zu einem Problem zu werden: Denn alle guten Bodenflächen werden bereits bewirtschaftet – und das Ackerland ist nicht unendlich.

Um die Sahelzone zu ernähren, müssen also die Ernteerträge gesteigert werden. Gleichzeitig hat diese Weltregion eben nicht das nötige Geld wie beispielsweise Saudi-Arabien, um in der Wüste intensiven Nutzpflanzenanbau zu betreiben.

Wie gesagt: Derzeit sterben die Menschen in der Sahelzone nicht an Hunger. Aber das Problem der Unterernährung ist nach wie vor höchst problematisch, insbesondere bei Kindern.

Wie kann das Sahelgebiet dann seine landwirtschaftliche Produktivität steigern?

Europa könnte seine Weizenproduktion problemlos verdoppeln und nach Afrika schicken. Aber das ist nicht die Lösung. Die Sahelzone muss ihre eigene landwirtschaftliche Produktivität entwickeln.

Das verwendete Saatgut ist ein Problem: Ein großer Teil der Samen ist ländlichen, lokalen Ursprungs, wie Hirse und Sorghum. Dies ist sehr vorteilhaft, da diese Samen frei verfügbar sind. Außerdem wurden sie über Generationen hinweg sorgfältig selektiert und sind daher sehr gut an die Böden in der Region angepasst. Aber: Sie sind nicht hochproduktiv. Darüber hinaus müssen Kulturen gezielt vorangetrieben werden, die recht rentabel sein können, wie z.B. der Gemüseanbau.

Ein weiteres Problem ist, dass viele aktuell geerntete Feldfrüchte nicht sehr gesund sind, insbesondere in städtischen Gebieten, wo sie in der Nähe von stehenden Gewässern oder in stark verschmutzten Böden angebaut werden.

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Um eine ausgewogene Nahrungsmittelversorgung zu gewährleisten, müssen wir die lokale Landwirtschaft weiterentwickeln. Und das ist insbesondere in stadtnahen Gebieten und Städten wichtige, in denen die afrikanische Bevölkerung zunehmend konzentriert ist.

Junge Menschen aus den ländlichen Sahel-Gebieten wollen nicht mehr in ihren Dörfern bleiben. Sie ziehen in die Städte und werden dort oft mittellos, weil es bisher keine Entwicklung der Beschäftigung im Industrie- oder im Dienstleistungssektor gegeben hat, wie sie in Europa oder Asien stattgefunden hat. Der Umzug in Städte ist daher oft gleichbedeutend mit Armut. Deshalb müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen – vor allem in den regionalen Ballungszentren, die Zugang zu einigen Dienstleistungen bieten können, die es in Dörfern nicht gibt, wie z.B. die Lebensmittelverarbeitung. Und gleichzeitig muss die Beschäftigung in der Landwirtschaft erhalten bleiben.

Der Schlüssel scheint also zu sein, die landwirtschaftliche Produktion zu erhöhen, ohne die Probleme der hochintensiven Landwirtschaft zu übernehmen, mit denen Europa gerade hadert. Wie kann dies geschafft werden?

Man kann nicht einfach die nördlichen Landwirtschafts-Modelle auf die Sahelzone anwenden. Man denke allein an den umfangreichen Einsatz von Chemikalien. Das Besondere ist: Wir starten bei Chemikalien praktisch von einem Naturzustand aus, denn im Sahel wurden bisher fast gar keine Düngemittel eingesetzt.

Anstatt jetzt den Einsatz von Chemikalien um das Zehnfache zu erhöhen, ist es wichtig, die ökologische Landwirtschaft sofort zu entwickeln und voranzubringen, insbesondere durch den Einsatz digitaler Instrumente.

Letztendlich wird man aber auch Chemikalien nicht vollständig auslassen können. Diese können es nun einmal ermöglichen, die Erträge zu steigern. Und das ist essenziell, um dem Bevölkerungswachstum zu begegnen.

Wie kann Ihre Organisation CIRAD diesen landwirtschaftlichen Übergang im Sahelgebiet unterstützen? Sie haben beispielsweise die Erklärung von Ouagadougou unterzeichnet…

Richtig, das CIRAD und die nationalen Institute für Agrarforschung in den Sahel-Ländern haben gemeinsam die Erklärung von Ouagadougou verabschiedet. Diese Erklärung hat die Absicht, die landwirtschaftlichen Ziele der Sahel-Allianz zu unterstützen. Letztendlich zielt sie darauf ab, Entwicklungslösungen für die Region besser zu koordinieren.

Die Erklärung von Ouagadougou beinhaltet acht Prioritäten für die landwirtschaftliche Entwicklung im Sahel und sieht vor, dass die unterzeichnenden Institutionen ihr Wissen bündeln, um die Suche nach Lösungen zu beschleunigen.

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